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NACHRUF Sebastian Haffner

aus DER SPIEGEL 2/1999

Er war der Meister der kurzen, zielgerichteten historischen Erzählung und gehörte in den siebziger Jahren zu den einflußreichsten Kolumnisten in Deutschland. Er war aber auch ein Anachronismus, ein Herr, der im dreiteiligen Anzug neben den 68er Studenten, mit denen er unter dem Einfluß seiner Tochter stark sympathisierte, wie ein Irrläufer aus den zwanziger Jahren wirkte. Er dozierte mit hoher gepreßter Stimme - und man lauschte ihm in den frühen Tagen des Fernsehens, weil er etwas zu sagen hatte.

Hitler war sein Lebensthema. Er habe nie ohne Widerwillen über ihn geschrieben, sagte er in einem Interview. Mit Schwung und Sympathie hingegen widmete er sich Churchill, über den er eine hinreißende Biographie schrieb. England hatte ihm und seiner jüdischen Frau ja auch Asyl gewährt, damals 1938.

Sebastian Haffner, geboren 1907 in Berlin, hieß eigentlich Raimund Pretzel. Er war Kind im Kaiserreich, Student in der Weimarer Republik und hellsichtig genug, zu ahnen, was Hitler für Deutschland und die Welt bedeutete. Der gelernte Jurist wollte nicht als Richter in den Dienst dieses Staates treten, sondern verlegte sich darauf, seinen Lebensunterhalt mit harmlosen Beiträgen in der »Berliner Illustrirten«, der »Neuen Modewelt« oder der »Vossischen Zeitung« ("Das Leben der Fußgänger") zu verdienen.

Als die Nazis seine Freundin und spätere Ehefrau Erika Hirsch als Volljüdin einstuften, ging das Paar nach London. Pretzel schlug sich als Redakteur eines deutschsprachigen Emigrantenblattes durch. Um seine Familie in Deutschland zu schützen, gab er sich das Pseudonym Sebastian Haffner - Haffner nach der berühmten Haffner-Symphonie von Mozart, Sebastian in Verehrung für Bach.

Das Pseudonym prangte 1940 auf einem Buch, in dem Haffner den Briten die Deutschen und Hitler erklärte: »Germany: Jekyll & Hyde«. In der Parabel von der gespaltenen Persönlichkeit deutete der 32jährige Emigrant Hitler als den Typ des Selbstmörders. Der Verleger David Astor las das Werk und stellte dessen Autor bei seinem »Observer« ein. Ins Deutsche wurde das Büchlein erst 1996 rückübersetzt. Da schon erlebte Haffner, längst krank und an seine Berliner Wohnung gebunden, eine kleine Renaissance.

Aus der Emigration war er 1954 zurückgekehrt, »ein Deutscher mit britischem Paß«, wie er gern festhielt. Von da an deutete er in Zeitungskolumnen, Dokumentarfilmen und Büchern das 20. Jahrhundert; sein zweites großes Thema war Preußen. Den Gegenständen seiner Betrachtungen näherte er sich mit einfachen Fragen und kam zuverlässig zu anderen Urteilen als die akademische Forschung. Verdienten Ruhm ernteten vor allem seine »Anmerkungen zu Hitler«.

Dabei blieb sich Haffner glücklicherweise keineswegs treu. Er war ein Kalter Krieger, der noch 1961 die Atombombe für Deutschland forderte. Sein Eintreten für den SPIEGEL und die Pressefreiheit in der SPIEGEL-Affäre 1962 entfremdete ihn der Springer-Presse. Haffner ging von der »Welt« zum »Stern«, eine Liaison, von der beide Teile profitierten. Nebenbei hatte er in »Konkret« jahrelang eine eigene Buchkolumne. In seinem vorletzten Buch »Von Bismarck zu Hitler« schrieb Haffner 1987 ebenso apodiktisch wie schnörkellos: Eine Wiedervereinigung sei »nicht vorstellbar, nicht einmal theoretisch«. Den Irrtum gestand er schnörkellos ein: »Meine größte Blamage.«

Nach dem Tod seiner zweiten Frau 1995 verzichtete Haffner aufs Fernsehen. Er empfing nur noch wenige Besucher, plagte sich mit dem düsteren Gedanken, ob er »nicht eher umsonst gelebt« habe. Hat er bestimmt nicht, sagen seine notorischen Leser.

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