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BILDUNG / FERNSTUDIUM Seltene Eintracht

aus DER SPIEGEL 27/1970

Der Postbote bringt die Aufgaben ins Haus, vor der Mattscheibe absolvieren die Schüler ihre Lektionen -- auf diese Weise, per Fern- und Fernsehstudium, erwarben bislang 2878 Bayern das Zeugnis der Mittleren Reife.

Nun soll das Telekolleg, mit dem der Bayerische Rundfunk seinen Hörern seit drei Jahren Wissen ins Haus funkt, Modell sein für ein weit anspruchsvolleres Bildungsprojekt, das Hochschulwissenschaftler und Kultusbeamte in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Vertretern der Rundfunk- und Fernsehanstalten entwarfen: ein überregionales Fernstudium im Medienverbund, das nicht Schul-, sondern Hochschulabsolventen entläßt. Investitionskosten für Bund und Länder: bis 1975 rund 200 Millionen Mark.

Das Konzept, das eine Planungskommission der Kultusminister-Konferenz, die Ende 1969 eingesetzt wurde, ihren Auftraggebern in dieser Woche vorlegen will, orientiert sich nicht nur am bayrischen Beispiel. Ein Fernstudium im Medienverbund wird ab Januar 1971 auch die britische Open University bieten, die in einer Kombination von Studienbriefen und Funk- und Fernsehlektionen bildungsbeflissenen Briten ein Hochschulstudium ohne regulären Hochschulbesuch ermöglichen soll.

Der Kommilitone auf dem Sofa erschien angesichts der überfüllten Universitäten auch bundesdeutschen Bildungspolitikern vor Jahresfrist noch als erstrebenswerte Figur. Aber inzwischen sind die Experten einig, daß auch durch ein bundesweites Fernstudium die Zulassungsbeschränkungen nicht von heute auf morgen zu beseitigen sind.

Denn bevor Studieneinheiten für eine Vielzahl von Fächern verbindlich geplant werden können, müssen Studiengänge und Prüfungsordnungen aufeinander abgestimmt werden. Um eine verbindliche Rechtsgrundlage zu schaffen, müßten zudem der Bund und die elf Länder im Einvernehmen mit mehr als sechzig Hochschulen und den Rundfunk- und Fernsehanstalten ein Abkommen über die Organisation und die Finanzierung des umfänglichen Bildungsprojekts ratifizieren. Den Vertragsabschluß hätte die Bildungsplanungskommission von Bund und Ländern vorzubereiten, die Ende der letzten Woche in Bonn gegründet wurde.

Der Vertragstext, den die Mitglieder der Vorbereitungs-Kommission für das Fernstudium »in seltener Eintracht« -- so der Präsident der Hamburger Universität, Dr. Peter Fischer-Appelt -- in den vergangenen Monaten entwarfen, sucht von vornherein den Ausgleich zwischen der Vielfalt der Interessenten.

Um die verfassungsmäßig garantierte Lehrautonomie der Hochschulen nicht zu verletzen, sollen -- laut Vertragsentwurf -- die Fernstudieneinheiten in hochschulinternen Projektgruppen und Fachkommissionen erarbeitet werden. Das bislang von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Deutsche Institut für Fernstudien (DIFF) in Tübingen geht als »Zentrum für Forschung und Entwicklung« in den geplanten Fernstudien-Verbund ein.

Im wichtigsten Entscheidungsgremium, dem Kuratorium, das über die Sach- und Finanzprogramme des Verbundes beschließt, sollen Bund und Länder als Finanziers des Bildungsunternehmens über die Hälfte der Stimmen verfügen. Auch die Rundfunk- und Fernsehanstalten, die Produktions- und Sendekapazitäten in den Fernstudien-Verbund einbringen, entsenden Vertreter in das zentrale Beschlußorgan.

Die gebündelte Stimmenzahl von Bund und Ländern birgt jedoch die Gefahr, daß die Rundfunkanstalten im Kuratorium majorisiert werden können. Über Beschlüsse zum Bildungsprogramm wäre es den Gesetzgebern vielleicht möglich, einen Einfluß auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten auszuüben, der dann nicht unbedingt auf die Bildungsprogramme beschränkt bleiben müßte.

Sollten die Rundfunkanstalten sich staatlichen Wünschen auf größere Sendekapazitäten -- etwa im Fernstudienbereich -- versagen, wäre es denkbar, daß die Gesetzgeber gesonderte Sendelizenzen für die Bildungsprogramme vergeben, damit zugleich Modelle für neue Sendeanstalten schaffen, die nicht die plurale Struktur der öffentlichrechtlichen Anstalten haben -- und sich so, gleichsam durch die Hintertür, ein staatliches Fernsehen etabliert.

Ungewiß ist zudem, ob das jetzt vorgeschlagene Organisationsmodell für das Fernstudium schon bewirkt, daß »Sackgassen geöffnet werden und ein rationell funktionierendes Gesamtsy-

* Im ZDF-Studio Hamburg mit dem Zoologie-Professor Martin Lindauer.

stem entsteht«, wie es der Tübinger DIFF-Direktor Professor Günther Dohmen sich wünscht.

In München zum Beispiel belehrte der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wellenreiter, seinen Rundfunkrat schon im Mal, daß ein zentral gelenktes Fernstudium »nicht nur den Rundfunkanstalten, sondern auch den Universitäten nicht entspräche«. Der Bayern-Funk, berichtete der Intendant, habe mit den bayrischen Universitäten schon »eine gute Basis für Versuchsserien gefunden«, und Bayerns Kultusminister Ludwig Huber sei bereit, »Finanzmittel in dem erforderlichen Maße« beizusteuern.

Ähnlich wie Huber plädiert auch der Mainzer Vogel für ein Fernstudien--Verbundsystem, »in dem es jedem freistehen soll, sobald wie möglich mit der Produktion von Studieneinheiten zu beginnen«. Vogel: »Solcher Anreiz hat sich bisher noch immer als nützlich erwiesen.«

Bei den knappen Ressourcen, die in der Bundesrepublik für Bildungsaufgaben bereitstehen, könnte es freilich größeren Nutzen bringen, wenn alle Beteiligten von Anbeginn auf einen Fernstudien-Föderalismus verzichten würden -- zumal grundsätzliche didaktische Fragen des Studiums im Medienverbund noch nicht hinreichend geklärt sind.

»Bis jetzt«, urteilt der DIFF-Experte Dr. Wilhelm Bierfelder, »gibt es noch kein Medien-Modell, das unbesehen zu übernehmen wäre.« Immerhin ist bei Versuchssendungen, die das ZDF und andere Fernsehanstalten produziert haben, »die Utopie einer reinen Fernseh-Universität gründlich zerronnen« (Bierfelder). Hörfunk- und Fernsehbeiträge werden künftig kaum mehr als fünfzehn Prozent des gesamten Studienprogramms ausmachen.

Bedeutsamer als die TV-Lektion ist für ein Fernstudium programmiertes Lehrmaterial, das den Studenten ins Haus geschickt wird: Lehrbriefe und ergänzende wissenschaftliche Literatur. Die Fernstudenten müssen zudem im ständigen Kontakt mit ihrer Hochschule bleiben, um gemeinsam mit Tutoren und Assistenten das Lernangebot kritisch zu verarbeiten.

Die Kombination der verschiedenen Lehr- und Lernmethoden, die überdies von Fach zu Fach wechseln, ließe sich in einem überregionalen Verbundsystem fraglos besser erproben als in den Einzelaktionen ehrgeiziger Intendanten. Und mit der Arbeit am schriftlichen Begleitmaterial und der Ausbildung von Tutoren für die Fernstudenten wären regionale Verbundsysteme von Fernsehanstalten und Landeshochschulen ohnehin überfordert.

Derlei Schwierigkeiten lassen die Befürworter eines zentralen Verbundsystems hoffen, daß die Bundesbildungsriege schließlich doch noch geschlossen antritt. Denn »unter diesen Umständen«, urteilt der Fernstudien-Experte des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, Oberregierungsrat Dr. Hans-Herbert Wilhelmi, »kann sich wohl kein Bundesland auf die Dauer einen Alleingang leisten«.

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