Sibylle Berg

Mein Wunsch zum neuen Jahr Keines hält sich für die Norm

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Was wäre, wenn jedes einfach die anderen in Ruhe ließe? Dann könnten wir endlich alle glücklich sein. Ach, es wäre ein schönes Jahr 2022.
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Westend61 / Getty Images

Ein neues Jahr. Herzlichen Glückwunsch dazu.

Wie an jedem 31. Dezember wurde mir von Mächten, die größer sind als ich, die Frage gestellt, was ich mir von diesem neuen Jahr wünsche.

Es muss etwas Realistisches sein. Also entfällt die Abschaffung des Beförderungsentgelts oder eine faire Steuer für Kapitalisten. Machen wir was Einfaches: Dass keines auf der Welt sich für die Norm hält, und jedes die anderen in Ruhe lässt.

Das klingt nach einem sehr kleinen, bescheidenden Wunsch, aber die Auswirkungen wären überwältigend. Jedes könnte glauben, was es will. Den Vorgarten gestalten, wie es will. Es müsste andere nicht belehren. Korrigieren, herumschreien. Mit den Armen fuchteln. Welche Ruhe in den Medien, wenn sich MitarbeiterInnen an die guten alten Werte wie Recherche zurückbesönnen und nicht mehr Agenturmeldungen mit klickbettelnden Headlines versehen, die sehr oft werten und verurteilen. Die Menschen könnten mit ihrer Hautfarbe herumlaufen, ohne eingeordnet zu werden. Kategorien wie Männer und Frauen hätten keine Bedeutung mehr, weil all die Zuschreibungen und sexistischen Beschränkungen verschwunden wären. Weil Frauen nicht mehr als Abweichung von der Norm stattfänden, ebenso wie queere Menschen.

Halten wir kurz inne, um die Sache plastischer zu machen. Vor einiger Zeit postete Madonna in ihrem Instagram-Account Bilder von sich. Wie sinnvoll das generell ist, soll vollkommen egal sein. Zeitgleich dazu erschien die Fortsetzung der Serie »Sex in the City« . Zwanzig Jahre später, oder egal wie viel. Bei beiden Welt-Großereignissen folgte ein Aufschrei auf den sozialen und in den weiteren Medien und eine Debatte (das heißt heute so, wenn Menschen sich aufregen), als hätte Nordkorea ein paar Schallraketen abgefeuert. Im Zentrum stand das Alter der Protagonistinnen. Das war nicht OK. Vermutlich, weil männliche und weibliche Kommentatoren die patriarchale Sichtweise der Fickbarkeit von Frauenkörpern (sächlich) so verinnerlicht haben, dass es ihnen den Verstand geraubt hat.

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Kaum eines hatte die Idee, dass ein weiblich gelesener Mensch erstens weder begattet werden will noch zweitens einen Einfluss auf seine Lebenszeit hat. Organismen altern. Irrer Vorgang. Bleiben wir bei den weiblich gelesenen Körpern, dann hat sich trotz aller Bodypositivity-Bilder und den angeblich mutigen Influenzerinnen, die den Normalzustand von 80 Prozent der weiblichen Haut, der als Krankheit definiert wurde, zeigen, kaum etwas geändert. Es ist immer noch eine wohltuende Ausnahme, wenn weibliche Körper eben einfach da sind. Wie in den Beispielen von Künstlerinnen, wie eine Sendung sehr gut zeigte , oder die Kunst von Teresia Vittuci  stellvertretend für viele – die eben einfach aussehen, wie Menschen, die gute Kunst machen.

2022 wird nun all das wegfallen, was unser Leben so unglaublich einschränkt. KeineR wird mehr in den angenommenen Erwartungen der anderen funktionieren müssen. In vorgefertigten Sätzen reden, die Menschen können tragen, was sie wollen, sie können sich schminken oder es sein lassen, und es ist vollkommen egal, mit welchen biologischen Geschlechtsmerkmalen sie geboren wurden. Weil sich daraus keine Erwartungen ableiten. Man kann lieben, wen man will, oder es sein lassen. Man kann sich bewegen, wie man will, Sport treiben oder nicht. Alles ist in Ordnung, außer andere zu betrügen, sie zu beschimpfen, zu beleidigen. Herkunft und Lebensform sind Stulle, sie sagen nichts. Das Einzige, was für einen anderen Menschen wichtig wird, ist, ob es für sie oder ihn angenehm ist, mit bestimmten Leuten Zeit zu verbringen. Wenn der Schwachsinn zur Bewertung anderer durch ist, kann man sich endlich wieder einem ordentlichen Thema zuwenden. Dem Klassenkampf zum Beispiel.

Ein gutes Neues.