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FILM Sex als Zement

»Der Untergang des amerikanischen Imperiums«. Spielfilm von Denys Arcand. Kanada, 1986; 101 Minuten; Farbe. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Erst im Zerfall einer Zivilisation bildet sich die Sehnsucht nach dem Privaten, dem häuslichen Glück heraus. So die These der franco-kanadischen Geschichtsprofessorin Dominique in ihrem gerade erschienenen Buch, das diesem Film den ironisch-provokanten Titel »Der Untergang des amerikanischen Imperiums« gibt. Dominique wird dazu von ihrer Freundin Diane interviewt, und was nun folgt, ist eine witzige, intelligente und verständnisvolle Beweisführung dieser These.

Vier Frauen unter ihnen Dominique und Diane, verbringen einen Nachmittag in einem Fitness-Center, sprinten, schwimmen, pumpen Eisen, treiben Gymnastik und schwitzen in der Sauna, während ihre Partner oder Kollegen, allesamt Historiker an einer kanadischen Universität, im aufgeklärten Rollentausch das Essen zubereiten. Gesprächsthema der beiden Gruppen sind der Sex und - mit Ausnahme des homosexuellen Claude - das jeweils andere Geschlecht.

Die Männer schwärmen während des Kochens vom Duft vietnamesischer Studentinnen, schildern - wo ist denn nur die Creme fraiche? - die Ängste vor den Anrufen der Geliebten im falschen Moment, beschreiben die Schleichpfade des schnellen Glücks und preisen die Lüge als den »Zement der Gesellschaft«.

Die Frauen rekapitulieren giggelnd mißglückte Eskapaden auf Europa-Trips (der schöne Sizilianer mit dem kleinen Schwanz), mokieren sich über die sexuelle Arroganz der Schwarzen auf Martinique und geben - schwimmen wir noch eine Runde? - Zoten von Swinger-Partys zum besten. Effektvoll und prägnant vermeidet es Autor und Regisseur Denys Arcand, jenes eklige Gefühl von akustischem Voyeurismus aufkommen zu lassen, das einen in entsprechenden Stammtisch- und Party-Situationen schnell beschleicht.

Wenn dann, im zweiten Teil des Films, sich alle im idyllischen Landhaus zum gemeinsamen Essen versammeln, kennt man die einzelnen Figuren so weit, daß man auf die chemischen Reaktionen gespannt ist.

Als Ferment der intellektuellen Beschaulichkeit wirkt Dominiques plötzliche Enthüllung, sie habe sowohl mit dem Junggesellen Pierre, der mit einer jungen Studentin zusammenlebt, als auch mit dem seit 15 Jahren verheirateten Remy ein Verhältnis gehabt. Wo es noch Fassaden gab, stürzen sie nun ein, am nachhaltigsten bei Remys Frau Louise, die auch noch mitbekommt, daß ihr Mann den ganzen weiblichen Campus schon verführt habe.

Louise, die ihre erotischen Sehnsüchte nie hatte ausleben können, die auf einer Swinger-Party nur aus Liebe zu ihrem Mann - und weil es wohl die schräge Etikette so verlangte - mit einem anderen schlief. Louise stürzt in tiefste Verzweiflung. Heulend flüchtet sie in die unbegehrlich tröstenden Arme des Schwulen Claude, während der feige Remy mittels Schlaftabletten erst mal unter dem Konflikt wegtaucht. Pierre,

der alternde Junggeselle, entzieht sich derweil mit eleganten Lügen dem Kinderwunsch seiner Freundin und der damit drohenden Verantwortung. Die Fortpflanzung sei ein Akt der Selbstliebe, finassiert er, und er liebe sich eben nicht genug, um Kinder haben zu wollen. Den Traum von der großen akademischen Karriere hat er aufgegeben ("Ich weiß, daß ich kein zweiter Toynbee mehr werden kann"), und nun sieht er seinen Existenzbeweis nur noch in der Erektion - ein Orgas-Musterschüler des heiligen Antonius ("Coito ergo sum").

Der Worte und ihrer Folgen überdrüssig das eigene, welkende Fleisch spürend, schnappt sich die kluge, intellektuelle Dominique am Ende des Films den jungen Assistenten, schlürft joggend aus dem Jungbrunnen, während die anderen, als wäre nichts gewesen, wieder beim Frühstück zusammensitzen und sich über erotische Eskapaden von Kollegen amüsieren. The show must go on.

Der Film ist in einer gelungenen Balance gehalten: Arcand beobachtet mit dem Blick eines Satirikers, ohne sich jedoch von seinem Gegenstand nach oben zu distanzieren, er betreibt Nabelschau und Seelenstriptease, ohne larmoyant zu werden.

»Die Lüge ist ein Kleidungsstück, das schwer wiegt«, heißt es in Renoirs Film »Die Spielregel«, den Arcand offensichtlich genau studiert hat. Doch während Renoirs Figuren aus der Großbourgeoisie bei ihren erotischen Abenteuern an der Lüge durch die lodenschwere Moral der dreißiger Jahre ächzend tragen scheint diese Lüge in der postmoralisch aufgeklärten Ära der achtziger Jahre auf die Leichtigkeit und den Nutzen von Legwarmers geschrumpft zu sein, die bei Seitensprüngen vor Zerrungen schützen sollen.

Die Verfassungsväter der Vereinigten Staaten haben als Grundrecht in ihre Constitution die »Pursuit of Happiness«, die Verfolgung des Glücks, hineingeschrieben. Daß das Glück nun in lässig und trickreich praktizierter sexueller Libertinage gesucht wird, mag nicht im Sinne der Verfassung liegen. Daß es in der Freiheit wieder nicht gefunden wird, wie Arcands faszinierende, aber eigentlich schon wieder antiquierte Momentaufnahme zeigt, mag, im Sinne von Dominiques Theorie, den Niedergang des amerikanischen Imperiums verlangsamen. Aids stoppt ihn auf diesem Feld. Reagan auf dem anderen. Da muß man ja Anti-Impi werden. Wolfgang Limmer

Wolfgang Limmer
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