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Show-Girls

aus DER SPIEGEL 45/1976

können zumeist weder schauspielern noch singen, und ihr großes »Unglück«, oft nicht einmal tanzen zu können, hat schon 1897 der Londoner Theaterkritiker George Bernard Shaw beklagt. Doch vom Tingeltangel bis zum Fernsehballett sind die Hupfdohlen -- schön, sexy und unbedarft-eine Attraktion des Schaugeschäfts geblieben. Das Publikum schätze nun einmal, so Shaw« den »Charme des Petticoats«.

Ob lasziv mit Netzstrümpfen, Federboa und Rüschen oder sportiv im futuristischen Baseball-Dress: Mädchen machen den Glamour, auf den Las Vegas sowenig verzichten kann wie einst Regisseur Busby Berkeleys Hollywood oder die Pariser Folies-Bergère.

»A pretty girl«, schnulzte Irving Berlin, »is like a melody.« Florenz Ziegfeld, der große amerikanische Revue-Impresario, ließ zu seinen Glanzzeiten (1907 bis 1931) jährlich rund 15000 Show-willige Mädchen aus Büros, Cafés, Fabriken und Farmen probeweise an sich vorüberhüpfen. Statt 20 standen bei ihm 120 ausgesuchte Schönheiten auf der Bühne; dem Finanzier »Diamanten-Jim« Brady waren zehn Schwarzmarkt-Karten zu einer Ziegfeld-Premiere deshalb sogar einmal 750 Dollar wert.

Anekdoten dieser Art aus einem Jahrhundert populär-trivialer Bühnenunterhaltung in Paris, London, New York und Hollywood, dazu viele Bilder und ein gutes Stück Theaterkunde wurden jetzt in einer »Naturgeschichte des Show-Girls« in den USA veröffentlicht*. Sie zeigt: Verändert hat sich die Mode, nicht so sehr die Moral.

Nackt ließ sich, lange vor »Hair« und »Oh, Calcutta!« schon 1893 im Pariser »Moulin Rouge« eine Mona be-

* Derek & Julia Parker: »The Natural History of the Chorus Girl«. Verlag Bobbs-Merrill, Indianapolis/New York; 15,95 Dollar.

wundern, sie wurde allerdings zu 100 Franc Strafe verknackt. Von 1910 an zeigten die Folies-Bergère jedoch relativ ungeniert, worauf es bei Show-Girls vor allem ankommt: auf »Tits and Ass« (so ein Songtitel aus dem jüngst mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneten US-Musical »A Chorus Line") -- feindeutsch: Brust und Gesäß.

Ziegfeld, der unbedecktes Fleisch in seinen Revuen nur selten zuließ, klagte nach dem Ersten Weltkrieg über die Shows seiner Konkurrenten, deren »Orgien der Nacktheit« seien abstoßend: »Man schämt sich, daß man selber irgend etwas mit der Revue zu tun hat.« Sogar im prüden England posierten in den dreißiger Jahren Nackte in exotischer Blumen-Dekoration; sie durften sich nur nicht bewegen.

Hinter den Bühnen machte so manche Ballettratte Geld und Karriere auf eigene Art. Herren der Gesellschaft holten sich ihre Geliebten um 1860 aus dem berühmten »Foyer«, einem zum Kontakthof zweckentfremdeten Probenraum der Pariser Oper. Komponist Daniel Francois Auber: »Schöne Köpfe, schöne Schultern, schöne Beine -- soviel man sich wünschen kann.«

Auch bei den Folies-Bergère pflückten sich die Lebemänner Blumen zur Nacht. Manche der dort nach der Vorstellung wartenden Damen waren noch nicht einmal Show-Girls: Sie kamen schlicht von der Straße.

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