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SCHRIFTSTELLER Sklave der Logik

Die Science-fiction-Romane des Polen Stanislaw Lern gelten manchen Literaturwissenschaftlern als »Offenbarung«. Jetzt erscheinen seine Bücher auch in der Bundesrepublik.
aus DER SPIEGEL 39/1972

»Als ich beschlossen hatte, Science-fiction zu schreiben«, sagt der polnische Schriftsteller und Futurologe Stanislaw Lem, 50, »entdeckte ich mit Schaudern, in welch fragwürdige, ja mißliche Gesellschaft ich geraten War.«

Fast ohne Ausnahme, meint Lem, seien die Verfasser utopischer Romane bislang unfähig gewesen, ihre eigenen Vorstellungsklischees zu überwinden: Sie projizierten Gegenwartsprobleme in die Zukunft, bevölkerten das Universum mit erdähnlichen Zivilisationen, ließen ihre Helden in der Galaxis Räuber und Gendarm spielen und produzierten dabei in der Regel »gewöhnlichen Schund«.

Mit 28 Büchern in einer Gesamtauflage von rund acht Millionen Exemplaren, die in fast 30 Sprachen übersetzt worden sind, hat der umfassend gebildete Arztsohn aus Lwów (Lemberg) die Zukunftsbelletristik inzwischen rehabilitiert. Er hat, urteilt der polnische Kritiker Jan Blonski, »sämtliche literarischen Chancen der Science-fiction ausgelotet« -- vom philosophischen Traktat über die Groteske bis zur Sozialutopie.

In der westlichen Welt jedoch wurden Lems »Meisterwerke intellektueller Vorstellungskraft« (Blonski), in denen die Science-fiction »eine Reife erreicht hat wie nie zuvor« (US-Literaturwissenschaftler David Ketterer), bislang nur bruchstückhaft bekannt.

Das kommerzialisierte Verlagswesen Westeuropas und Amerikas, klagt der Autor, habe seine Schriften lediglich als »einen Kuchen« betrachtet, aus dem »isolierte Rosinen als leicht verdauliche Leckerbissen« herausgepickt und »ohne den ihnen gebührenden Kontext« veröffentlicht worden seien. In der Bundesrepublik haben vier verschiedene Verlage seit kurzem Lem-Romane und -Erzählungen im Programm*.

Dieser »zerschmetternden Atomisierung« (Lem) will der Frankfurter Insel-Verlag jetzt ein Ende bereiten. Mit etwa vier Übersetzungen pro Jahr sollen die Spekulationen und Denkabenteuer des Mitbegründers der polnischen Gesellschaften für Astronautik und Kybernetik, der gegenwärtig in Krakow lebt, deutschen Lesern systematisch und kontinuierlich vorgelegt werden.

Schon heute, nach fünf westdeutschen Lizenzausgaben, läßt sich ermessen, wie weit Lem über die Phantasien seiner be* »Test«; »Der Unbesiegbare« (Fischer-Taschenbuch Verlag, je 3,80 Mark); »Solaris« (Marion von Schröder Verlag, 12 Mark); »Nacht und Schimmel« (Insel Verlag, 16,50 Mark); »Eden« (Nymphenburger Verlagshandlung, 19,80 Mark).

deutendsten Vorgänger, Jules Verne und H. G. Wells, hinausgegangen ist. Denn seine Geschichten, in denen Grenzprobleme beinahe aller Erkenntniszweige -- beispielsweise der Mathematik, Soziologie, Mikrobiologie und Kernphysik -- spannend verarbeitet werden, enthalten kaum noch platte technische Voraussagen (wie etwa des Unterseeboots und der Mondrakete durch Jules Verne). Sie spiegeln vielmehr Struktur und Methode des gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens.

Gedankenexperimente, erläutert Lem, »können uns durch nichts verwehrt werden, solange sie nur logisch und in sich widerspruchsfrei sind«. So beschreibt er eingebildete Forschungsgebiete und Wissenschaftszweige, schildert imaginäre Entdeckungen, Irrwege, Scheinlösungen, Kontroversen und erläutert ausführlich die von A bis Z erfundene Bibliographie.

Seit mehr als 100 Jahren versuchen Wissenschaftler -- im Roman »Solaris«, dessen sowjetische Verfilmung beim letzten Cannes-Festival lief -, das Rätsel eines Planeten zu lösen, der um zwei Sonnen kreist, von einem gewaltigen Hirn-Meer bedeckt ist und die irdischen »Solaristen« in ihrer Forschungsstation mit gespenstischen Besuchern narrt: Materialisationen der negativen Erinnerungsbilder ihres eigenen Unterbewußtseins.

Kernstück des Buches ist ein minuziöser Forschungsbericht über die jahrzehntelangen ergebnislosen Expeditionen, Experimente, Analysen und Hypothesen:

Innerhalb des Wissenschaftlerteams kam es zur Aufspaltung in zwei gegnerische Lager. Aufgrund der Analysen wurde der Ozean als organisches Gebilde definiert (ihn lebendig zu nennen, wagte damals noch niemand). Die Biologen sahen in ihm ein primitives Gebilde, eine Art gigantischen Verband, also gleichsam eine einzige, monströs auseinandergewachsene flüssige Zelle (sie nannten ihn aber »präbiologische Fonnation"), die den ganzen Globus mit einem gallertartigen, stellenweise eine Tiefe von mehreren Meilen erreichenden Mantel überzogen hat. Astronomen und Physiker hingegen behaupteten, das müsse eine außerordentlich hoch organisierte Struktur sein, die möglicherweise an Verschlungenheit des Aufbaus die irdischen Organismen übertreffe, da sie doch in der Lage sei, die Ausformungen der Planetenbahn aktiv zu beeinflussen.

Nur selten einmal haben Lems Storys die -- in der konventionellen Sciencefiction bisher unerläßliche -- Pointe. Am Ende des (in der Bundesrepublik noch nicht veröffentlichten) Romans »Die Stimme des Herrn« über das Mammut-Projekt amerikanischer Wissenschaftler, ein mutmaßliches Signal aus dem All zu entziffern, bleibt zum Beispiel offen, ob der »Brief von den Sternen« nicht lediglich ein »neutronisches Rauschen« ist.

Als »profiliertester Vertreter des methodischen Zweifels in der Science-fiction« (so der Wiener SF-Forscher Franz Rottensteiner) variiert Lem unermüdlich seine Zentralthese von der »Nichtkommunizierbarkeit« unterschiedlicher Intelligenzen im All, vom »grundsätzlichen Fehlen einer Kontaktmöglichkeit mit den anderen«.

Es seien, meint Lem, intelligente Lebewesen denkbar, denen die Vorstellung, mit den Menschen in Verbindung zu treten, als so unsinnig erscheinen müßte »wie für uns der Vorschlag, wir sollten mit allen Mitteln der Wissenschaft, Technik und Zivilisation beispielsweise den Aalen beistehen«.

Solche (von Lem erfundene) Wesen sind etwa ein Roboter mit einem Supergehirn, dessen »Bewußtsein sich mit Lichtgeschwindigkeit erweitert« ("Die Lymphatersche Formel"); metallische Fliegenschwärme auf einem fremden Weltkörper, die sich nach Bedarf zu einheitlich handelnden kybernetischen Systemen zusammenschließen und organisches Leben vernichten ("Der Unbesiegbare"); oder jene Plasma-Tiere, die bei einer Million Grad Hitze für Millionstelsekunden entstehen und möglicherweise die Sonnen und Fixsterne bewohnen ("Die Wahrheit").

Mit Sachverstand, in einer nuancenreichen, oft durchaus poetischen Sprache protokolliert Lem die Monologe und Denkvorgänge von Computern und gottähnlichen kosmischen Automaten, deren »Psychologie der Mensch nicht ersehen kann, ebensowenig wie ihren ethischen Kodex«. Die Menschen, die er in seinem Roboter-Mythos »Kyberiade« als »faulen Eiweißschleim« verspottet, geraten ihm dagegen eher blaß.

Schon als Kind hatte sich der Schriftsteller vor »Ratten, Insekten und Erwachsenen« gefürchtet (Lem: »Lebendiges handelt unlogisch und unvorhersehbar") und am liebsten mechanisches Spielzeug in seine Einzelteile zerlegt. Seine Schulklasse sah er als einen Mechanismus an, »der nach den Gesetzen der Sozialpsychologie funktioniert«. Auch vom Ablauf der Zeit machte sich der Knabe ein mechanistisches Bild: Die Zukunft dringe durch die Zimmerdecke zu ihm ein; die Vergangenheit sinke durch den Fußboden zu den Nachbarn.

Nach einem abgebrochenen Medizinstudium arbeitete Lem, während die Nazis in Polen herrschten, als Motorschlosser und »lernte, deutsche Kraftwagen so zu beschädigen, daß es nicht sofort entdeckt werden konnte«. In der Stalin-Ära mußte er die Mitarbeit an einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift einstellen, weil seine Publikationen über Biologie nicht mit der sowjetischen Lyssenko-Doktrin übereinstimmten.

»Ich verfüge«, erkannte er damals, »über Vorstellungskraft und bin ein Sklave der Logik« Deshalb begann er, Science-fiction zu schreiben -- zunächst naive Geschichten über »böse Amerikaner und unschuldige Farbige«. Denn leider, sagt Lem, »glaubte ich zeitweise, daß die US-Truppen wirklich Kartoffelkäfer als Krankheitserreger auf Korea schüttelten«.

Je mehr er sich freilich mit Randproblemen der Forschung beschäftigte, »um die sich niemand mit wissenschaftlichem Ernst kümmerte«, je häufiger er zu internationalen Fachkongressen geladen wurde, desto klarer erkannte er die Mängel der utopischen Unterhaltungsliteratur. Science-fiction, postulierte der Pole 1970 in seinem 750-Seiten-Essay »Phantasie und Futurologie«, habe die Aufgabe. »Auskunft zu geben über den Endzweck der technologischen Entwicklung«; sie müsse »literarische Erkundung« sein.

Doch damit hat er die Belletristik überfordert -- Lem scheint es selbst zu spüren. Denn in den letzten Jahren hat er seine Zukunftsgedanken zunehmend in philosophische Abhandlungen statt in Story-Form gefaßt. Die Science-fiction genügt seinem Anspruch nicht mehr; seine bislang letzte Geschichtensammlung. »Die vollkommene Leere«, besteht daher aus Rezensionen von Büchern, die es nicht gibt. Es ist, so der Autor, »eine Erzählung darüber, was man möchte, was man aber nicht besitzt«.

Im ersten Beitrag dieser Erzählung läßt Stanislaw Lem »Die vollkommene Leere« ihrerseits von einem imaginären Kritiker besprechen. Dessen Urteil: Lem ist ein schlechter Dichter.

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