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SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLAND Seltsames Gefühl

Tim Buckley: »Happy Sed«. Tim Buckley (Gesang, Gitarre): Lee Underwood (Gitarre); David Friedman (Vibraphon, Marimba); Jahn Miller (Kontrabaß): Corter C. C. Callins (Cangatrommel). Elektra EKS 74 045; 19 Mark.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Gedruckt wirken die Songtexte von Tim Buckley, 22, kunstlos und bisweilen naiv. Doch wenn er sie mit klagender Stimme vorträgt, werden aus seinen einfachen Metaphern bedrückende Halluzinationen und Alpträume, in denen Teufel tanzen, Hexen spuken, harmlose Bürger sich zu bedrohlichen Menschenmassen zusammenrotten und die Liebe in ein »seltsames Gefühl« (Songtitel) der Beziehungslosigkeit umschlägt.

Für den sensiblen Sänger aus Washington, der schon als Halbwüchsiger mit Country-and-Western-Ensembles über Land zog und heute, wenn er fleißig ist, bis zu 20 000 Mark pro Woche verdient, sind die Worte nur Ausgangspunkte für musikalische Stimmungsbilder. So entkommt er der variationslosen Strophenform des volkstümlichen Liedes in differenzierte Zehn-Minuten-Stücke; er kreischt, hechelt, stöhnt, wimmert und improvisiert zum verhaltenen Jazz seiner Mitspieler schwebende, rhythmischvertrackte Klangbilder voller Zwischentöne und Schattierungen. Dabei krümmt er sich um die Gitarre, windet seinen Körper und bäumt sich auf wie in Trance. »Kommunikation mit dem Zuhörer«, sagt Buckley, »kann hart sein wie der Tod.«

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