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ZEITGEIST Sibirien an der Spree

In einem Buch-Pamphlet lassen fünf Autoren ihrem Hauptstadt-Hass freien Lauf: »Hier spricht Berlin« nennen sie ihre »Geschichten aus einer barbarischen Stadt«.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 34/2003

Sie hatten einen Traum, und sie träumten ihn gemeinsam. Sie träumten davon, dass die Straßenbahn sie pfeilschnell in ihre Büros und wieder nach Hause bringen würde, während das Clubsandwich an jeder Ecke frisch für sie bereitläge, und später, tief in der durchzechten Nacht, der Taxifahrer so zuvorkommend wäre wie die Sennerin auf der Alm. Sie träumten davon, dass die hübsche Bedienung im Restaurant so geistesgegenwärtig handeln würde wie Oliver Kahn auf der Torlinie. Sie träumten von einer temperamentvollen Metropole, die zugleich so ruhig sein sollte wie der Starnberger See am frühen Sonntagmorgen, kurz: Sie träumten vom vollkommenen Glück des Lebens. Doch leider lebten sie in Berlin.

So schrieben sie, fünf tapfere Feuilletonisten der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« ("FAS"), die rein beruflich und also schicksalhaft aus München, Saarbrücken und Dresden in die deutsche Hauptstadt »zwangsumgesiedelt« wurden, ein bitterböses Buch: »Hier spricht Berlin. Geschichten aus einer barbarischen Stadt"*. Schon im Vorwort schlägt Claudius Seidl,

Leiter des »FAS«-Feuilletons, den Ton der kulturkritischen Kampfschrift an: »Wie ich lernte, Berlin zu hassen«.

War er 2001 nur mit »klitzekleinen« Vorurteilen angereist, so erwies sich Berlin, die Zentrale der neubürgerlichen »Metropolenschwafler« und der einzige Ort in Deutschland, »wo man sich manchmal nach Sibirien sehnt«, unter seinem gestrengen Blick schon nach einer Woche als »im Grunde unbewohnbar«. Die Stadt war eine einzige »Zumutung": »barbarisch, hässlich, ungeheuer fremd«.

So wurde die grandiose Idee geboren, die ungeschminkten Protokolle der täglich erneuerten Berlin-Feindschaft als prosaischen Sammelband zu veröffentlichen - ein ästhetischer Aufschrei aus dem dunklen Reich von Currywurst und Döner. Und tatsächlich, wer die nahezu 60 Kurzgeschichten aus jener Stadt liest, in der die sibirische Steppe angeblich bis zum Kanzleramt reicht, der sehnt sich augenblicklich fast selbst nach Pjöngjang, Caracas oder nach Mexico City, wo sie wenigstens einen anständigen Caipirinha hinkriegen.

Andererseits: Sollte das Anti-Berlin-Pamphlet vielleicht eine »FAZ«-interne Kollegenrache sein, gar eine gemeine Intrige gegen »FAZ«-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, fiese Flaschenpost für Frankfurt?

Denn so viel ist gewiss: Niemand hat den allerneuesten Metropolen-Mythos Berlins mehr gefeiert als die vor Jahresfrist eingestellten »Berliner Seiten«, deren stolzer Initiator und Präzeptor Schirrmacher war.

In jener seligen Zeit der Berlin-Euphorie wurde jeder Bordstein in Mitte umgedreht, um noch nach dem kleinsten Lebenszeichen des Metropolen-Daseins zu forschen. Ob Reportagen über seltene Stadtvögel in überwucherten S-Bahn-Brachen oder Glamourpartys von Neu-Groß-Berlin - stets suchten die ins wahre Stadtleben ausschwärmenden Zeitungsleute das Große im Kleinen und das Peinliche im Erhabenen. Der Alltag wurde zum Abenteuer erklärt, zuweilen auch: verklärt.

Nun also die Rache der Enttäuschten. Und, jawohl, es ist die reine Hölle. Besonders verhasst unter den Zwangsumgesiedelten scheint die Trambahnlinie 50 zu sein, die im Schneckentempo von Pankow nach Mitte kriecht und voller Leute steckt, die Zeit genug finden, »Die Brüder Karamasow«, »Die Nebel von Avalon« und »Das Kapital« zu lesen.

Wer freilich, verlockende Alternative, sein schwarzes Dienstwagen-Cabrio der Marke Saab benutzt, wird nicht nur klassenkämpferisch angefeindet, sondern auch dem notorischen Berliner Polizeiterror ausgesetzt: Da kommt der Kontaktbereichsbeamte frühmorgens schon mal persönlich und klingelt an der Wohnungstür: »Hier ist die Polizei. Gehört Ihnen das schwarze Auto mit Frankfurter Kennzeichen?«

Hat der geplagte Mensch schließlich doch irgendwie und irgendwann den S-Bahnhof-Friedrichstraße erreicht, überfällt ihn der nächste Schock: »Dann erkannte ich eine dichte, glänzende dunkle Masse in seinem Schoß.« Man fasst es nicht: Ein Blowjob im parkenden Pkw! Zu Hause geht der nackte Wahnsinn weiter, denn gegenüber war eine junge Frau eingezogen: »Am Abend, gegen zehn, saß ich in der Küche und aß. Sie duschte. Ohne Vorhang, bei offenem Badezimmerfenster, bloß mit dem Licht an.« Nacktduschen im Hinterhof. Der Horror. Jetzt braucht man erst einmal ein anständiges Bier. Das kriegt man auch. Oft sind es auch mehrere Biere, die der bekennende Berlin-Hasser zu sich nimmt, wie überhaupt auffällt, dass viel Bier getrunken wird auf den rund 220 Seiten. Es scheint da, im scharfen Kontrast zur grausamen Stadt, eine innige Liebe zu Hopfen und Malz zu bestehen. Aber schon das nächste »laute Berliner Lachen« eines x-beliebigen Pförtners erinnert die Biertrinker daran, in welch jenseitiger Unwirtlichkeit sie um ihr Überleben kämpfen müssen. Im Kulturkaufhaus Dussmann ist die amerikanische Intellektuellenzeitschrift »Atlantic Monthly« nicht im Angebot, dafür Dieter Bohlen. Noch ein hundsgemeiner Geldautomat der Postbank ist Teil des Katastrophenszenarios, weil er zu langsam rattert, und am Fahrkartenschalter der BVG lautet die brutale Antwort auf den Wunsch nach einer Quittung: »Das hätten Sie vorher sagen müssen!« Und dann müssen sie ja auch noch einkaufen im Lebensmittelladen um die Ecke oder beim Metzger auf dem Kiez, dort, wo »Pharmaschinken« im Angebot ist, der sich nach mühsamen philologischen Erkundungen nicht als »Parmaschinken«, sondern als »Farmerschinken« herausstellt, und »Bonbel« als Käse »für den anspruchsvolleren Geschmack« gilt.

Wenn schließlich vor lauter Suche nach dem richtigen Parmaschinken die Sohlen abgelaufen sind, findet der Berlin-Hasser punktgenau den »schlechtesten Schuhmacher von Berlin«, den selbst Loriot nicht besser erfinden könnte. Dennoch schafft man es noch mit letzten Kräften auf den Gendarmenmarkt. Auch er ein Versager, eine glatte Nullnummer, »gar kein Ort«, auch »kein Platz«, sondern rein gar nichts, die pure »Leere«. Aber Berlin lässt nicht locker. Nachts ist wieder die Hölle los, wenn der Berliner Lärm in der Altbauwohnung bollert wie ein Haufen betrunkener Schweden in der Mittsommernacht. Das Martyrium will kein Ende finden.

Mal steht Alt-Playboy Rolf Eden ungeplant vor der Toilettentür, mal wirkt die gepiercte Thekenkraft blasiert wie Victoria Beckham, mal läuft die falsche Musik in der falschen Bar, mal wird der Taxifahrer unverschämt und lässt die Uhr einfach weiterlaufen.

Das Schlimmste aber: Der gemeine Ur-Berliner findet überhaupt nichts dabei und macht einfach weiter. Völlig ungerührt. Er merkt es gar nicht, weil ihm die ästhetische Sensibilität fehlt. Er bringt es sogar fertig, sich zum Empfang in »Abendgarderobe« sein rotes Sakko überzuziehen, bevor er beim »Berliner Pilsner« sein lautes Lachen auf den Rest der Menschheit loslässt. Und er lässt sich schon gar nicht sein sonntägliches Brunchen am Kollwitzplatz nehmen, auch wenn dabei die Tradition des Mittagessens schwer in Mitleidenschaft gezogen und die »Vernichtung von Zeit und Raum« betrieben wird. Ja, er sieht nicht einmal, was ein Münchner Feuilletonist in aller gebotenen Ernsthaftigkeit erkennt: »Der Sonntagvormittag ist ein Problem.«

Unheilige Ignoranz, dein Name sei Berlin. Am Ende ist der Leser wahrhaft überwältigt, auch wenn er zwischendurch schon hier und da Materialpausen bei der Lektüre des Schreckens eingelegt hatte. Es ist einfach zu viel. Das kleine Wunder aber: Viele Geschichten sind dennoch unterhaltsam, zuweilen witzig. Der Wiedererkennungswert bestimmter Szenen ist hoch, auch wenn man sie aus Frankfurt, Köln, Stuttgart oder Hannover in Erinnerung hat, und selbst der Berliner wird seine Freude haben, denn er kennt - und liebt - die schrundigen Abgründe des Alltags.

Zwei Autoren ragen heraus und passen zugleich nicht ins schlichte Bild der Hass-Parade: Anne Zielke, 31, und Peter Richter, 30, beide aus Dresden, liefern nicht nur feuilletonistische Schnipsel aus dem selbst erlittenen Berlin-Alltag, sondern spannende Kurzgeschichten, die immerhin von Ferne an Alfred Polgar und Georg Simmel erinnern. Ihren Texten ist die Neugier, zuweilen das ungläubige Staunen gegenüber dem vertrackten Gegenstand anzumerken. Sie sind literarische Flaneure, die womöglich wissen, was Alfred Kerr am 1. November 1896 notiert hat: »Die Zeitläufte, in denen wir in Berlin leben, sind nicht arm an sonderbaren Erscheinungen. Auf der einen Seite: straffes, starkes Emporblühen neuer Kräfte. Auf der anderen Seite: auffallende Äußerungen einer tiefen Zurückgebliebenheit ...«

Die anderen haben sich ihr eigenes kleines Berliner Spiegel-Kabinett gebastelt, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Bis zur unfreiwilligen Komik üben sie sich in einer geschichtslosen, manchmal verschmockten Ästhetisierung eines Edel-Spießertums, das jene Klischees attackiert, die es selbst hervorbringt. Während sie den Mitte- und »Prenzlberg«-Kult ironisieren, besteht ihre eigene Berlin-Welt überwiegend aus Latte Macchiato, unzähligen Bieren, Verlagsempfängen und den Hockern der Bar »103«.

Während sie die »Wohnzimmerisierung der Lebensverhältnisse« beklagen, die berlinische Vermischung von öffentlicher und privater Sphäre, leisten sie der Schnöselisierung eines gesellschaftlichen Biotops Vorschub, das sich selbst genügt.

REINHARD MOHR

* Georg Diez, Nils Minkmar, Peter Richter, Claudius Seidl, AnneZielke: »Hier spricht Berlin. Geschichten aus einer barbarischenStadt«. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 Seiten; 8,90 Euro.

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