Sibylle Berg

So verführt uns Hass Die gemeinsamen Stunden des Gegen-jemanden-Seins

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Im ewigen Wettbewerb gegeneinander scheint Solidarität keine Option mehr zu sein. Gemeinschaft erleben wir nur noch, wenn wir uns im Hass geeint fühlen.
Protestierende mit Molotowcocktail

Protestierende mit Molotowcocktail

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LordHenriVoton / iStockphoto / Getty Images

Nie war hassen so einfach.

Toller Satz, um ihn in Holz zu brennen und an die Wohnungstür aus geflammter Fichte zu nageln.

Was ist los, Leute? Warum sind wir so – gereizt geworden?

Die Erfindung des Internets ist nur eine Erklärung – das Netz ist Beschleuniger, ist Hassen für Anfänger.

Früher mussten Menschen sich noch mühsam mit Megafonen auf die Straße bemühen, Briefe schreiben, Rohrbomben bauen oder in Kriege ziehen. Früher gab es auch keine Medien, die im hyperventilierenden Rennen um die eigene Bedeutung nur noch in Skandalen denken.

Aber ob beschleunigt oder gemäßigt, gehasst haben sie sich immer, die Leute. Aber auch immer wieder vertragen, und das scheint im Moment unerreichbar, im Dauersturm der Erregung, des Irrsinns, des Geschreis. Wir mögen einander nicht mehr, oder – weniger als je zuvor. Vielleicht liegt es am Individualisierungsbooster, der seit Jahrzehnten den Wettbewerb befeuert. Sei du selbst, sei es dir wert. Du schaffst es, tschakka. Von der Schulzeit an lernt der Mensch im Spätkapitalismus, dass er siegen muss, gewinnen. Stark sein, fit sein. Die besseren Noten, den besseren Körper, die größeren Muskeln, die gesünderen Zähne für die Karriere, von der heute schon kleine Menschen in der Grundschule reden. Wettbewerb. Hurra, wir lieben den Wettbewerb.

Denn ohne Wettbewerb keine Karriere, und ohne einen Arbeitgeber und Eigeninitiative und genügend Eigenverantwortung ist man nichts wert. Wir nennen es Freiheit, Entfaltung. Wir sagen Selbstverwirklichung dazu. Jene, die bei diesem Rennen aus der Kurve fliegen, am Straßenrand zurückbleiben, die krank sind oder müde oder keiner Normierung entsprechen, betrachtet man mit leisem Schauder. Was immer Menschen an den Rand drängt. Er wird wohl selbst schuld sein, der Versager. Schnell weitergehen, vielleicht sind sie ansteckend, die Verlierer.

Wir mögen uns nicht mehr, das haben wir gelernt

Weitermachen. Lasst uns gegeneinander antreten im letzten Lauf. Assessments, die jedes Lebewesen auf Verwertbarkeit und Profit abtasten, es untersuchen, das Humankapital.

Und Solidarität ist ein hohles Gewerkschaftswort geworden. Wir solidarisieren uns nicht, wir kämpfen. Jeder für sich allein in der Einsamkeit des Überlebenden. Wir mögen uns nicht mehr, das haben wir gelernt. Die Männer mögen die Frauen nicht, denn sie nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg. Also das Recht, seine Lebenszeit für das Überleben zu verkaufen. Solange das noch geht, in einer Zeit, in der Algorithmen als neue Konkurrenten aufgetaucht sind. Unsichtbare Konkurrenten, die nicht einmal Ferien brauchen. Die Angst ist seit Langem unser fester Freund geworden, sie beflügelt die Menschen, macht sie rennen. Und um sich schlagen.

Die kurzen Momente der Verbindung vieler finden nur noch kurzfristig im gemeinsamen Hass gegen die anderen, die Dümmeren, die Unnützen, die Feinde, statt. Die gemeinsamen Stunden des Gegen-jemanden-Seins sind die Umarmungen der Jetztzeit.

Wie wärmend, das Gefühl, recht zu haben, auf der richtigen Seite zu stehen. Bei den Guten, den Klugen. Denen, die verdammt noch mal überleben werden. Vielleicht auch nicht.

›Teile und herrsche‹ ist so abgedroschen, dass es schon wieder gut ist. Immer geht es darum, die Menschen abzulenken, aufzuwiegeln, aufeinanderzuhetzen, nie war es so einfach wie heute. Wie jetzt in einer Krise, die Millionen Menschen das Leben, die Einkünfte, die Gesundheit kostet. In der nach Schuldigen gesucht wird, für etwas, was unbegreiflich erscheint. Immer derselbe Fehler, seit Hunderten von Jahren.

Entsolidarisierung in der Endrunde

Und fast immer trifft der Hass, die Empörung, die Verachtung, der Zorn jene, die genauso ratlos sind wie man selbst. Dabei gäbe es so viele und vieles, das wirkliche Verachtung und Ächtung verdienen würde. Menschen, die sich in der Krise bereichert haben wie hier  oder hier  oder da  oder vielleicht dort . Oder die hier.

Die wirklichen Skandale haben meistens nichts zur Folge.

Zu schwer fassbar, die da oben. Zu kompliziert die Tricks von Cum-Ex, Wirecard, die politischen Entscheidungen. Das Kollektiv sucht sich lieber einfachere Gegner. Das ist die Entsolidarisierung in ihrer Endrunde.

Was einst eine aufgeklärte Gesellschaft auszeichnete, der Austausch unterschiedlicher Gedanken, Ansichten, Erkenntnisse, um sich an kollektive Wahrheiten anzunähern, existiert nicht mehr. Wurde abgelöst von einer Atmosphäre der Dauererregung, die nach Zielen des eignen Hasses auf das Leben, in das die meisten gezwungen wurden, sucht. Schuld ist meist ein anderer, dem man es mal richtig sagen kann, und der doch auch nichts zu sagen hat.

»Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist das Recht eines jeden freien Menschen, das man nicht leugnen kann, ohne die abscheulichste Tyrannei auszuüben. Dieses Vorrecht ist für uns ebenso wichtig wie die Ernennung unserer Verwalter und Politiker, das Eintreiben von Steuern, die Entscheidung über Krieg und Frieden; und es wäre ein Hohn, wenn diejenigen, die die Souveränität haben, ihre Meinung nicht schriftlich äußern könnten.«

Sagte Voltaire in »Questions sur les miracles«.

Oder:

Bitte, liebe Leute.

Versuchen wir, uns zu beruhigen. Ein paar Sekunden zu warten, ehe wir etwas posten, mailen, weiterleiten. Dieser verdammte Hass, so gut er sich kurz anfühlen mag, lässt uns alle leer und traurig zurück. In der Einsamkeit des Endkampfes. Den wir alle verlieren werden.