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FILM So gut wie tot

»Knockin' On Heaven's Door«. Spielfilm von Thomas Jahn. Deutschland 1997.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 8/1997

Auch Lausbuben kommen manchmal in den Himmel; das Sterbenmüssen ist offenbar Strafe genug dafür, wie sie über die Stränge schlugen. Hier also geht es um zwei junge Kerle, die sich als »Abnippel-Experten« verstehen dürfen: Jeder für sich hat soeben im Krankenhaus die Diagnose erhalten, daß sein letztes Stündlein nah bevorstehe; doch da sie sich beide zu munter zur Verzweiflung fühlen, fassen sie gemeinsam Mut zu einem letzten Ausbruch ins nie gelebte Leben. Der eine (Jan Josef Liefers), mit dunklem Wuschelkopf, hat den aufgerissenen Blick des Angsthasen, der andere (Til Schweiger), mit geschorenem Blondschädel, die bekannten frechen Schlitzaugen des Möchtegern-Filous: So bilden sie, wie maßgeschneidert, ein Kumpelpaar der anziehenden Gegensätze. Bislang hatten es beide nicht einmal zu ein paar Punkten in Flensburg gebracht, nun aber klauen sie ein Auto, gleich das erste vor dem Krankenhaus, und brausen los.

Leider jedoch (und deshalb beginnt hiermit eine Holterdiepolter-Komödie) handelt es sich bei dem geklauten erstbesten Auto um eine edle Antiquität (Mercedes Roadster 230 SL, babyblau) aus dem Besitz eines Drogenbarons, und diese Karre birgt im Kofferraum - was die beiden Glücksritter auf Todestrip lange nicht ahnen - abgepackt eine Million Mark in bar.

Niemand behaupte, er hätte nicht gleich geahnt, wie es nun kommt. Denn worauf in dieser Welt könnte man sich noch verlassen, wenn nicht auf tausendfach bewährte Filmplots? Und das Vergnügen darüber entspringt erfüllten Erwartungen: Hier gibt's volle Pulle Kino. Also zügige Eskalation der Verfolgungsjagd, die im Kölner Milieu mit zwei böse knurrenden Gangstern begann und sich unterwegs Richtung Nordsee mit einer stattlichen Polizei-Armee ihrem Höhepunkt nähert: Nichts ist so blöd, daß es beleidigend wäre, das meiste bemerkenswert schwungvoll und clever, manches wirklich brillant - und nichts davon muß man tierisch ernst nehmen, von der Tatsache abgesehen, daß jeder irgendwann sterben muß.

Es war einmal ein Jungstar, der sich, weil er dennoch ein netter Kerl sein wollte, in einer Kölner Buchhandlung von einem Verehrer in ein Gespräch verwickeln, dann gar ein Drehbuch aufnötigen ließ, das dieser, von Beruf Taxifahrer, verfaßt hatte - und nun, bald drei Jahre später, ist daraus erstaunlicherweise nicht nur eine Tresen-Kumpanei entstanden, sondern dieser Film: der erste von Thomas Jahn, 31, als Regisseur und der erste von Til Schweiger, 33, als Produzent. Er ist ein Treffer, weil er nichts verspricht, was er nicht halten kann.

Ford/Hawks/Lean heißt Thomas Jahns verehrtes Altmeister-Dreigestirn (wozu sein eigener einsilbig-kompakter Name gut zu passen scheint), und dazu, daß er wohl als Autor und Regisseur ein Autodidakt sein mag, doch ein Filmbesessener mit geschärftem Auge, Ohr und Kunstverstand ist, bekennt sich »Knockin' On Heaven's Door« auf Schritt und Tritt. Falls wahr ist, wie Jahn selber behauptet, daß er es bislang aus bloßem Phlegma zu keinem sichtbaren Erfolg im Leben gebracht habe, ist mit diesem Film ein schlummerndes Talent von Format explodiert.

Weithin, zugegeben, ist diese Actionkomödie ein recht kumpelhaftes Abenteuer, bei dem viele freundliche Frauen (von Jenny Elvers über Corinna Harfouch und Christiane Paul bis Cornelia Froboess) immer nur kurz hereinschauen. Doch eben- diese Frauenferne bewahrt den Helden ihre Unschuld: Lausbuben sind und bleiben sie und also unwiderstehlich. Wer will schon beim Sterben der erste sein? Aber so heiteren Herzens sieht man Kinohelden nicht alle Tage zum Himmel fahren.

Urs Jenny

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