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MEMOIREN Sissis Gebiß

Romy Schneiders Großmutter, einst Burgtheater-Star, hat ihre Memoiren veröffentlicht -- ein »fröhliches Buch«.
aus DER SPIEGEL 31/1978

Der Kanzler, erinnert sich die Schauspielerin, hatte einen »fast mädchenhaft zarten Teint und eine sehr hohe Stimme«, er »strich sich ausgiebig Erdbeer-Marmelade aufs Brot«, trank dazu »in kleinen Schlucken stark gesüßten Tee« und »sagte mir viel Liebenswürdiges«.

Beim Abschied »fixierte« er sie durch ein kleines, viereckiges Lorgnon und sprach: »Also, mein Fräulein, bleiben Sie weiter so fleißig und erfolgreich!«

Der Kanzler war Bismarck. Und die Schauspielerin, die sich da so lebhaft an ihn erinnert, lebt noch: Rosa Albach-Retty«, 103.

Eigentlich hatte die ehemalige Burgtheater-Aktrice keine Memoiren veröffentlichen wollen. So was wie »die Bettgeschichten von Curd Jürgens und die Krankheiten der Knef«, hatte sie der österreichischen Journalistin Gertrud Svoboda-Srncik entgegnet, könne sie nicht bieten, und »ohne solche Sensationen« gehe es doch heutzutage nicht.

Doch Frau Svoboda konnte die in einem Altersheim in Baden bei Wien lebende Pensionärin umstimmen und hat nun aufgezeichnet, was diese aus ihrem langen Leben unter dem Titel »So kurz sind hundert Jahre« zu erzählen weiß**.

Es ist in der Tat viel Kurzweiliges, ganz nach dem Vorsatz der rüstigen Greisin -- die erst kürzlich zu rauchen begonnen hat -, ihre Memoiren sollten »ein fröhliches Buch« werden.

Rosa Albach-Retty erzählt anschaulich von berühmten Kollegen wie Josef Kainz und Werner Krauß -- auch solche Einzelheiten: Krauß war »nur selten nüchtern« und »wankte« einmal als Julius Caesar »sternhagelvoll auf die Bühne«; Kainz aß vor Auftritten mit ihm unsympathischen Kolleginnen gern »Leichenfinger«, einen »fürchterlich stinkenden« Käse.

Sie erinnert sich, wie der 30jährige Gerhart Hauptmann auf einer Probe zu »Kollege Crampton«, seine Schüchternheit überwindend, dem Schauspieler Georg Engels so virtuos eine Szene vorspielte, daß dieser in Tränen ausbrach; Hauptmann stand dann »mit hängenden Schultern da, keuchend, erschöpft ... Er hatte seine Seele entblößt«.

Sie beobachtete, wie Henrik Ibsen, bevor er sich nach einer Berliner Premiere dem Publikum zeigte, »vor dem Spiegel im Vorraum wild in seinem Haar zu wühlen« begann: »Erst als es wie eine Löwenmähne seine Stirn umwallte, trat er an die Brüstung und nahm die Ovationen entgegen.«

Sie überliefert, wie die Frau des Dramatikers Hermann Sudermann ihren Mann über schlechte Kritiken hinwegtröstete: »Laß gut sein, Männe, in hundert Johr werden se dich ausgraben.« Und wie ihr die Kollegin Adele Sandrock in Wien ihren neuen Geliebten

* lm Film »La Califfa«.

* Rosa Albach-Retty: »So kurz sind hundert Jahre« Verlag Herbig, München; 296 Seiten; 32 Mark.

vorstellte: »Das ist mein süßer Zwerg, Herr Doktor Schnitzler.« Später klärte die Sandrock sie dann über den Anfang ihrer Affäre mit Arthur Schnitzler auf: »Kind, Rosi -- war dieser Mensch schüchtern!«

Rosa Albach-Rcttys Bühnenkarriere -- sie spielte in 68 Jahren über 300 Rollen -- hatte 1891 an Adolf L'Arronges Deutschem Theater in Berlin begonnen. Ihre Erinnerungen reichen noch weiter zurück.

Als Achtjährige begegnet sie, an Mutters Hand, im Tiergarten dem alten Moltke, knickst und wird von ihm angeredet: »Bist du aber ein niedliches Mädchen!« Einige Jahre später trifft sie, im Palais des Grafen Dönhoff, wieder mit dem Feldmarschall zusammen, und er erzählt ihr von seiner »freudlosen Kindheit« in der Kadetten-Akademie in Kopenhagen: »Nur Entbehrungen und Herzenskälte.«

Die erfolgreiche Burgtheater-Schauspielerin hat, wie anders, auch mit dem Kaiser Franz Joseph in der Wiener Hofburg Worte gewechselt. Und bei einem Ausflug im Salzkammergut, 1898, hat sie in einem Wirtshausgarten vom Nebentisch aus die Kaiserin Elisabeth beobachten können -- bei einer intimen Verrichtung:

Nach Beendigung der Mahlzeit, so erzählt Rosa Albach-Retty, »schaute Elisabeth sekundenlang vor sieh hin, griff dann mit der linken Hand nach ihrem Gebiß, nahm es heraus, hielt es seitlich über den Tischrand und spülte es mit einem Glas Wasser ab. Dann schob sie es wieder in den Mund. Das alles geschah mit so viel graziöser Nonchalance, vor allem aber derart blitzschnell, daß ich zunächst meinen Augen nicht trauen wollte ...«

Der Kaiserin ist Rosa Albach-Retty ganz speziell verbunden: Schließlich ist ihre Enkelin Romy Schneider als Elisabeth-Darstellerin, als Film-»Sissi« berühmt geworden .- bekannter als die Großmutter, prominenter auch als ihr Vater Wolf Albach-Retty, Film-Beau der vierziger Jahre, Rosas 1967 gestorbener Sohn.

Die Großmutter hat die Starkarriere der Enkelin nicht nur mit Stolz verfolgt. Daß Romy später auch in Filmen gespielt hat, »in denen sie sich zuerst halb- und dann ganz nackt blicken ließ«, bekümmert die alte Dame dabei kaum -- Sorgen aber, so erklärt sie in ihrem Memoirenbuch, bereite ihr der Lebensstil« Romys, die sich »so hemmungslos« von ihren »Leidenschaften und Begierden treiben« lasse.

Rosa Albach-Retty: »Ich halte es für durchaus möglich, daß meine Enkelin eines Tages seelisch in eine Sackgasse gerät, aus der sie keinen Ausweg mehr findet.«

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