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Sex am Bein, Farbe im Kopf

Der Maler Allen Jones, 41jähriger Star der britischen Pop Art, zieht Bilanz: Eine Ausstellung, die aus England nun nach Baden-Baden kommt, präsentiert sein Werk seit 1960. Weil »Kunst jedermann auf einer gewissen Ebene zugänglich sein sollte«, versucht Jones den Betrachter mit knalligen Sex-Motiven für die Malerei zu ködern.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Einen seiner klangvollsten Bildtitel hat sich der Maler Allen Jones bei Friedrich Nietzsche ausgeborgt. Denn also ließ der Dichter-Philosoph seinen Zarathustra sprechen: »Und vergeßt mir auch die Beine nicht!«

Nur keine Sorge, Jones denkt oft genug an Beine, und er macht sie auch den Betrachtern seiner Bilder unvergeßlich. Straffe, kräftige Frauenbeine stolzieren, auf hohen Hacken, so zahlreich und so eindrucksvoll modelliert über Jones' Leinwände, daß sie ihn geradezu in den Ruf eines Fetischisten bringen mußten.

Bei so auffälligem Treiben gerät leicht eine Tätigkeit aus dem Blick, die Jones schon früh gleichfalls in einem Bildtitel angesprochen hat. 1960 reklamierte er kühn: »Der Künstler denkt.«

Das sieht folgendermaßen aus. Des Künstlers Kopf, der in dem halbabstrakten Werk als ein blaues Karree knapp über den unteren Bildrand ragt, ist von einer gewaltigen Denkblase wie im Comic-strip überwölbt. In der wogen und züngeln Farbflächen gegeneinander, die, wie Jones nachträglich wissen ließ, Assoziationen an Feuer eingefangen haben. Woran aber denkt der Künstler noch? Daran, daß gewisse hügelige Formen in der Blase aus den hinteren Rundungen eines seinerzeit verbreiteten Pin-up-Photos entwickelt sind.

Den denkenden Künstler Jones, der hauptsächlich Farbe und Komposition im Kopf hat, und den bedenkenlosen Sex-Werber soll eine nun kursierende Ausstellung unter einen Hut bringen. Zum erstenmal macht sie die Entwicklung des britischen Pop-Art-Stars an einer Folge von rund 50 Originalen ablesbar. Nach drei Stationen in England wird die Schau Freitag dieser Woche in der Kunsthalle Baden-Baden eröffnet*.

So dokumentiert, steckt das Werk des nun 41jährigen Malers eine Art Rundkurs ab. Seinem Ausgangspunkt, den -- von einem brav-ta-

* Bis 14. Oktober; ab 11. November In der Kunsthalle Bielefeld. Katalog 128 Seiten; 16 Mark.

lentierten Selbstbildnis des Kunststudenten Tones einmal abgesehen -- das Bild »Der Künstler denkt« markiert, scheint er sich neuerdings wieder anzunähern.

Freies Farb-Wabern wie aus der Denkblase erblickt man beispielsweise auch am »Strand von Santa Monica«, den Jones erst 1977, als Gastdozent in Kalifornien, ausgeführt hat -- allerdings doch einen deutlichen Stich süßer und routinierter. Überdies ragt unter himbeerrotem Himmel, den Schwaden von wolkigem Weiß überziehen, sowie einem satten Meeresblau ein Paar glatter Schenkel und Knie ins Gemälde. Allen Tones, der Sex-Spezialist, hat sein Markenzeichen hinterlassen.

Gerade an solchem Gegeneinander war Tones immer gelegen, wie sehr auch einmal die Farbkultur, dann wieder der Gegenstand Oberhand bekam. Die um 1960 gewonnene Erkenntnis, daß »abbildungshafte Bezüge mit formal-abstrakten Hauptanliegen vereinbar« seien, hat er nie eingebüßt.

Damals studierte Jones zusammen mit David Hockney, Peter Phillips und Ronald B. Kitaj am Londoner Royal College of Art -- die zweite englische Pop-Art-Generation als Schul-Kameradschaft. Die erste, 1956 von Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi ausgelöste Welle war schon ein wenig abgeebbt, und so Rüde-Alltägliches wie deren Reklamewelt-Collagen hätten sich die Jüngeren nie gestattet.

Mit Zeitverzögerung aber lernte auch Jones triviales Bildgut schätzen und, auf seine Weise, nutzen. 1964 entdeckte er in New York die visuellen Reize von Pornomagazinen. Fasziniert rühmte er »die Vitalität dieser Art der Wiedergabe der menschlichen Gestalt« und begann dergleichen in Gemälde umzusetzen.

Seiner »Stürzenden Frau« aus demselben Jahr, einem in Schlüsselloch-Form gerahmten Figurenfragment, sieht der Betrachter geradewegs unter den Rock. Die Anatomie ist stilisiert, doch von »härterer und taktilerer Konzeption« (Baden-Badener Ausstellungskatalog) als frühere Jones-Werke. Seit 1966 kamen solche Qualitäten dann weiblichen Beinen zugute.

Hauptsächlich die Perfektion und Kaltschnäuzigkeit dieser Manier ("Financial Times": »Ein vollständiger Mangel an Zärtlichkeit") dürften Jones berühmt gemacht und seine Bilderpreise bis zu 50 000 Mark hochgetrieben haben. Der Maler wurde zum gefragten und von Fall zu Fall auch willigen Sex-Ausstatter.

Jones zeichnete einen Kalender, der Pin-ups chefetagenfähig machte, er entwarf Dekorationen und das bißchen Kleidung für die Theaterorgie »Oh! Calcutta!«, und seine Mitarbeit an dem Kubrick-Film »A Clockwork Orange« scheiterte nur an Geldfragen. Dem deutschen Fernsehen lieferte er Kostümentwürfe für »Männer, wir kommen!« (1970, mit Senta Berger).

Jones' Engagement für dieses emanzipatorisch gemeinte TV-Spektakel deutet immerhin an, daß Feministinnen es sich zu einfach machen, wenn sie ihn als zynischen Pascha-Typ befehden.

Tiefenpsychologisch versierte Deuter haben den Beinen à la Jones längst auch »phallische Konnotationen« zuerkannt, und der Maler glaubt, daß »die Bilder wahrscheinlich ohnehin alle transsexuell sind«. Nietzsche, sichtlich einer seiner Lieblingsautoren, hat ihm den Gedanken vorformuliert, aus weiblich-männlicher Vereinigung entstehe ein höheres Drittes -- just wie sich im künstlerischen Schöpfungsakt gegensätzliche Prinzipien mit schönem Ergebnis paaren können.

Zu Unrecht sah sich Jones auch dem Vorwurf ausgesetzt, er arbeite penetrant naturalistisch. Er fand es dann »ganz nett«, daß ihn der Photorealismus der späten sechziger Jahre in dieser Hinsicht übertrumpfte. Da wurde doch deutlich, daß von Jones modellierte Schenkel oder gleichsam gedrechselte Brüste eine übernatürliche Makellosigkeit demonstrieren.

Aber er übertreibt, wenn er gelegentlich so tut, als sei die ganze Sex-Motivik nicht viel mehr als Vorwand und Köder im Dienst reiner Malerei. Ihm »scheint es eine demokratische Idee zu sein, daß Kunst jedermann auf einer gewissen Ebene zugänglich sein sollte«, etwa über »die Erotik«. Wenn dann »die Leute auf meinen Bildern nur Sex sehen«, sei »das ihr Problem«.

So leicht sind die gerufenen Geister nicht loszuwerden. Selbst wo eine relativ kleine Frauengestalt vor großen verfließenden Farbflächen und über bunten Kugelformen dahinzugleiten scheint, beherrscht sie eindeutig das Bild, anstatt eine »Schwebe« (Werktitel) zwischen Motiv und Farbe zu erreichen. Im Vergleich zur malerischen Intensität, die wohl nie wieder so stark war wie in den frühen sechziger Jahren, erweisen sich die von Jones eingesetzten Images oft als übermächtig.

Wie kräftig der Sog seiner aus der Subkultur entliehenen Bildwelt sein kann' hat der Maler betreten an einem Fall von motivischem Recycling feststellen müssen: Aus Mexiko brachte ihm ein Freund ein Herrenmagazin mit, in dem -- »ohne Urheber-Vermerk, ohne jede Erklärung« -- auch ein Jones-Mädchen abgebildet war.

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