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So harmlos

aus DER SPIEGEL 30/1972

Hans Werner Henze: »Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer. Henze, der sich seit Jahren als Revolutionär gibt, ist der effekthaschende Klangzauberer und der ästhetisierende Dekadent der fünfziger Jahre geblieben. Das beweist er neuerlich auf dem »langwierigen Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer. Zwar sind diesem Kammerspiel (Text: Gaston Salvatore) ein paar aggressive Töne und ein wenig Jazz beigemengt. doch Henzes Musik ist dadurch nicht revolutionär geworden -- weder nach den Maßstäben avantgardistischer Materialentwicklung noch im politischen Sinn. Etwas so Harmloses hatte sich die westeuropäische Rundfunk-Dachorganisation EBU wohl auch gewünscht, als sie bei Henze das Werk in Auftrag gab und von der italienischen Radiogesellschaft RAI 1971 in Rom uraufführen ließ -- mit Starbesetzung. versteht sich, und unter Henzes Leitung. Die Schallplattenversion des Stücks, kurz nach der Uraufführung in Rom hergestellt, bringt die Siemens-Tochter »Deutsche Grammophon Gesellschaft« in Kürze auf den Markt -- eine authentische Version also. Doch so bewundernswert die Virtuosität des japanischen Schlagzeugers Stomu Yamashita oder des schwarz-amerikanischen Baritons William Pearson auch sind, mehr als Annäherungswerte an die minuziösen Vorschriften der Partitur bietet die stereophonisch wirkungsvolle Realisation nicht. Der ungelenke Dirigent Henze wird dem Komponisten Henze, der selbst die Zeitdauer einzelner Takte sekundengenau beziffert, nicht gerecht. (Deutsche Grammophon Gesellschaft 2 530 212; 25 Mark.)

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