Sibylle Berg

Corona-Zermürbung Wir Menschen sind müde

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Ein Jahr Pandemie, das ist auch ein Jahr des Angstmachens und der Belehrungen. Zeit für einen Wutanfall.
Fischer mit Mundschutz in Cadiz, Spanien (Archivbild)

Fischer mit Mundschutz in Cadiz, Spanien (Archivbild)

Foto: María José López/ DPA

Seit einem Jahr werden die Konsumentinnen und Konsumenten durch die Medien mit Zahlen beliefert, von denen sie eigentlich nie erfahren wollten, und die – mein Tipp – den meisten auch nicht viel sagen: Guten Morgen, die Zahlen der Corona-Infektionen steigen weiter, Inzidenzwerte steigen, fallen, R-Werte machen auch irgendwas, Abstandsregeln, Hygieneregeln, Lockdown 1- 4, Kontaktbeschränkungen und noch mehr Inzidenzwerte.

Menschen- und Bürgerrechte erst mal nicht, Triage, oder: wir nennen es Selektion, wird an die KI ausgelagert, Johns-Hopkins-Zahlen durch Robert Koch-Zahlen ersetzt, ein harter Winter wird kommen, durch einen harten Frühling ersetzt, wir müssen Opfer bringen, nicht alle werden finanziell überleben, schade, aber – Opfer müssen gebracht werden, Mutanten, Mutanten-Hotspots, Superspreader-Events und Verschwörung.

Alles Verschwörung außer Mutter, wer noch nicht hat, schreibt schnell ein Verschwörungstheoriebuch. Wir haben Krise, und da müssen alle zusammenhalten. Eine große Gruppe Menschen bittet um den totalen Lockdown. Einfach warten, bis alles auf natürlichem Weg aufhört. Das wäre vielleicht was gewesen. Letztes Jahr.

Pleitegehen für die Gemeinschaft

Aber dann kam die Skisaison. Und es kamen die Impfungen. Und der Impfstoffmangel. Und Impfneid, Impfpriorisierung, Impfpass und Israel. Hurra. Impfpass. Wer geimpft ist darf – irgendwas. Oder zum Friseur, oder zum Hundefriseurr. Kultur? Ja, die Armen. Schnell das Budget für die Kultur kürzen. Künstler. Pff, Gammler. Erst mal Inzidenzwerte checken. Und warnen. Und Angst machen. Und pleitegehen für die Gemeinschaft. Politiker mit Nadel im Arm. Politikerinnen haben es auch nicht leicht, Kompromisse, Abwägungen, keine Ahnung, woher auch. Dabei sollte man doch in einem System, das die Krise impliziert hat, mit Krisen umgehen können.

Kann keiner. Die Menschen sind zu unverantwortlich für Eigenverantwortung, Berufsverbote, wir nennen es – Enteignung – von Millionen. Muss man solidarisch leisten, und dann fließen Milliarden an Unternehmen, die gerade noch hohe Gewinne erzielt haben, an Unternehmen, die das Steuernzahlen trickreich vermeiden. Und dann schütten Unternehmen während der Krise Dividenden an ihre Aktionäre aus, muss ja. Denn wir retten Arbeitsplätze in Bangladesch, wir retten Adidas, Lufthansa (in den letzten zehn Jahren hat die Lufthansa demnach auf einen Gewinn von 15,6 Milliarden Euro Steuern von drei Milliarden Euro – das sind 19,4 Prozent. In Köln, wo der Stammsitz ist, betrüge die Steuer 32,45 Prozent). Egal. Die schönen Arbeitsplätze. Teilweise in Betrieben, die keiner braucht. Außer den Aktionären. Sollten wir uns fragen, was die Gesellschaft braucht? Nein, wir sind zu müde.

Dass viele Politikerinnen auch nichts anderes sind als Beamte, merkt man jetzt mehr als deutlich, kaum eine, Männer mitgemeint, schafft es, eine tägliche Information klar zu vermitteln.

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Sibylle Berg

GRM: Brainfuck. Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 640
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Liebe Bürgerinnen und Bürger, danke, dass ich noch einen Job habe. Vielen von Ihnen mussten wir das ja verbieten, aber wir haben nicht genug Pflegepersonal, weil wir privatisiert haben, weil wir Krankenhäuser geschlossen haben, weil wir zu blöd waren, genau zu studieren, was andere Länder besser machen. Entschuldigen Sie, wir zahlen Ihnen für unser gelindes Versagen ein Grundeinkommen, sorry. Stattdessen: mehr Zahlen. Statisken. Belehrungen. Egal, es wird sich doch nichts ändern.

Die Menschen sind müde. Pleite, tot oder krank. Und wir warten. Wir sind solidarisch, vernünftig, eigenverantwortlich, wir machen, was wir immer machen. Weiter. Wenn wir wieder weitermachen können. Wir arbeiten, zahlen Steuern, gehen wählen, irgendwen, wir warten auf die nächste Krise. Die wir in Eigenverantwortung solidarisch meistern werden. Wenn wir noch können.