Sibylle Berg

Coronakrise Bankrotterklärung der Menschlichkeit

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Wenn Triage nur ein anderes Wort für Selektion ist: Die Coronakrise zeigt, wie die Verwertbarkeit von Menschen über ihr Weiterleben entscheidet.
Foto: Dwi Anoraganingrum/ imago images/Future Image

Die Gesellschaft wird nach Corona eine andere sein, lese und höre ich, seit die Seuche in Italien ausbrach. Also, falsch, damals las und hörte ich noch nichts, keine Hilfskonvois, keine Herz-für-Italien-Aktionen, das vereinigte starke Europa war damit beschäftigt seine Grenzen zu schließen.

Als die Pandemie erst die Schweiz und etwas verzögert Deutschland erreichte, wurde aus der chinesischen Seuche, aus der italienischen Seuche, die Seuche der Alten, der Schwachen, der Boomer. Sie wissen schon, jene Bevölkerungsschicht, die man als Mensch unter 45 abwerten und diskriminieren kann, weil es hip ist und von einem politisch regen Verstand zeugt.

Als die Seuche noch ein Spaß war, man ihr mit Partys auf Wiesen begegnete, gab es warmherzige Momente. An Laternen klebten Zettel, auf dem Einkaufsdienste angeboten wurde, Websites für Nachbarschaftshilfe wurden eingerichtet, Menschen sangen und klatschten auf Balkonen, Sorgentelefone brummten bis - die Lage ernst wurde. Die ersten Firmen entließen ihre Angestellten, Deutsche saßen auf den Philippinen fest, Schweizer in St. Barth und dass zehntausend Menschen auf Lesbos im Dreck hockten, darauf konnte in diesem Fall keine Rücksicht genommen werden. Virologen reden von einer Marathonstrecke, und die Angst um das Überleben, hauptsächlich im finanziellen Sinn, machte alle Menschen gleich. Also alle, bis auf sehr Reiche, aber egal.

Und mit den finanziellen Sorgen und der Angst in der Ungewissheit tauchten plötzlich Lösungsvorschläge auf. Seit dem 21. März würden Patienten, die älter sind als 80 Jahre, nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge "Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln". Stand im "Tagesspiegel" - danach häuften sich die Beiträge, die man nur als Aufforderung zur Entsolidarisierung lesen konnte.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

"Sie lassen uns sterben", sagte mir eine über 80-jährige Freundin. Gesund. Humorvoll, berufstätig. Da haben sie Hitler überlebt, den Holocaust, den Krieg, den Aufbau Europas, um jetzt aussortiert zu werden. Als würde ein Mensch nicht immer an seinem Leben hängen, weil er doch nur eines hat. Weil sich doch keiner alt fühlt und gehen will.

Neuer Sozialdarwinismus

Professor Wilhelm Heitmeyer schreibt mir: "Die Entwicklung gebiert nur eine weitere Form eines neuen Sozialdarwinismus; das überrascht mich nicht. Das kapitalistische Denken ist doch immer von den Kriterien wie Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz bestimmt. Wir sind eben nicht mehr nützlich. So einfach ist das. Der landnehmende Kapitalismus muss immer tiefer zerstörend in die Gesellschaft eindringen, um sich selbst zu erhalten. Ein lange bekanntes Beispiel ist das Gesundheitswesen. Es ging doch schon lange nicht mehr um Gesundheit als Menschenrecht, sondern um die Rechte auf Rendite der Kapitaleigner, mithilfe willfähriger Politikerinnen und Politiker. Jetzt sind wir Älteren eben dran. Wir sind nur finanzielle Kollateralschäden."

Der Todeskult Kapitalismus mit seinem zurechtgesparten und privatisierten Gesundheitswesen - die mangelnde Voraussicht von Gesundheitsministerien wird nun ins Private ausgelagert, wird zur Verpflichtung der älteren Menschen, Platz zu machen, wird zu Entscheidungen von Ärztinnen und Pflegenden gemacht, in der Endschlacht um die Verwertbarkeit.

Selektion, oder elegant französisch Triage, nimmt Pflegende in die Verantwortung und lastet ihnen das politische Versagen auf. Das, im reichen Europa jenseits der Ferien-Entscheidung als Mensch zu entscheiden, wie und wo man sterben möchte, eine öffentliche Diskussion darüber geführt wird, ist eine Bankrotterklärung der Marktwirtschaft. Und der Menschlichkeit.

Vielleicht sind darum Ratten geeigneter, um nach dem Aussterben unserer Spezies die Erde zu bevölkern, denn sie riechen, wenn ein Mitglied ihrer Spezies hungrig ist und füttern es.

Anmerkung: In einer früheren Version dieser Kolumne befanden sich Links auf externe Texte, was den Eindruck erwecken konnte, diese Texte seien Belege für die in der Kolumne geäußerten Thesen. Tatsächlich handelte es sich lediglich um eine Sammlung themenverwandter Texte. Zur Vermeidung von Missverständnissen haben wir die Links entfernt.