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FILM Sicheres System

aus DER SPIEGEL 52/1971

Eins (Deutschland, Farbe). Im Jahre 1962, nach sieben langen Filmen und einem kurzen, benannte Federico Fellini sein jüngstes Werk chronologisch -- »Achteinhalb«. Nach vier Abendfüllern, unter ihnen der Jungfilm-Erfolg »es«. fängt der Deutsche Ulrich Schamoni noch einmal von vorn an zu zählen -- bei »eins«. Grund: »Das ist der erste Film. in den mir überhaupt niemand hineingeredet hat.«

Die neue Unabhängigkeit, erkauft mit oft abenteuerlicher Selbstbeschränkung beim Drehen in der Camargue, verhalf Schamoni, 32, zu seinem bisher besten Werk und »dem deutschen Kino zu einem respektablen Autorenfilm: »Eins« sieht seinem Macher ähnlich.

Skurril, verspielt und ein bißchen phlegmatisch wie Schamoni selber ist die von Teddy-Stauffer-Evergreens begleitete Handlung -- die Geschichte eines Jung-Kapitalisten, der zwei schräge Typen mit dem todsicheren Roulett-System seines Großvaters in die Casinos schickt, um auf seine Rechnung Gewinne zu scheffeln. Während die Gehilfen unterbezahlt am Spieltisch schuften, liegt der Unternehmer mit seiner Bett-Genossin (Andrea Rau) faul in den Dünen, trinkt »Jägermeister« aus kleinen Fläschchen und knipst ihre blanken Reize mit einer Polaroidkamera ab.

Schnoddrig, komisch und leicht arrogant wie ihr Autor sind die Dialoge: »Jedesmal die gleiche Scheiße«, so muffelt er als sein -- natürlich -- eigener Hauptdarsteller, »muß denn alles mit der gleichen Scheiße enden?«

Es endet dann auch genau so: Die Frau wird abgeschoben, die ausgebeuteten Spiel-Gefährten riskieren den Aufstand und jeuen auf eigene Kappe: »Tschüß«, sagen sie nach einem Riesengewinn, reichen ihrem Arbeitgeber das Spielkapital zurück und machen sich davon.

Das alles ist so beiläufig, pfiffig und (auf gelegentlich viergeteilter Leinwand) auch elegant dahergefilmt, daß sich selbst offenkundige Mängel verschmerzen lassen.

Natürlich ist die Story als soziale Parabel nicht ganz schlüssig, natürlich setzt sich der als Darsteller nicht gerade preisverdächtige Schamoni von allen stets am besten ins Bild, und bisweilen entgleist der ganze Film zu einem Solo für den, allerdings vorzüglichen, Kameramann Igor Luther.

Dennoch -- »Eins« steht fest. Wenn die Identität von Autor und Werk so vorteilhaft spürbar wird wie hier, dominiert der Spaß am Kino, und Perfektion ist Nebensache.

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