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Sherlock Holmes unter Ketzern und Dämonen

SPIEGEL-Redakteur Wilhelm Bittorf über die Verfilmung von Ecos »Der Name der Rose« *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 42/1986

Der Yankee aus Connecticut, von dem Mark Twain erzählt, war an einem Abend im späten 19. Jahrhundert in Schlaf gesunken. Als er wieder erwachte, lag er auf einer Wiese und sah einen Ritter mit scheppernder Rüstung auf sich zu galoppieren.

Ungläubig starrte der Yankee den abgerissenen Reisigen an und meinte zu träumen. Allmählich aber mußte er sich von seinen Augen, seinen Ohren und seiner armen Nase, die viel Ungewaschenheit zu riechen bekam, davon überzeugen lassen, daß er tatsächlich aus seinem fortschrittlich-industriellen Neuengland ins Uraltengland des Sagenkönigs Artus versetzt worden war.

»Ein Yankee aus Connecticut am Hof von König Artus« - dieser Roman Mark Twains, 1889 publiziert, war eine der ersten literarischen Zeitreisen: Ein Gegenwartsmensch dringt in die Vergangenheit ein wie in einen unerforschten Kontinent. Er erlebt eine versunkene Epoche und ihre zu Staub zerfallenen Personen (seine Vorfahren), als existierten sie noch in körperlicher Präsenz, in sinnlicher Faßbarkeit. Welches Abenteuer könnte sich mit einer solchen Expedition vergleichen? Was wäre aufregender, als das Gefangensein in der eigenen Zeit zu durchbrechen und in die geschichtlichen Tiefen zu tauchen, aus denen wir kommen?

Und obschon Entdeckungsfahrten dieser Art nur in der Phantasie, nur als Erzählung und Spiel möglich sind, kann es den Zeitgenossinnen und -genossen ab Donnerstag dieser Woche ähnlich ergehen wie Mark Twains zeitverschobenem Yankee; denn der Film »Der Name der Rose« nach Umberto Ecos Weltbestseller ist von dem glühenden Ehrgeiz beseelt, seine Betrachter in das Jahr des Herrn 1327 zu entführen und in ein beängstigend authentisches Benediktinerkloster in Norditalien einzusperren: Willkommen im Spätmittelalter! Die nächste Ketzerverfolgung beginnt in Kürze!

Schon die ersten Bilder- kahle Bergrücken ohne Menschenspur, die entlegene Abtei in der Ferne, darüber ein mächtiger Himmel, der noch unerstürmt erscheint und ungezeichnet von den Kondensstreifen der Düsenflugzeuge - suggerieren eine andere, kältere Erde, die Erde der im 14. Jahrhundert beginnenden »kleinen Eiszeit«, die Mißernten und Hungersnöte hervorrief (auch Europa gehörte damals zur dritten Welt, ohne daß es eine erste und zweite Welt gegeben hätte).

Regisseur Jean-Jacques Annaud will daß die Zuschauer »mit physischer Unmittelbarkeit spüren, was es hieß, vor sechseinhalb Jahrhunderten auf den Höhen des Apennin als Mönch zu leben«. Annaud mit seinem unbändigen Einfühlungsdrang in »Gegenwelten« zur heutigen Realität hat früher schon einen fesselnden Film über die Steinzeit inszeniert ("Am Anfang war das Feuer"). Ihm geht es vor allem um »Sinneseindrücke, die eine fremde Sphäre für den Betrachter aufschließen«, ihn zum Zeitreisenden machen.

Körperempfindungen und Gemütsfarben des Klosterdaseins grundieren deshalb den Film, tragen Story und Personen ("Das Mittelalter ist unser Star«, sagt Produzent Eichinger): kratzende Kutten, handgewebt und in alter Weise genäht, deren bloßer Anblick einem lenorgespülten Weichling von heute allergischen Hautausschlag verursacht. Aus den Mauern kriechende Kälte. in der synchron die Atemwolken aufsteigen, wenn die Mönche ihr Morgengebet singen. Der Geruch und Geschmack von Schweineblut, wenn es den Männern, die

das aufgeschlitzte Schlachtopfer festhalten, ins Gesicht spritzt. Die düstere Gemütlichkeit eines Gastmahls das nur von einigen Kerzen und der wärmenden Glut in zwei Kohlebecken beleuchtet wird.

Doch nicht minder sind es Gesichter die den Betrachter gefangennehmen und ins labyrinthische Geschehen hineinziehen. _____« Es war der Kopf eines Greises, bartlos und kahl, die » _____« Augen groß und hellblau, die Lippen dünn und rot, die » _____« Haut schneeweiß und faltig um den knochigen Schädel » _____« hängend, als handle es sich um eine in Milch konservierte » _____« Mumie. »

So beschreibt Umberto Eco den (historisch verbürgten) franziskanischen Seher und Mystiker Ubertino de Casale. Und so trifft er, von William Hickey inspiriert gespielt, in Erscheinung, wenn er den lange vermißten Ordensbruder William von Baskerville (Sean Connery) unter Tränen begrüßt; wenn er von der Schönheit der Marienstatue schwärmt, vor der er, bäuchlings auf den steinernen Boden hingestreckt, zu meditieren pflegt; wenn er die Gegenwart des Teufels zu spüren meint der nach seiner Überzeugung die Abtei heimsucht und gerade den hübschen jungen Adelmo vom Turm gestoßen hat. Es ist der erste der mysteriösen Todesfälle, um die sich Ecos blut-, gift- und bildungsgetränkte Kriminalgeschichte dreht.

Hickeys Ubertino verkörpert die Zeit, in der es in Europa mehr Gurus und »holy men« gab als in Indien, und seine Mitspieler stehen ihm dabei nicht nach. Mit jedem neuen Akteur rückt eine andere dramatische Gesichtslandschaft ins Bild: das altfränkische Raubvogelprofil Volker Prechtels als Bibliothekar Malachias, mit einem Haarkranz um die marmorharte Schädeldecke, der aussieht wie ein ausgefranster Heiligenschein. Haarlos, fett, weiß geschminkt: der schwule Mönch Berengar (Michael Habeck). Anheimelnd versoffen dagegen Helmut Qualtinger in seiner letzten Rolle als Kellermeister Remigius - doch gerade er entpuppt sich als untergetauchter Häretiker und Rebell, der seine Enttäuschung über einen gescheiterten Bauernaufstand in Völlerei zu ersticken versucht.

Der ehrwürdig-furchterregende Feodor Chaliapin gibt den greisen Fanatiker Jorge de Burgos, der das Lachen haßt, weil es die Furcht vor der Autorität unterminiert, und der sich am Ende als Quelle der klösterlichen Kriminalität erweist. Nur zwei Zähne ragen noch wie Hauer eines verwitterten Keilers aus seinem Unterkiefer hervor. Seine mittels Haftschalen milchig erblindeten Augen erinnern an weichgekochte Eier.

Ein »Vier-Sterne-Kloster des gewollt Bizarren« hat die Filmkritikerin der »Los Angeles Times« die Abtei Annauds und seines Münchner Produzenten Bernd Eichinger deshalb genannt. In Amerika ist der 46 Millionen Mark teure Film bereits am 24. September gestartet,

läuft nach Auskunft des Produzenten »in den Großstädten an Ost- und Westküste sehr gut« - trotz (oder wegen) des Einwands einiger Kritiker, der Regisseur habe Ecos Ordensmänner zu einer Bande von »grotesken Alptraumfiguren« ("New York Magazine") verunstaltet.

Das eigentlich Groteske ist aber wohl, daß die Vorstellung »Mönch« heute bei den meisten Leuten von den fröhlichen falschen Klosterbrüdern bestimmt wird, die in der Werbung Käse und Nudeln, Bier. Likör und Verdauungspillen anpreisen. Und das ist ganz gewiß nicht der Typ Gottesknecht, der damals ganz Europa geistig beherrschte.

Schon deshalb, so Annaud, habe er seine Mönchsgestalten verfremden und ihren Ausdruck härten, steigern, zuspitzen müssen: »Ein glattes Gegenwartsgesicht mit einem Mund voll blinkender Porzellanzähne wäre in dem Film ein absurder Anachronismus.« Nur durch unzeitgemäße Physiognomien, das leuchtet ein läßt sich etwas vom wirklichen Charakter des Mönchstums im 14. Jahrhundert kenntlich machen: durch Gesichter, die wenigstens so aussehen (oder so hergerichtet sind), als hätten Askese Selbstkasteiung, Exaltation und Verzweiflung an ihnen gearbeitet, zu schweigen von den Leiden, faulenden Zähnen zum Beispiel, denen der Leib in jenen Tagen preisgegeben war.

Doch Trost ist allzeit gegenwärtig - von dem magischen Moment gleich am Anfang an, wenn Sean Connery in einer groben Franziskanerkutte angeritten kommt und souveräner auf seinem Maulesel sitzt als früher, beim Geheimdienst, in seinem gepanzerten Aston-Martin. Er, William von Baskerville, ist der Mann, der gegen Aberglauben und Dämonenwahn seiner Umgebung antritt. Mit seinem Verstand, mit Spurensuche, Logik und selbstkritischer Ironie klärt er die Morde auf, die alle anderen in der Abtei für das Werk von Teufeln und Ketzern, ja sogar für apokalyptische Vorzeichen des Weltuntergangs halten.

Denn das Grundmotiv, das aus der Erzahlung des Professors Eco klingt, ist ja nichts Geringeres als ein sanfter, aber beharrlicher Hymnus auf das menschliche Denkvermögen und auf die ersten Ansatze einer Rebellion gegen die von der Kirche mit Folter und Feuer erzwungene geistige Unmündigkeit. Ecos gelassener Lichtbringer lehnt sich an William von Ockham an, einen englischen Franziskaner, der die päpstlichen Ansprüche auf weltliche Oberherrschaft kritisierte und die Trennung von Wissenschaft und Religion forderte.

Dafür wurde Ockham 1328 exkommuniziert - nach just so einem Disput mit päpstlichen Legaten, wie auch in Buch und Film einer stattfindet. Er fand Zuflucht bei Kaiser Ludwig dem Bayern in München und erwarb sich mit seinem Scharfsinn einen solchen Ruf, daß sein Denkansatz bis heute »Ockhams Rasiermesser« heißt. Da lag es zumindest nicht fern, daß Ecos Witz aus diesem Mann einen frühen Sherlock Holmes machte.

In seiner Filmgestalt trotzt William den Mächten der Finsternis mit Connerys unbesiegbarem Phlegma, das unter der Kutte wie's pure Gottvertrauen wirkt. Der frühere Agent und Luxusartikel-Snob ist gereift wie ein alter Scotch und spielt herzerwärmend schön zusammen mit dem jungen Amerikaner Christian Slater als dem Novizen Adson, der für William der gleiche naiv-wißbegierige Begleiter ist wie Dr. Watson für Sherlock Holmes.

Zu sehen, wie die beiden in der engen Zelle, die sie teilen, auf ihren harten Pritschen liegen und frierend beim trüben Licht einer Öllampe über die Unterschiede zwischen der fleischlichen und der übersinnlichen Liebe philosophieren, ist komisch und rührend zugleich. Die Szene, in der William dem Jungen klarmacht die natürliche Erklärung einer Mordtat bedeute, »daß wir keinen Teufel mehr brauchen« bleibt bedeutsam noch in der Erinnerung.

Wenn es auf den feurigen Schluß losgeht, fehlt keine der Attraktionen, die dem Mittelalter seit dem »Glöckner von Notre-Dame« Filmstarqualität verliehen haben, ein Ketzerverhör, freilich mit wirkungsvoll ausgespanen Folterungen, sowenig wie eine Ketzerverbrennung, die durch Liebe zum Detail überzeugt: Die Opfer werden sorgfältig mit Harz beschmiert, damit sie die Flammen kräftig zu spüren bekommen und nicht, weil das Feuer sich zu langsam entwickelt, vorher schon am Rauch ersticken.

Und doch erklärt auch der Horror bei weitem nicht die Faszination, die von

dieser seltsamen Geschichte ausgeht, ob sie nun auf über 600 Seiten beschaulich weitschweifend beschrieben oder mit draufgängerischer Power in zwei Kinostunden hineingepackt ist. Was ist aus einem Abstand von mehr als einem halben Jahrtausend noch so lesens- und anschauenswert ;an den Querelen meist älterer Männer, die kaputte Kauwerkzeuge haben und glauben, daß Engel auf Nadelspitzen tanzen?

Welcher Art ist der Reiz einer Story, in der außer der heiß adorierten, aber steinernen Jungfrau Maria nur ein einziges weibliches Geschöpf vorkommt? (Das allerdings ist die biegsame Valentina Vargas als das hungernde Bauernmädchen, das sich in den Novizen Adson verliebt. In der nächtlichen Klosterküche, zwischen Erbsen- und Bohnensäcken, führt das namenlose Mädchen den zitternden Jungen ohne Getue in die Geheimnisse der Venus ein.)

Für einen Mann wie Mark Twain war das Mittelalter, anfangs wenigstens, schlichtweg die »dunkle Zeit«, die, von Vernunft und Fortschritt überwunden, für immer begraben sein sollte. Er schickte seinen Yankee aus Connecticut in die Vergangenheit, um zu zeigen, was für kindische Dummköpfe die legendären Ritter der Tafelrunde in Wirklichkeit waren, und um sich lustig zu machen über den Mittelalter-Kult, der schon im frühen 19. Jahrhundert aufkam als romantisches Gegenbild zur bürgerlichen Geschäftemacherei.

Doch nicht nur die Sehnsucht nach Troubadors und großen Gefühlen hält das Mittelalter lebendig. Es ist nie wirklich überwunden worden: Sein Geister- und Dämonenglaube, seine Heilssehnsucht und seine Höllenschrecken holen die Menschen immer wieder ein, die Siege der aufklärenden Vernunft sind nie vollständig, sind stets aufs äußerste gefährdet. Denn jeder schleppt im Grunde der Seele Mittelalterlich-Irrationales ebenso mit sich herum wie unbewußte Kindheitsprägungen - schwer, beides voneinander zu unterscheiden.

Auch deshalb hat die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman das Mittelalter - und besonders das 14. Jahrhundert - einen »fernen Spiegel« genannt, in dem unsere Zeit verfremdet und verdeutlicht zugleich reflektiert werde. Auch damals wuchsen nicht nur bei William von Ockham Naturerkenntnis und Vernunft ("Die Erde ist rund wie ein Ball«, schrieb schon der französische Bischof und Mathematiker Nicolas d'Oresme). Gleichzeitig aber begann ein neuer verheerender Aberglaube, der Hexenwahn. »Uralte Irrtümer und Mißstände, die fast schon vergessen gewesen waren«, so Tuchman, seien »mit neuer Kraft auferstanden« - wie der Rassenwahn, der Völkerhaß und die Verteufelungen des 20. Jahrhunderts.

So lassen die starken Empfindungen, die der Film »Der Name der Rose« weckt; den Zuschauer vielleicht etwas davon ahnen, wie tief wir innerlich noch im Dunkel stecken und wie sehr sich unsere Emotionen im Mittelalter zu Hause fühlen.

Aber auch der Verstand erkennt vieles Heutige in dem fernen Spiegel wieder. Zum Beispiel die Radikalen im öffentlichen Dienst (als peinlich befragte Ketzer); die Grünen (als zu einem bescheiden-gottgefälligen Leben mahnende Franziskaner); den Weltuntergangsglauben (der sich freilich erst heute kraft Atomphysik erfüllen kann). Oder auch die Abfallrutsche, auf der die Klosterbrüder Essensreste den Berg hinabkippen, um die darbende Bauern sich prügeln.

Es ist ein eindrucksvolles Bild für das Verhältnis zwischen der ersten und der dritten Welt, wie es heute herrscht.

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