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MUSEEN Sehr persönlich

Ex-»Stern«-Chef Henri Nannen eröffnet die von ihm gestiftete Kunsthalle in Emden. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Vorletzte Woche erst haben die 476 Mitglieder des Kunstvereins in Ostfriesland einen liebenswürdig gewundenen Brief von sieben Seiten Länge erhalten. Darin konnten sie, einerseits und ausdrücklich, lesen, wie herzlich sie auf den 3. Oktober zu einem Festakt in das Theater der Stadt Emden eingeladen sind, andererseits und zwischen den Zeilen aber auch, wie äußerst praktisch es bei den »beengten Platzverhältnissen« doch wäre, wenn sie nicht unbedingt vollzählig und wohl gar noch samt Angehörigen kämen. »Mit allen guten Wünschen Ihr Henri Nannen.«

Eng wird es auf jeden Fall in Emden, und das soll so sein. Denn Nannen, Ex-Chefredakteur des »Stern« und nunmehr 72, lädt nicht nur die Vereinsmitglieder zur Feierstunde, sondern zugleich einen nennenswerten Teil der großen (Kunst-) Welt. Viel Prominenz wird erwartet, voran der Bundespräsident, doch auch so mancher aus der Creme der Museumsleute, Galeristen, Künstler und sowieso aus Nannens früherem Gewerbe. Der Anlaß: Eröffnung der »Kunsthalle in Emden (Stiftung Henri Nannen)«.

Damit wird ein schon vielfach vorweg beredetes Projekt (SPIEGEL 39/1985) handfeste, allgemein zugängliche Realität: Altenteiler Nannen ist, als eine Art Missionar, in seine Vaterstadt Emden heimgekehrt und verkündet den ostfriesischen Mitmenschen die Kunst des 20. Jahrhunderts - ein Engagement, für das er so gut wie alles drangibt, was er an Bildern und auch an sonstigem Privatvermögen hatte (Wert zusammen: weit über zwölf Millionen Mark). Außerdem hat er emsig um Zuschüsse und Spenden aus anderen Quellen gefeilscht.

Dank solcher Umtriebe kommt der 50000-Einwohner-Stadt eine sehenswerte Kunst-Stiftung mit Schwerpunkt auf dem Expressionismus zugute und gleich auch ein darauf zugeschnittenes Haus - maßstabsgerecht bescheidener, versteht sich, als Museumsneubauten in Stuttgart, Düsseldorf oder Köln.

In rund zweijähriger Bauzeit hat der hannoversche Architekt Friedrich Spengelin eine unprätentiöse Klinkerarchitektur errichtet, mit locker gegliederten Interieurs und viel Licht von oben (wenn auch, museumstechnisch schwierig, aus verschiedenen Richtungen). Ein »sympathisches, norddeutsch-herbes Haus«, urteilt die Zeitschrift »Art«, nur wirke das naturbelassene Holz der Deckenkonstruktion »etwas zu wohnlich«.

»Ein sehr persönliches Haus«, sagt diplomatisch der seit Juli angestellte Kunsthallendirektor Thorsten Rodiek, 32, und humpelt durch die Säle, weil ihm ein Bild auf den Fuß gefallen ist. Mit Nannen gab es, etwa beim Bilder-Hängen, auch schon Differenzen.

Denn so hat der dynamische Stifter nicht gewettet, daß er nur seinen Besitz und viel Arbeit investierte, um dann gar nicht mehr mitzureden. Bis auf weiteres nimmt er sich das Recht aufs letzte Wort, findet aber, »die ganze Streiterei« sei auch fruchtbar gewesen; allein »hätte ich viel schlechter gehängt«.

Moderne Kunst, durch Nannens Augen gesehen: Sie präsentiert sich in Emden als höchst subjektive Auswahl von ungefähr 200 malerischen, graphischen und plastischen Werken, mit glänzenden Partien zum Beispiel beim Expressionismus, mit unvermeidlich großen Lücken und einer ziemlich instinktlosen Zufallslese aus jüngster Zeit. In dem 1934 emigrierten neusachlichen Maler Hanns Ludwig Katz, der dem Betrachter zum Beispiel eine scharf gesehene »Augenoperation« zumutet, hat Nannen eine erst kürzlich gemachte veritable Entdeckung vorzustellen.

Ein Symbolbild? Heimkehrer Nannen, der sich gern »eine Mischung aus Pathos und Sentimentalität« bescheinigen läßt, denkt seinen Landsleuten schon den Star zu stechen. Seine Kunsthalle, ein Musentempel in der Diaspora, macht sich erst einmal auf großen Eröffnungs-Ansturm gefaßt. Wenn der überstanden ist, sind künftige Ausstellungen vorzubereiten, und ein Museums-Bus mit Reproduktionen und Pädagogen soll werbend durch Ostfriesland fahren.

Erfahrungen, die Nannen mit dem vor drei Jahren gegründeten Kunstverein und dessen Ausstellungen gemacht hat, findet er ermutigend. Dem Typ der Hamburger Vernissagenbesucher jedenfalls, die sich »nur am Sektglas festhalten und mit dem Arsch an den Bildern scheuern«, will er in Emden noch nicht begegnet sein.

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