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SUBSKRIPTIONEN Skonto für die Messe

aus DER SPIEGEL 41/1966

In Köln stimmte die »Electrola« das »Lied zum Preise Gottes« an; in Hamburg ließ es die »Deutsche Grammophon Gesellschaft« nachsingen: Ludwig van Beethovens »Missa Solemnis« erschien jüngst als Schallplattenduplikat.

Um Hörer für das Chorwerk des tauben Wahl-Wieners werben die beiden Firmen nun mit Prospekten und Preisnachlässen: Die Deutsche Grammophon Gesellschaft dient die von Herbert von Karajan dirigierte Beethoven-Messe zum Sonderpreis von 38 Mark an: Electrola verlangt für die Zwei-Platten-Kassette (Dirigent: Otto Klemperer) sogar noch zwei Mark weniger.

Doch was die Käufer so billig erwerben können, kommt die Plattenproduzenten teuer zu stehen: Klemperer wie Karajan zelebrieren ihre Messen mit besten Kräften:

- Karajan dirigiert Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Fritz Wunderlich, Walter Berry, den Wiener Singverein und die Berliner Philharmoniker;

- Klemperer läßt Elisabeth Söderström, Marga Höffgen, Waldemar Kmentt, Martti Talvela, den Chor und das neue Philharmonia-Orchester London singen und spielen.

Die kostspielige K.-u.-K.-Konkurrenz (Produktionskosten: jeweils 250 000 Mark) ist das jüngste Beispiel für den jungen Branchen-Brauch, ohne Rücksicht auf die Erfordernisse des Marktes und nur aus Prestige-Gründen gleiche Werke gleichzeitig herauszubringen. So erschienen:

- 1966 Mozarts »Entführung aus dem Serail": bei der Grammophon mit Eugen Jochum, bei der Electrola unter Josef Krips;

- 1965 Bizets »Carmen«; bei der »RCA Victor« mit Karajan und Leontyne Price, bei Electrola mit Georges Prêtre und Maria Callas;

- 1964/65 Mozarts »Zauberflöte": mit Böhm bei der Grammophon, mit Böhm bei »Decca«, mit Klemperer bei der Electrola;

- 1963 Mozarts »Cosi fan tutte": bei Electrola unter Karl Böhm, bei der Grammophon unter Eugen Jochum;

- 1962 Beethovens »Neun Symphonien": mit Karajan bei der Grammophon, mit Toscanini bei der Decca.

Karajans Beethoven-Symphonien legte die Deutsche Grammophon erstmals erfolgreich zu einer Schallplatten-Subskription auf: Die Firma verkaufte die acht Platten vier Monate lang zu 118 statt zu 175 Mark und setzte 10 000 Kassetten ab. »Der Erfolg war so groß«, erklärt Grammophon-Sprecher Hans Rutz, »daß wir die Subskriptionsidee zur Tradition machen konnten.«

Es bildete sich sogar ein Traditionsverein: Denn die Konkurrenz-Konzerne sahen sich gezwungen, nach und nach Nachlaß zu gewähren. Umfangreiche Schallplattenwerke werden heute in der Regel zur Subskription angeboten - auch wenn sie nicht als Doubletten herauskommen. Die Rabatte sind teilweise beträchtlich: So gibt die Deutsche Grammophon in Kürze die 32 Beethoven -Klaviersonaten mit Wilhelm Kempff am Flügel für 148 statt für 275 Mark ab; und die fünf Beethoven-Klavierkonzerte, die Artur Rubinstein für RCA spielte, kosten statt 125 nur 49 Mark.

Selbst für Discophile überraschend, preist die Decca eine ihrer Evergreen -Opern im Herbstkatalog als »limitierte Sonderausgabe« an - Mozarts »Don Giovanni« mit Cesare Siepi als Titelhelden: Bislang kostete die Kassette 100 Mark, nun ist sie auf 52 Mark herabgesetzt worden. Mit dem radikalen Skonto will die Decca von einem Projekt der gegnerischen Electrola ablenken: von einem »Don Giovanni« (mit Nicolai Ghiaurov in der Hauptrolle), der für 68 Mark offeriert wird.

Auch dieser Abschlag kommt nicht von ungefähr. Als Fachzeitschriften meldeten, die Grammophon nehme Mozarts Playboy-Oper auf Band, ließ Electrola sofort anpressen. Die Eile war unbegründet: Für die Grammophon wird Karl Böhm frühestens 1967 in Prag sein Mozart-Ensemble vor die Mikrophone bitten.

Beethoven-Messe der Grammophon

Prestige für Produzenten

Beethoven-Messe der Electrola

Doubletten für Discophile

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