Corona-Silvester 2020 Gut, dass es ausfällt, dieses fauchende Geknatter

Ein Einwurf von Elke Schmitter
Endlich, ein Jahresende ohne Feuerwerk und Taumel, ohne verzweifelte Partysuche und sinnlose Zwischenstopps an der Tanke. Ein Hoch auf das Anti-Silvester 2020, ein Hoch auf das große Nichts!
Ein offensichtlicher Vorteil der Sache, die es nicht geben wird: Keine traumatisierten Hunde

Ein offensichtlicher Vorteil der Sache, die es nicht geben wird: Keine traumatisierten Hunde

Foto: Jena Ardell / Getty Images

In diesem Jahr also gar nichts. Weniger Lametta, das war ja ohnehin klar. Aber auch keine Party, kein Silvestervergnügen. Kann man das eigentlich bedauern?

Die offensichtlichen Vorteile der Sache, die es nicht geben wird, sind in Sekundenschnelle aufgezählt: Keine traumatisierten Hunde in der Stadt, deren Hüterinnen und Halter in den kommenden Tagen die Netze eben nicht zum Glühen bringen mit ihren Verdammungswünschen für die Proleten aller Bildungs- und Einkommensklassen, die ohne Böller nicht leben wollen. Keine ängstlichen Eltern, die bei den marodierenden Halbwüchsigen am Neujahrsnachmittag die Finger durchzählen.

Kein Müllsaum an den Bürgersteigen, über den man wochenlang hinwegstelzen muss. Keine Berechnungen, nirgends, wofür man das schöne Geld, das in den Himmel geschossen wurde, hätte verwenden können. (Und das sind nur die Erleichterungen des durchschnittlichen Personals. Feuerwehrmänner, Notärztinnen, Polizisten werden noch tiefer aufatmen.) 

Aber nun der Erleichterung zweiter Teil, das Soziale im höheren Sinne: Niemand muss raus. Niemand muss sich amüsieren auf Festen, die ihre wesentliche Funktion in diesem Jahr ohnehin schon eingebüßt haben. Denn war es nicht Zweck der alkoholischen Jahresendveranstaltung, sich mit vielen, gern auch fremden Menschen in eine möglichst große Distanz zum weihnachtlichen Familienfest zu bringen?

Alkoholisierte Aussprachen und wieder kein Schnee

Zu einem Übermaß an verwandtschaftlicher Intimität, deren entspannte Seite – verdrossen anspruchslose Toleranz für die Tics, die Redewendungen, die Jogginghosen der anderen – vorübergehend aufgehoben wurde für ein wackliges Zeremoniell in unbequemer Kleidung? Zu viel Essen, zu viel Nähe, alkoholisierte Aussprachen und wieder kein Schnee?

Dringend musste in der letzten Nacht des Jahres besprochen, belacht und dann vergessen werden, was so schiefzugehen pflegt bei dem Versuch, eine Gewohnheitsgruppe in den festlichen Ausnahmezustand zu versetzen.

In der Provinz, aus der ich komme, heißt das für die Jugend und die Kinderlosen: Ansturm auf alle Kneipen in der Umgebung, je niveauloser, umso besser. Kebab-Buden, Landdiscos, Steakhouses mit Resopaltischen: alles willkommen. Drogen jeder Art, von Wildfremden gekauft, mit Halbfremden geteilt: aber ja! Zwischenstopps an der Tanke, Autofahrten mit Leuten, denen man so wenig traut wie ihrem Fahrzeug. Sinn- und folgenlose Unterhaltungen.

Auch die Selbstüberschätzung leiert aus

In der Stadt: dasselbe Elend auf engerem Raum; weniger Traffic, dafür die betrübliche Vermutung, dass in der Bar nebenan wirklich die Post abgeht. Dazwischen Leute, deren Erlebnishunger eine durchaus unheimliche Seite hat: Denn wer an nichts mehr glaubt, der ist doch immerhin der Magie der Zahl verfallen, dem unanschaulichsten, dürrsten, trostlosesten Aberglauben der Moderne.

Dieser Abend muss es richten, kurz vor dem bunten Lichterstrauß im Himmel soll noch gefunden werden, was sich 364 Tage hartnäckig entzog – die kleine oder große Liebe, eine Verheißung für die Zukunft. Denn nicht nur außen soll es funkeln, ein Leuchten im Inneren braucht es auch. Oder wenigstens eine Versöhnung, mit dem significant other oder, noch ehrgeiziger und aussichtsärmer: mit sich selbst.

Stumme Gelübde inmitten harten, fauchenden und stinkenden Geknatters, das war das letzte Bier, die letzte Zigarette, von nun an täglich Yoga, Jogging, Meditation… von Jahr zu Jahr werden die Gebete länger, die Kräfte des Glaubens aber schwinden; nicht nur die Muskeln, auch die Selbstüberschätzung leiert aus.

Und sind jene Minuten von Einkehr oder, wahlweise, wahllosen Umarmungen nicht ohnehin inzwischen zu Sekunden geschrumpft, weil vor und nach der überschätzten Zeitenwende Textnachrichten, Videos und Sprachmeldungen die Zusammengekehrten wieder vereinzeln? Ja, dir auch alles Gute!

Es wird eine große Stille sein über dem Land. Und es wird gut und schön gewesen sein.

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