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MODE / AFRO-LOOK Schwestern in Soul

aus DER SPIEGEL 29/1969

»Black is beautiful« -- Schwarz ist schön: Ursprünglich war es nur eine von vielen Rassenkampfparolen mit dem Zweck, das Selbstbewußtsein der jungen Schwarzen Amerikas zu stärken. Nun wurde aus der Polit-Parole ein Werbeslogan: Auch Weiße fangen an, Schwarz schön zu finden.

Nie zuvor bat sich der amerikanische Eitelkeiten-Markt -- Werbung, Mode und Kosmetik -- so sehr um die krausköpfigen Schönheiten des Landes bemüht. »Plötzlich ist es modern, schwarz zu sein«, bemerkte das in Modedingen tonangebende Textilblatt »Women's Wear Daily«, und es zitierte eine junge Negerin« »Jedes Mädchen möchte jetzt eine Soul-Schwester sein.«

Als einer der ersten schwenkte D. Parke Gibson, 38, ein schwarzer Marketing-Mann aus New York, auf den neuen Trend ein. Er veröffentlichte ein Buch mit dem Titel »Der 30-Milliarden-Dollar-Neger« (so viel geben US-Schwarze jährlich für Konsumgüter aus) und berät seither die weiße Wirtschaft, wie mit Hilfe von Inseraten in Negerpublikationen an einen Teil des Geldes heranzukommen sei.

Einige Firmen versuchen es nach wie vor mit Bleichcremes für die Haut, mit Haarentkrausern oder sanft gewellten Perücken -- wohl ohne große Chance. Denn üppige Krausköpfe, bis vor kurzem noch demonstrative Haartracht der schwarzen Protestler, sind nun ins System integriert und zum Modegag geworden. Nicht nur rassebewußte Schwarze (die sich ihr dauerentkraustes Haar jetzt wieder künstlich locken lassen), auch weiße Modefans beiderlei Geschlechts huldigen neuerdings dem »Afro« oder »Natural Look« mit wolligen Kräuselperücken. »So wie sie stundenlang an der Sonne braten, um »Farbe' zu bekommen«, spöttelte das Neger-Magazin »Ebony«, »legen sie sich jetzt künstlich die edle Krause zu.«

Salben und Tinkturen, ursprünglich für schwarze Haut gemixt, sind plötzlich begehrt. Nach einer Reihe nicht sonderlich erfolgreicher Jahre verzeichnet Carmen Murphy, 53, ein dunkelhäutiges Ex-Photomodell, seit kurzem Verkaufserfolge. Mrs. Murphy brachte 1951 die »Carmen Cosmetics«, die erste Spezial-Hautpflege für Negerinnen (mit immerhin 36 schwarzbraunen Make-up-Schattierungen), auf den Markt. Der Boom in Schwarz brachte ihr jetzt neue Kundschaft, »50 Prozent davon Weiße«.

Vollends auf Schwarz setzt eine kürzlich in New York gegründete Photomodell-Agentur namens »Black Beauty«. Die beiden Direktorinnen, Betty Forray und Nancy McDevitt. sind blond und blauäugig, ihre 20 Posiermädchen und -männer ausnahmslos farbig. Top-Agenturen wie Ford, Wagner und Wilhelmina führen schon seit geraumer Zeit Exotisches in ihrem Beauty-Angebot: schwarze Supermodelle wie die katzenartige Donyale Luna oder Naomi Sims, neben denen die langbeinigen Glorias und Veruschkas fast farblos wirken.

»Schwarz ist schön, von Natur aus schön«, so annoncierte ein Kosmetik-Fabrikant den neuen Trend ("Aber was macht Schwarz noch schöner? Nadinola-Creme!"). Und sogar ein Schmuck-Versandhaus griff schon nach dem zugkräftigen Werbeslogan -- zur Steigerung des Absatzes von schwarzen Diamanten.

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