Schweizer Journalistinnen prangern Sexismus an »Bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?«

Einschüchterungen, Lohnungleichheit und Machosprüche: In einem offenen Brief beschreiben Journalistinnen der Schweizer Tamedia-Gruppe Sexismus in der Redaktion – und fordern Geld, Quote und neue Standards.
Tamedia-Verlagshaus in Zürich: »Männerbünde nehmen Überhand«

Tamedia-Verlagshaus in Zürich: »Männerbünde nehmen Überhand«

Foto: Raisa Durandi

78 Journalistinnen der Schweizer Mediengruppe Tamedia haben sich in einem offenen Brief über strukturellen Sexismus in ihren Redaktionen beschwert. Frauen würden systematisch »ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert«, schreiben die Unterzeichnerinnen. Sie würden in Sitzungen »abgeklemmt«, kämen weniger zu Wort, ihre Vorschläge würden nicht ernst genommen, lächerlich gemacht oder offen geklaut. Hinzu kämen schlechtere Karrierechancen und eine niedrigere Entlohnung. Tamedia, ein Tochterunternehmen der TX Group, verlegt in der Schweiz unter anderem den »Tages-Anzeiger« und die »Basler Zeitung«. Über die Gratiszeitung »20 Minuten« ist der TX-Konzern an dem österreichischen Medium »Heute« beteiligt.

Die Unterzeichnerinnen des offenen Briefs  zählen auf sieben von zwölf Seiten Beispiele für sexistische Kommentare und Gesprächssituationen auf, die sie in ihren Redaktionen erlebt oder beobachtet haben, aufgeteilt in fünf Kategorien: Beleidigungen und sexistische Bemerkungen, Umgangston und Klima, verhinderte Themen und Geschichten, erschwerte Entwicklungsmöglichkeiten sowie der ungleiche Lohn.

»Du bist so hübsch, du bringst es sicher noch zu was«

Viele Frauen berichten davon, von Kollegen auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Junge Journalistinnen könnten doch bestimmt aus einem älteren Manager etwas »herauskitzeln«, bekämen »viel mehr Infos« als all die »Anzugträger« oder sollten bei Terminen in Banken »das kleine Schwarze hervorholen«. Eine Frau erinnert sich an folgenden Kommentar: »Man könnte meinen, dass wir unsere Leute wegen ihres Aussehens anstellen.« Einer anderen sei gesagt worden: »Du bist so hübsch, du bringst es sicher noch zu was«.

Auch bei der Entlohnung gebe es eklatante Unterschiede. In einem Team würden Frauen bei gleicher Qualifikation, Erfahrung und Leistung deutlich weniger als die Männer verdienen, heißt es. In dem Brief sind auch subtilere Formen der Herabsetzung dokumentiert. Etliche Frauen erzählen davon, bei Beförderungen grundsätzlich nicht berücksichtigt zu werden. Seit Beginn der Corona-Einschränkungen nehme es »mit den Männerbünden Überhand«, schreibt eine Journalistin. In Videokonferenzen würden Frauen teilweise nur gefühlte zehn Prozent der Redezeit einnehmen, Inputs und Vorschläge würden ignoriert oder von Männern als eigene Argumente übernommen. Bis heute fänden Kollegen schlüpfrige Sätze witzig wie: »Da bei dir im Hintergrund schreit ein Kind, habe ich das mit dir gezeugt?«

Arthur Rutishauser, Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia und Chefredakteur der »SonntagsZeitung«, nennt Aussagen dieser Art »nicht akzeptabel«. Man nehme das Schreiben ernst, viele Beispiele würden den Unternehmensgrundsätzen komplett widersprechen. »Jegliche Art von Belästigung und Diskriminierung wird bei uns nicht toleriert. Wir werden den konkreten Vorwürfen nachgehen und diese sorgfältig prüfen«, sagt Rutishauser.

Ein Brief mit langer Vorlaufzeit

Spricht man mit Unterzeichnerinnen des offenen Briefs, kristallisiert sich eine lange Vorgeschichte heraus, und sie beschränkt sich nicht nur auf den Tamedia-Verlag. »Es gab auch schon vor zehn und fünfzehn Jahren solche Briefe«, sagt eine Journalistin. Zusätzlichen Schwung in die Angelegenheit habe aber der Frauenstreik im Jahr 2019 gebracht. In landesweiten Demonstrationen und Kundgebungen wurde damals in der ganzen Schweiz unter dem Motto »Lohn. Zeit. Respekt.« unter anderem eine finanzielle Aufwertung von Arbeit von Frauen und eine stärkere Bekämpfung von Sexismus und sexueller Belästigung gefordert. Vor und nach dem Streiktag habe es mit der Tamedia-Führung »nette, freundliche, wohlwollende« Gespräche gegeben, sagt die Journalistin – allerdings ohne wirklichen Erfolg.

Dass der Verlag um die Sprengkraft des offenen Briefs wusste, zeigt eine E-Mail, die am Tag vor Erscheinen an viele Verlagsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen ging, sie liegt dem SPIEGEL vor. Unter dem Titel »Frauenförderung: Wir wollen uns verbindliche Ziele setzen und alle Bereiche einbinden«, schreiben die Mitglieder der Tamedia-Geschäftsleitung – unter ihnen vier Frauen – wie sie sich einen Verlag mit mehr »Diversity« vorstellen. Die Frauenförderung sei ein Teil davon.

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Frauenanteil bei Führungskräften »deutlich zu tief«

Der Frauenanteil bei Tamedia liege derzeit bei 38 Prozent, schreibt die Geschäftsleitung, insbesondere bei den Führungskräften sei dieser aber »deutlich zu tief«. Das wolle man ändern, für systematische Probleme bei der Lohnungleichheit habe man jedoch keine Hinweise gefunden. Derzeit soll sich eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Priska Amstutz, Co-Chefredakteurin des »Tages-Anzeigers«, mit den »Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Entwicklung und Zusammenarbeit« beschäftigen, die Berichterstattung soll »noch ausgeglichener werden«. Weitere Vertrauenspersonen werden definiert, »an die sich alle wenden können, die Ungerechtigkeit in ihrem Arbeitsalltag erleben«. Soweit so gut?

Bei den Unterzeichnerinnen sieht man das voreilige Statement als Teil des Problems. Mit Priska Amstutz solle sich eine der wenigen Frauen in Führungspositionen mit anderen freiwillig arbeitenden Frauen in ihrer Freizeit um das Thema kümmern. »Das kostet nichts und sieht gut aus«, sagt eine Journalistin. Ihre Forderungen, die auch ihre Mitstreiterinnen formuliert haben, gehen weiter: Bei Fällen von Mobbing, sexueller Belästigung, Stalking, Hassnachrichten oder abwertenden Onlinekommentaren sollte es in Zukunft ein standardisiertes Verfahren geben, das die Betreuung durch psychologische Fachpersonen miteinbezieht. Es brauche ein Förderprogramm mit personellen und finanziellen Ressourcen. Strategisch wichtige Teams sollten von vornherein mit mindestens einem Drittel Frauen besetzt werden.

Außerdem wollen die Journalistinnen eine anonyme Umfrage, eine Art »Stimmungsbarometer« zum Arbeitsklima in den Redaktionen. Das einzige Problem der Forderungen: Viele von ihnen sind bereits bekannt. Sie wurden im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert – und bisher nicht erfüllt.