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»Sheela, zeige dich dem Volke«

Das absurde Medientheater um Bhagwans abtrünnige Vertraute *
aus DER SPIEGEL 40/1985

Dat is'' ja wie bei die Garbo«, staunte ein Insulaner.

Doch hinter den herabgelassenen Rolläden des Hotels »Pabst« auf Juist hatte keine Filmdiva Schutz gesucht, sondern die Gefährtin eines Gottähnlichen, die just aus der Gunst ihres Herrn gefallen war: Ma Anand Sheela, geschiedene Silverman, die sich Mitte September mit zwölf Getreuen und vier Kindern aus der Bhagwan-Kommune im US-Bundesstaat Oregon abgesetzt hat.

Mittags kam Alfred. Der beinamputierte Inselausrufer fuhr seinen Rollstuhl vorm Hotel auf und rief unter dem Gejohle von Touristen, Juistern und Journalisten durchs Megaphon: »Sheela Silverman, zeige dich deinem Volke.« Aber Sheela antwortete nicht.

Seit gut zwei Wochen ist die ehemalige Hohepriesterin des Bhagwan-Kults auf der Flucht. Und wie bei jeder Scheidung wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen: Sheela, zürnte der Erleuchtete, habe ihn vergiften wollen. Sie habe 55 Millionen Dollar abgeräumt und teuflische Vernichtungswaffen ersinnen lassen.

Entschlossen handelte da, am vorigen Mittwoch, Ostfrieslands Polizei. Im Morgengrauen marschierten elf Mann und ein Diensthund im Hotel »Pabst« auf und nach einer Stunde, scheinbar enttäuscht, wieder ab.

Sie hatten angeblich eine Inderin namens Sheela gesucht, die abgeschoben werden sollte. Daß jedoch jene Sheela im Pabst-Hotel das Asylantenmädel nicht sein konnte, war klar. Der Verdacht liegt nahe: Der konstruierte Fall lieferte den Vorwand zur Überprüfung der echten Sheela Silverman. Die Fahnder erbeuteten so immerhin diverse Fingerabdrücke und das Photo von Bhagwans »nackter Geliebter im Bett« ("Bild").

Der Friesen-Coup mobilisierte Presse, Funk und Fernsehen. Per Fähre, Helikopter und Charterflugzeug fielen Dutzende Reporter in die stille Insel ein, wo schon der Schnack kursierte: »Die Sheela ist beim Pabst im Bett.«

Tatsächlich stand sie beim »Stern« unter Kuratel. Sheela hatte nach ihrer Ankunft in Zürich, wo der Bhagwan-Konzern über einen größeren Posten Nummernkonten verfügt, mit dem »Stern« Kontakt aufgenommen - um ein Honorar, für das sogar Boris Becker mit nach Juist gekommen wäre.

Der Einkauf der roten Sheela ist der Höhepunkt in einer langen Reihe von Kraftübungen, mit denen das durch die Hitler-Tagebücher-Affäre gezauste Blatt Image und Auflage zu stabilisieren sucht. Doch je ungestümer sich die Redaktion in die Materialschlachten gegen »Quick« und »Bunte« wirft, desto peinlicher mißraten dem »Stern« die Sensationen zu Pannen:

Seit dem 11. Juli rauscht jeden Donnerstag eine gewaltige Anzeigenkampagne durch die Tagespresse. Die ganzseitigen Inserate, für die Kundschaft der Tageszeitungen von »FAZ« bis »Bild« jeweils maßgeschneidert, sollen den redaktionellen Inhalt des am gleichen Tag erscheinenden »Stern« auf den Punkt bringen und die Klientel zum Kauf bewegen.

Dem Brainstorming zweier Düsseldorfer Werbeagenturen und des »Stern«-Chefredakteurs Rolf Winter entsprangen dabei animalische Wortschöpfungen ("Grrrr!« - »Uargh!"), flotte Texte ("Schon morgens sind die Roten blau"), gelegentlich auch Peinlichkeiten. Anläßlich des Todes von Heinrich Böll ließen die Werbestrategen ein halbmeterhohes Kreuz in die »Frankfurter Rundschau« einrücken und darunter im Waschpulverwerbestil verkünden: »Wir nehmen Abschied von Heinrich Böll. Heute.«

Bei der Operation Sheela hatten die Hamburger Bilderblattmacher Vertragspartnerin

samt Anhang zunächst in der Pension »Sonnhalde« im Schwarzwald versteckt. Von da wurde die Reisegesellschaft in einem von zwei »Stern«-Funkwagen eskortierten Charterbus nach Norddeich und dann weiter per Schiff und Sonderflugzeug nach Juist verbracht. Dort organisierte die »Stern«-Mannschaft eine ebenso perfekte wie fürsorgliche Bewachung rund um die Uhr: Abschirmung gegen die Konkurrenz von »Quick« bis »Bild«.

Man konnte auf dem roten Flur im Hotel »Pabst« anwählen, was man wollte, am Apparat war immer der »Stern«. Hotelier Pabst: »Ich glaube, die hatten an die hundert Mann im Einsatz.«

Dialoge mit den Flüchtlingen waren stets vom Hauch des Absurden umsäuselt: »Gehören Sie zu Sheela?« - »Sprechen Sie mit Hans.« - »Stehen Sie denn unter Schweigepflicht?« - »Sprechen Sie mit Hans.«

Die »Stern«-Journalisten waren nicht weniger sprachlos. Selbst bei Routinefragen von Kollegen ("Wann seid ihr denn angekommen?") eilten sie ans Telephon, um in der Zentrale an der Alster nachzufragen, ob eine freimütige Antwort womöglich den Tatbestand des Blattverrats erfülle.

Redaktionsuntypische Bedenken entwickelte nur Winter-Vize Dieter Gütt. Nachdem ein »Tagesthemen«-Beitrag am Dienstagabend die Oregon-Flüchtlinge bei Touristen-Schnickschnack und in Juister Boutiquen gezeigt hatte, beschimpfte Gütt in der Nacht seine Sheela-Sachbearbeiter, das Thema viel zu »groß gefahren« zu haben.

Und die Exklusivität war auch nicht unumstritten. »Zur Hölle mit Bhagwan«, titelte der »Stern«, »Exklusiv-Interview mit dem Guru« die Münchner »Quick«. Die Titelbilder waren zum Verwechseln ähnlich. Beim »Stern« tritt Sheela mit stramm sitzendem Revolver aus Bhagwans Rauschebart, bei »Quick« eilt sie nackt mit ihrer »Bande« über den Cover.

Donnerstagmittag brach Sheela kurz ihr Schweigen. Sie trat, observiert von »Stern«-Schutzmännern, auf die Hotelterrasse und beantwortete aus der Distanz _(Vergangenen Donnerstag im ) _("Stern«-Charterflugzeug auf Juist. )

Reporterfragen. Ein amerikanischer Fernsehkorrespondent wollte wissen, wo sie Bhagwans Geld gelassen habe. »Ich hab''s hier in meiner Tasche!« rief sie. Ob es wirklich 55 Millionen Dollar seien, wie der Meister behauptete. »Keine Ahnung, ich hab es noch nicht gezählt.« Eine halbe Stunde später hoben die Vertriebenen mit ihren Bewachern in drei Chartermaschinen ab.

Die Luftflotte drehte eine weite Schleife überm Wattenmeer und nahm dann Kurs Nordost, ein Flugzeug der US-Fernsehgesellschaft CBS jagte hinterher. Auf dem Vorfeld zurück blieb ein zerfleddertes Exemplar der deutschen »Rajneesh Times« mit dem Sinnspruch unter einem Porträt des Meisters: »Hier in Deinem Zirkus singen wir zusammen, und unter den Sternen feiern wir die Wildheit Deiner Liebe.«

Vergangenen Donnerstag im »Stern«-Charterflugzeug auf Juist.

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