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»Sheela kann als Kellnerin arbeiten«

SPIEGEL-Interview mit Bhagwan über den Krach in seiner Bewegung *
aus DER SPIEGEL 41/1985

SPIEGEL: Sie haben das Ende des Rajneeshismus als Religion erklärt und das Buch dieser Religion, »Die Bibel des Rajneeshismus«, in allen Ihren Kommunen verbrennen lassen. Warum haben Sie das ausgerechnet jetzt getan?

BHAGWAN: Alles geschieht zu seiner Zeit. Als ich mein Schweigen begann, hatte ich keine Religion. Während meines Schweigens haben die Leute, welche die Kommune leiteten, eine Religion geschaffen. Das ist eine sehr menschliche Tendenz. Der Mensch möchte gern in irgendeiner Form organisiert sein. Doch wenn die Wahrheit organisiert wird, wird sie unwahr. Als ich wieder zu sprechen begann, wurde mir all das klar.

SPIEGEL: Sie reden aber bereits seit einigen Monaten wieder ...

BHAGWAN: Ich wartete auf stichhaltige Beweise. Die Vergiftungsversuche ließen sich nicht konkret beweisen. Wohl aber am Ende, daß jedes Telephongespräch aufgezeichnet worden war, jedes Haus Wanzen hatte, sogar mein Zimmer - da war die Zeit gekommen. Als diese Leute merkten, daß ich Beweise sammelte, floh die ganze Gang.

SPIEGEL: Auf der Ranch ist mittlerweile eine halbe Hundertschaft Polizisten, um zu ermitteln.

BHAGWAN: Sie arbeiten so langsam, als wollten sie Zeit herausschinden für die Verbrecher. Mich haben sie noch nicht verhört, das hätte doch das allererste sein müssen. Statt dessen legen sie es darauf an, 1000 Sanyasin zu verhaften, die überhaupt nichts getan haben, die vielleicht Taschen transportiert haben, ohne zu wissen, daß diese Taschen Gifte enthielten, Gräben ausgehoben haben, ohne zu wissen, daß darin die Abhörleitungen verlegt wurden.

Und all die Zeit hat Sheela versichert, alles laufe bestens, ich solle nur darauf achten, daß meine Gesundheit in Ordnung kommt.

SPIEGEL: Sie können Ihre Vorwürfe vor Gericht beweisen?

BHAGWAN: Als die Sheela-Gang weggelaufen war, kamen Tausende von Sanyasin und meldeten Dinge, die sie wußten. Eine aus der Bande ist zurückgekehrt. Sie weiß über jedes Detail Bescheid: wie viele Leute vergiftet wurden, wie viele schikaniert wurden, damit sie die Kommune verließen.

Sie hatten die Macht. Ich war völlig isoliert. In meinem Namen trieben sie für die Kommune 200 Millionen Dollar auf, und für sich selbst packten sie 43 Millionen Dollar auf ein Schweizer Bankkonto. Sie haben jedes erdenkliche Verbrechen begangen. Und jetzt belügen sie die Medien. Wenn sie nur einen

Funken Mut haben, sollten sie herkommen und sich mir stellen.

SPIEGEL: Könnten Sie sich eine Situation vorstellen, wo Sie Sheela wieder brauchen - eine schlechte Managerin war sie ja wohl nicht?

BHAGWAN: Sie kann gern als gewöhnliche Sanyasin zurückkommen. Eine Machtposition wird sie nie wieder bekommen. Im Hotel kann sie arbeiten. Als Kellnerin ist sie völlig in Ordnung. Ich habe jetzt bessere Leute, die intelligenter, menschlicher, verständnisvoller, demokratischer sind. Die Leute, die mit Sheela abgehauen sind, werden unnötig leiden. Ich sähe es gern, wenn sie zurückkämen. Sie müssen sich aber den Gerichten stellen und vielleicht zwei, drei Jahre im Gefängnis verbringen. Danach werden wir sie dann willkommen heißen.

SPIEGEL: Ihr Angebot hat doch wohl auch den Sinn, an das Schweizer Konto heranzukommen.

BHAGWAN: Die 43 Millionen sind zwar auf der Bank, aber die Sheela-Gang kann sie nicht abheben, denn wenn sie davon Gebrauch machen wollen, werden sie sofort geschnappt. Meine Sanyasin haben genau im Auge, was für Schritte die Flüchtigen unternehmen. Die Banken in der Schweiz werden genau bewacht. Das Geld gehört den deutschen Kommunen. Es kam aus Deutschland, es war für Rajneeshpuram bestimmt.

SPIEGEL: Sie haben nun die Mala und die rote Kleidung für überflüssig erklärt, weil sie ihren Zweck erfüllt hätten. Welchen Zweck meinen Sie?

BHAGWAN: In Indien ist Rot seit Jahrtausenden das Symbol der Spiritualität, es steht für Abkehr von der Welt. Diese Vorstellung wollte ich zerstören. Meine Sanyasin sollten genauso materialistisch wie spirituell eingestellt sein. Ihr Rot steht für eine Einheit von Körper, Geist und Seele.

SPIEGEL: Und jetzt nicht mehr?

BHAGWAN: Jetzt habe ich genug Leute - eine Million in aller Welt.

SPIEGEL: Bitte?

BHAGWAN: Ja, und ich möchte noch mehr Menschen, darum ziehe ich alle äußeren Symbole zurück. Die mich hören möchten, brauchen sich keine Sorgen zu machen, rote Kleidung und die Mala tragen zu müssen. Das bringt ihnen nur unnötige Schwierigkeiten bei Ehefrauen, Kindern, Eltern und Gesellschaft. Sie machen sich nur unnötig lächerlich. Jetzt ist jeder willkommen.

SPIEGEL: Wie viele Jünger hätten Sie denn gern?

BHAGWAN: Die ganze Welt. Ich handle nicht mit Kleinkram.

SPIEGEL: Können wir in nächster Zukunft mit neuen Überraschungen rechnen? Haben Sie irgendwelche Pläne?

BHAGWAN: Nein, ich plane nie. Wenn es einen Plan gäbe, dann gäbe es keine Überraschung. Bei mir können Sie jeden Tag Überraschungen erleben, weil es keinen Plan gibt.

SPIEGEL: Wir wären nicht überrascht, wenn Sie die Kommune schon morgen verlassen würden. Sheela, so geht die Rede, habe Oregon nur verlassen, um Ihnen ein Nest im Schwarzwald zu richten. Wann fahren Sie?

BHAGWAN: Ich werde Amerika nicht verlassen.

SPIEGEL: Die Einwanderungsbehörde will Ihre Aufenthaltsgenehmigung gerichtlich klären lassen.

BHAGWAN: Das tut sie schon seit vier Jahren. Diese Feiglinge können sich nicht entscheiden. Wenn sie ja sagen, würde der politische Druck zu groß. Nein können sie auch nicht sagen, sonst gehe ich den Gerichtsweg bis zum Obersten Bundesgericht. Und dort werde ich den Richtern erklären: Ihr alle seid in diesem Land Fremde, Invasoren, auch ihr habt Amerika ohne Visum betreten und habt nie eine grüne Karte für die Arbeitsgenehmigung erhalten. Ich will es bis zu Ende durchfechten. Solange ich meine grüne Karte nicht habe, werde ich Amerika nicht verlassen. Wenn ich sie dann habe, komme ich vielleicht nach Deutschland. Denn ich möchte es gern mal mit den deutschen Politikern aufnehmen. Mir macht das Streiten Spaß.

SPIEGEL: Da werden sich die Deutschen aber freuen. Sie hatten eine viel einfachere Lösung für das Aufenthaltsproblem genannt: Heirat. Wann werden Sie ein amerikanisches Mädchen heiraten?

BHAGWAN: Nur eins?

SPIEGEL: Wie viele möchten Sie denn?

BHAGWAN: Wenn ein Mädchen mich zu einer grünen Karte berechtigt, dann kann ich auch 1000 Amerikanerinnen heiraten. Das berechtigt mich zu 1000 grünen Karten.

SPIEGEL: Seit Sheela fort ist, fehlen in Ihren Begleitfahrzeugen die Gewehre hinter den Fenstern. Werden die Sicherheitsmaßnahmen - die Sheelas Idee waren - jetzt weniger streng?

BHAGWAN: Ich möchte, daß die Sicherheitskräfte ganz aufgelöst werden, unter einer Bedingung: Die Regierung muß unsere Sicherheit garantieren. Aber in Wirklichkeit will der Staat Oregon diese friedliche Kommune kaputtmachen. Der Staat hat die Nationalgarde alarmiert, wozu? Wir haben hier keine Armee, wir haben keine Atomwaffen. Das zeigt doch nur ihre Feigheit. Und diese Feiglinge wollen der Sowjet-Union die Stirn bieten?

SPIEGEL: Wann erhielten Sie Ihre letzte Morddrohung?

BHAGWAN: Ich kriege jeden Tag eine. Meine eigene Ermordung kümmert mich nicht. Tatsache ist, daß ich am allerwenigsten im Bett sterben möchte. 99 Prozent aller Leute sterben im Bett. Ich sage meinen Sanyasin immer: Schlaft nicht im Bett. Das ist ein gefährlicher Platz. Schlaft lieber auf dem Fußboden.

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