THEATER Seiltanz zu Shakespeare
Wenn die Berliner Schaubühne am 22. und 23. Dezember erstmals ihren Doppel-Abend »Shakespeare"s Memory« veranstaltet, dann werden die 320 Premieren-Zuschauer schon beim Erwerb der Eintrittskarte Ungewöhnlichem konfrontiert.
Statt der üblichen Platz- und Reihennumerierung steht da nämlich: »Wechselnde Schauplätze -- Begrenzte Sitzmöglichkeiten«. Und auf der Rückseite der Karte ist ein Stück Berliner Stadtplan aufgedruckt, der Autofahrern das Auffinden des Spielorts erleichtern soll.
Die Schaubühne spielt diesmal »Jotwehdeh«, in einem abgelegenen Industrieviertel in Spandau, hinter Siemensstadt in Haselhorst in der Halle IV der CCC-Filmstudios. Für diejenigen, die sich nicht im eigenen Auto zu diesem toten, verkehrsabgelegenen Winkel bewegen können, wird die BVG allabendlich Sonderbusse fahren lassen.
Ähnliches hat es bei der Theater-Avantgarde schon gegeben: Auch das Théâtre du Soleil der Ariane Mnouchkine ("1789") ließ das Pariser Publikum erst in die Vorstadt (ins Pulvermagazin von Vincennes) pilgern und dann zwischen wechselnden Schauplätzen wandern, auch Ronconis italienischer Theater-Coup »Orlando Furioso« fand in Sportarenen statt, wobei die Handlung auf riesigen Blechpferden mitten im dichtgedrängt stehenden Publikum stattfand.
Schließlich hat auch die Schaubühne vor drei Jahren im »Antikenprojekt« die Zuschauer in den Berliner Messehallen zumindest am ersten Abend wandern lassen -- auch in den Februarschnee. in dem griechische Feuer brannten.
Aber bei »Shakespeare's Memory« wird es nun zusätzlich kaum etwas geben, was sich auch nur mit einem unüblichen Theaterabend vergleichen ließe -ein Stück schon gar nicht, Szenen nur sehr bedingt; statt dessen Seiltanzen, jahrmarktartige Belehrungen ("Sie sehen hier!"), eine gemeinsame Tafelrunde mit den Zuschauern sowie museale Kabinette und Schaustücke der Renaissance-Welt Shakespeares.
Schaubühnen-Regisseur Peter Stein, der die lange Vorarbeit zu Shakespeare mit dem Zwischenspiel seiner Pariser Wagner-Inszenierung unterbrach, nennt daher die Annäherungen an Shakespeare auch einen »Bastlerabend«, einen Irrgarten, ein Museum oder einen »Volkshochschulabend«.
Allerdings einen Volkshochschulabend, der Prospekte und Maschinen nicht schont und der von Deutschlands phantasievollsten, lernbegierigsten Schauspielern veranstaltet wird. Denn wenn man die riesige CCC-Halle betritt, dann ahnt man schon jetzt, daß der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann gewaltige Bruchstücke und Segmente der damaligen Kultur aufgebaut hat -- eine Welt, für deren grandiose Torsi Leonardo da Vinci Pate gestanden hat.
Und die Schauspieler haben für diesen Abend vieles gelernt, was ihnen ihre elizabethanischen Kollegen voraushatten: Sie lernten die Griffe der Laute beherrschen und Seiltanzen, sie verstehen sieh auf Renaissance-Embleme und -Rätselbilder. meisterten die Gesten und Redemuster einer aus der Antike kommenden Rhetorik.
Seit 1970 »studiert« Deutschlands erfolgreichste Theatergruppe Shakespeare. Ausgangspunkt war die Tatsache, daß man Shakespeare spielen wollte, Stein sich aber nicht an diesen Autor herantraute. »Seit Kortner«, so Stein, »hat sich niemand in Deutschland ernsthaft mit Shakespeare auseinandergesetzt.«
Es bildete sich also an der Schaubühne eine Arbeitsgruppe Shakespeare, die sich zunächst lesend mit dem Werk einließ und dabei auf viele Fragen und Widersprüche stieß. Motor dieser Arbeitsgruppe war der Dramaturg Dieter Sturm, wobei die Schauspieler ihren spezifischen Interessen folgen konnten.
So stieß man bei Shakespeare, der einerseits ein modernes »Schon« markiert, andererseits tief ins Mittelalter zurückreicht, immer wieder auf paradoxe Sachverhalte:
* Individueller Ausdruck kleidete sich in manieristische Rhetorik -- also fing man an, die Rhetorik zu studieren.
* Höfisches Zeremoniell traf da auf (heute noch lebendige) englische Volkstheatermuster -- also beschäftigte man sich mit volkstümlichem Mummenschanz, dem Theater der Kneipen; aber ebenso mit der verfeinerten elizabethanischen Welt, die bei ihrem Aufbruch ins Neue alte Formen zu bewahren suchte.
Diese Expeditionen in eine abgelebte fremde Welt sollen nun an zwei Abenden dem Publikum vorgeführt werden.
Die Kosmologie des ptolemäischen Weltbilds wird dabei ebenso demonstriert wie die damals bei Shakespeares Figuren oft vorherrschende Stimmung der Melancholie. Von den folkloristischen Momenten, etwa dem Grundmuster eines simplen Zweikampfspiels, führen die beiden Abende bis zu einer letzten Abteilung: »Shakespeares Eiland« -- bei der untersucht wird, was Insel, etwa die des »Sturms«, für Shakespeare bedeutet.
Obwohl dabei, meint Regisseur Stein, zum ersten Mal kein Spiel zwischen Menschen stattfinde, habe ihm und dem Ensemble keine Arbeit soviel Spaß gemacht. Den gleichen Spaß erhofft er auch für die Zuschauer.
Nach »Shakespeare's Memory« will sieh die Schaubühne zum ersten Mal an einem Stück Shakespeares versuchen. Stein, der, wenn er von den Inszenierungen seines Kollegen Zadek spricht, immer wieder das Etikett »Shakespeare in Unterhosen« gebraucht, glaubt, daß die Wahl auf »Richard II.« oder »Wie es euch gefällt« fallen könnte.