Sexismus im Rap "Die Überbetonung von Männlichkeit verweist immer auf einen Bruch"

Der Hashtag #UnhateWomen soll auf Sexismus im Rap aufmerksam machen. Forscherin Heidi Süß spricht im Interview darüber, ob es noch Kunst ist, wenn Frauen "Hoes" genannt werden.
Ein Interview von Jurek Skrobala
Auftritt von 187 Strassenbande 2016 (v.l.: Gzuz, Bonez MC, Maxwell)

Auftritt von 187 Strassenbande 2016 (v.l.: Gzuz, Bonez MC, Maxwell)

Foto: Daniel Lakomski/ Ullstein Bild

Es sollte eigentlich um Frauen gehen, doch die Debatte kreiste vor allem um zwei Männer: Mitte Februar startete der feministische Verein "Terre des Femmes" eine Kampagne unter dem Hashtag #UnhateWomen, eine "Initiative gegen frauenverachtende Hate Speech und für mehr Respekt gegenüber Frauen", wie es auf der Homepage   heißt . In einem zugehörigen Video  lesen Frauen sexistische Deutschrap-Zeilen vor, darunter auch "Will keine Frauen, will Hoes / Sie müssen blasen wie Pros" aus einem Song des Rappers Fler.

Eine Frau wies in einer Instagram-Story auf die Kampagne hin und verlinkte darin unter anderem Fler, der ihr daraufhin schrieb, er könne ja mal Täter werden, wenn sie ihm "weiter auf die Eier" ginge. Die Frau wandte sich an den Satiriker Shahak Shapira, der in den sozialen Netzwerken von dem Fall berichtete. Fler schaltete sich wieder ein, und ein Streit zwischen dem Rapper und dem Satiriker begann, in den sich verschiedene Hip-Hop-Medien,  ein Team von RTL, dessen Kameramann von Fler angegriffen wurde, und die Berliner Polizei einklinkten.

Zur Person
Foto: Mirjam Dumont

Heidi Süß, Jahrgang 1986, promovierte am interdisziplinären Graduiertenkolleg "Gender und Bildung" an der Universität Hildesheim zum Thema "Rap-Männlichkeiten in Zeiten allgemeiner Verunsicherung". Sie studierte Sprach-, Politik- und Medienwissenschaften. 

SPIEGEL: Frau Süß, hat Deutschrap ein "Sexismusproblem", wie gern geschrieben wird?

Süß: Ich würde sagen: Die ganze Gesellschaft hat ein Sexismusproblem. Es ist nicht so, dass Sexismus in das Normen- und Wertesystem des Rap eingeschrieben wäre.

SPIEGEL: Ist Rap ein Spiegel der Gesellschaft?

Süß: Nein, aber Rap spiegelt gesellschaftliche Probleme. Im Rap findet nichts statt, was es nicht auch woanders gibt. Rap hat natürlich eine eigene Sprachtradition, einen eigenen Wortschatz, eine bestimmte Dringlichkeit, mit der er auf Probleme, auf Ungleichheit verweist. Und gerappt wird oft aus Sicht von einem Mann, der einerseits sozial benachteiligt ist, andererseits aber auch selbst auf andere runterblickt.

SPIEGEL: Musik, die zwar oft von sozial Benachteiligten gemacht, aber auch von Gymnasiasten gehört wird.

Süß: Ich denke, das ist eine Art sozialer Voyeurismus: Die Lust an dem, was man selber nicht ist und wovon man sich dann abgrenzen kann. So in der Art: "Wir beleidigen unsere Frauen nicht, wir nennen die auch nicht Bitches." Was natürlich so auch nicht stimmt. Und, klar, es ist natürlich auch die Lust an der Provokation, die Abgrenzung von den Eltern.

SPIEGEL: Der Tabubruch gehört zur Jugendkultur; früher verkörpert vom Outlaw im Rock, vom Anarchisten im Punk, vom Hedonisten im Techno. Sind sexistische Tabubrüche in Zeiten, in denen #MeToo ein wichtiges Stichwort ist, besonders reizvoll für Rapper?

Süß: Ja. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, dass Frauen gerade in viele Bereiche eindringen, die vorher weitestgehend männlich dominiert waren, und dort Machtpositionen besetzen. Und viele Männer reagieren darauf mit Verunsicherung, fühlen sich bedroht, weil sie der Auffassung sind, ihnen würde irgendwas weggenommen, was ihnen qua Penis zusteht; ein verqueres Denken. Es ist eine neue Situation, auch im Rap. Und Rapper existieren ja auch in der Gesellschaft und sind da nun von selbstbewussten Frauen umgeben. Wenn einem da die Mittel fehlen, sich anderweitig zu positionieren, greift man auf solche Diskriminierungsstrategien wie sexistische Zeilen zurück. Oder gar Gewalt.

SPIEGEL: Fler rappt Zeilen wie die von der Kampagne #UnhateWomen angeprangerte "Will keine Frauen, will Hoes/ Sie müssen blasen wie Pros", und er droht Frauen auch im echten Leben.

Süß: Ähnliches hatten wir ja auch schon bei Gzuz. Eine Besonderheit am Rap ist auch, dass eine sehr geringe Rollendistanz herrscht zwischen realer Persona und Rap-Persona. Darin liegt auch ein gewisser Unterhaltungswert und Spannungsmoment: Meint der das jetzt ernst? Und im Rap spielt Authentizität eine wichtige Rolle, die von dem Rapper eigentlich sogar verlangt, dass er das, was er sagt, auch tut. Dass dann, wenn er das wirklich tut, der Aufschrei groß ist, ist eigentlich merkwürdig.

"Eigentlich müsste man solche Texte ganz anders lesen, mit einer gewissen Entspanntheit. Die Message in so einer Zeile ist ja: Fler kann nicht lieben."

Heidi Süß

SPIEGEL: Fler postete auf Instagram ein Bild der Kampagne mit dem Zitat aus seinem Song "Fame" und schrieb darunter: "Die Bezeichnung Hoe gilt im Rap-Jargon für das perfekte Schönheitsideal. In dieser Zeile wird nicht nur die Frau, sondern auch der männliche Interpret auf seine Sexualität reduziert. Wenn sie "blasen kann wie ein Pro" gilt dies als Kompliment." Was sagen Sie zu der Interpretation?

Süß: Das ist Nonsens. Natürlich gibt es so etwas wie Rap-Jargon. Aber "Hoe" bedeutet meiner Ansicht nach im Rap-Jargon genau das, was es auch sonst heißt, nämlich "Hure" oder "Schlampe". Eigentlich müsste man solche Texte ganz anders lesen, mit einer gewissen Entspanntheit. Die Message in so einer Zeile ist ja: Fler kann nicht lieben. Oder er fürchtet einen Männlichkeitsverlust, wenn er sich zu so etwas wie Liebe oder Emotionen bekennt. Also will er keine Frauen und tritt hypermännlich auf, indem er die Frau zur sexuellen Dienstleisterin erniedrigt. Wenn er wüsste, dass die Überbetonung von Männlichkeit immer auf einen Bruch verweist oder auf eine Fragilität, dann würde er das wahrscheinlich nicht rappen.

SPIEGEL: Ist es überhaupt berechtigt, dass "Terre des Femmes" solche Zeilen im Kontext von Hate Speech anprangert - oder fallen Rap-Texte schlicht unter Kunstfreiheit?

Süß: Natürlich ist das berechtigt, das ist ja auch eine Form von Hate Speech. Ich finde die Kampagne auch sehr wichtig und sehr gut gemacht. Klar, Rap ist Kunst, und Kunstfreiheit ist eine schützenswerte Errungenschaft der Demokratie, aber kein Freifahrtschein. Es gibt einige Männer im Rap, und das sind tatsächlich immer Männer, denen schon seit Jahrzehnten aufgrund irgendwelcher vermeintlicher Dienste für die Kultur eine sagenumwobene Aura der Unantastbarkeit anhaftet. Und Fler ist so jemand, weil: Fler ist ja schon so lange dabei. Und Fler kommt aus dem Graffiti. Und Fler hat ja den Trap in Deutschland etabliert. Was passieren kann auf der Grundlage so einer männlichen, verklärten, nie kritisierten Machtposition, haben wir beim Rapper Taktloss gesehen: Der hat die Rap-Journalistin Jule Wasabi gewürgt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Trägt Sexismus im Deutschrap zu einer Normalisierung alltäglicher, verbaler Hassgewalt gegenüber Frauen bei?         

Süß: Mir sind keine Studien bekannt, die eine kausale Beziehung herstellen zwischen Hörgewohnheit und tatsächlichem Handeln. Ich finde aber auch nicht, dass das ganz fern liegt. Da ärgert es mich allerdings, dass der Gangsta-Rapper immer so als böser Bube dasteht: Wir haben genug andere Genres und Medien, die uns nicht minder gewalttätige oder sexistische Bilder präsentieren. Aber im Fall von Gangsta-Rap haben wir auch eine sehr junge Zielgruppe. Und über die Rezeption von Popkultur bildet sich natürlich auch Geschlechtsidentität heraus. Insofern, so viel kann man sagen, sind Rapper als Popstars ganz einflussreiche Menschen.

SPIEGEL: Der Journalist Oliver Marquart schrieb vor einem Jahr auf rap.de, dass Deutschrap ein #MeToo brauche. Das ist bisher in umfassender Form ausgeblieben. Findet zu wenig kritischer Umgang mit Sexismus im Deutschrap statt?

Süß: Ich finde, es findet zu wenig differenzierte, ungleichheitssensible Beschäftigung mit Hip-Hop, Rap, Gangsta-Rap statt. Jetzt muss ich kurz kritisch werden, dem SPIEGEL gegenüber: In Ihrer Titelgeschichte wurden Gangsta-Rapper als prollige und materialistische Menschengruppe exotisiert. Es mag ja auch sein, dass oft "Ficken", "Bitch" und "Para" gesagt wird. Die Frage ist aber eigentlich: Warum? Kann es sein, dass in Deutschland Menschen leben, die auf solche Mittel zurückgreifen müssen, um gehört zu werden?

SPIEGEL: Was müsste sich aus Ihrer Sicht noch ändern am Diskurs über Rap?

Süß: Ich denke, je mehr unterschiedliche, machtvolle Sprecher und Sprecherinnen sich am Diskurs beteiligen, aus ihren unterschiedlichen Lebenswelten mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen, desto wahrscheinlicher ist es, dass in Zukunft Dinge von bestimmten Rappern auch nicht mehr gesagt werden können und dem auch keine Plattform mehr gegeben wird. Es gibt inzwischen, auch durch diese Fler-Geschichte, eine Debatte dazu, und da sind starke Frauen mit starken Positionen. Ob sich da längerfristig strukturell etwas ändern wird, glaube ich weniger. Dazu bräuchte es mehr Zeit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren