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GASTSTÄTTEN So viel Grazie

Täglich aß er einen seiner Super-Hamburger: Raymond Kroc, Gründer der größten Imbiß-Kette der Welt, wurde 81 Jahre alt. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Das Ding heißt Big Mac. Es sieht aus wie ein größenwahnsinniger Hamburger und besteht vornehmlich aus zwei Batzen gegrillten Hackfleisches, zerlaufenem Chesterkäse und drei Lagen Brötchen, die sich anfühlen wie ein Päckchen Verbandsmull.

Professionellen Feinschmeckern legt sich schon beim Gedanken an die angebliche »kulinarische Katastrophe« der Gaumen in Falten. Ernährungswissenschaftler betrachten den Doppelbratling als eine Gefahr für die Volksgesundheit; konservative Wertbewahrer sehen in ihm ein Sinnbild für den Niedergang westlicher Kultur, linken Weltveränderern gilt er als Symbol des Kapitalismus.

Das mag ja alles richtig sein - doch können sich Millionen McDonald's-Esser so irren, und das täglich aufs neue?

Den Big Mac und vor allem McDonald's, die amerikanische Hamburger-Kette, hat die Menschheit einem weithin Unbekannten zu verdanken: Ray A. Kroc, der letzte Woche im Alter von 81 Jahren starb, schuf innerhalb von 30 Jahren das größte Schnellimbiß-Imperium der Welt, revolutionierte die Eßgewohnheiten nicht nur der Amerikaner und häufte ein Privatvermögen von 1,5 Milliarden Mark an.

Mit dem gleichen missionarischen Eifer, mit dem Amerikaner sich einst dem Export von demokratischen Idealen und Coca-Cola widmeten, verbreitete Kroc seine Botschaft vom »Fast Food«, dem Schnellimbiß.

7500 McDonald's-Stationen in 32 Ländern gibt es inzwischen; wie das liebe Rindvieh, das auf der ganzen Welt auch nur Gras frißt, essen Afrikaner, Australier, Asiaten, Europäer und Amerikaner einträchtig die Einheitskost von McDonald's - 45 Milliarden Hamburger, Cheeseburger und Big Macs, daneben jede Menge an Apple Pie, Pommes frites, Eiscreme und Milch-Shakes hat das Unternehmen bislang verkauft. Umsatz 1983: weltweit umgerechnet 22,5 Milliarden Mark.

McDonald's ist die Erfolgsgeschichte eines Mannes, dem bis in ein Alter, in dem sich andere schon aufs Rentner-Dasein vorbereiten, der Ruch des Versagers anhaftete: In den zwanziger Jahren tingelte Kroc, Sohn eines Einwanderers aus dem Böhmischen, als Pianist erfolglos durch Chicagoer Bars und Restaurants; dann sattelte er auf Vertreter um und verkaufte Papierbecher und Milch-Shake-Mixer an Imbißbuden.

1954 ging bei Kroc, damals 52 Jahre alt, eine Bestellung für acht Mixer ein; diese »ungewöhnlich große Order« stammte von einem Schnellimbiß im kalifornischen San Bernardino, den zwei Brüder namens McDonald betrieben. »Ich beschloß, mir den Laden mal anzusehen«, so Kroc später, »es war die wichtigste Entscheidung meines Lebens.«

Ihn erwartete ein klinisch sauberer, durchrationalisierter Betrieb, der Hamburger zum Billigpreis von 15 Cent verkaufte. Auf der Stelle überredete Kroc die Brüder, ihm die McDonald's-Lizenzrechte für ganz Amerika zu überlassen - einschließlich des Firmenemblems, eines »M«-förmigen, gelben Doppelbogens auf rotem Grund, dessen Bekanntheitsgrad in den USA mittlerweile so groß ist wie der des Sternenbanners.

1960 gab es in den USA bereits 228 McDonald's-Restaurants; 13 Jahre später, die Brüder McDonald hatten ihre Anteile längst an Kroc verkauft, waren es 2500 Stationen - McDonald's hatte sich vor allen Konkurrenten, wie etwa Burger King oder Whimpy's, zur Futterkrippe der Nation entwickelt.

1971 begann der Fast-Food-Herrscher sein Buletten-Imperium auf den Rest der Welt auszudehnen. Im selben Jahr rückte er auch in Westdeutschland ein - inzwischen gibt es hierzulande 189 McDonald's-Restaurants. »Wie eine Panzerdivision der Bundeswehr beim Manöver«, beobachtete »Time«, habe der Hamburger-Konzern die Bundesrepublik überrollt.

Der Grund für Krocs phänomenalen Erfolg ist, daß er alles anders machte als die Konkurrenz, die seine Verkaufs- und Managementstrategien erst nach und nach kopierte. Der geniale Unternehmer *___holte den Hamburger aus seinem angestammten Milieu ____schmuddeliger Imbißstuben und Stehkneipen heraus und ____gab ihm ein sauberes, helles, geruchsarmes und ____klassenloses Heim - Treffpunkt für Familien, wo die ____Väter für wenig Geld viele Mäuler stopfen können, und ____für Schüler und Studenten, die sich hier zu einem ____erschwinglichen Preis von den Zwängen des elterlichen ____Eßtisches emanzipieren können; *___automatisierte die Zubereitung seiner Speisen so ____gründlich, daß auch der trotteligste Griller keine ____Chance findet, irgend etwas falsch zu machen - Summer ____und Lichtsignale melden Toast- und Grillzeiten, ____Sensoren in den Fritiergeräten regeln den Grad der ____Bräunung und Knusprigkeit; *___betrieb den Großteil der Restaurants im sogenannten ____Franchise-System - McDonald's sucht dabei die Standorte ____aus und richtet die Lokale im einheitlichen Design ein, ____der Lizenznehmer zahlt dafür mindestens 280 000 Dollar ____"Eintrittsgeld« sowie Miete und einen Prozentsatz vom ____Gesamtumsatz; *___zahlte den in einheitliche McDonald's Uniformen ____gewandeten Mitarbeitern, meist Teilzeitkräften oder ____Nebenjobbern, Minimallöhne - Gewerkschaften haben in ____McDonald's-Betrieben keine Chance; *___bombardierte die Bevölkerung, vor allem jedoch die ____Kinder, mit derart exzessiver Werbung, daß ein ____Konkurrent höhnte, »die Leute würden sogar ____McDonald's-Hamburger essen, wenn überhaupt kein Fleisch ____drin wäre«.

Freilich, so grämen sich Ernährungswissenschaftler, viel mehr als Fett und Kohlehydrate bekommt der Schnellesser bei McDonald's nicht in den Leib - und vergessen dabei, daß es sich auch bei den Hervorbringungen deutscher Würstchenbuden kaum um ausgewogene Vollwertkost handelt.

Ihrem Erfinder Kroc jedenfalls, der bis zu seinem Tod im Alter von 81 Jahren täglich mindestens einen Big Mac verzehrte, hat die Bratling-Kost offenbar nicht geschadet. Mit fortschreitendem Alter entwickelte er sogar eine offenbar geradezu erotische Beziehung zum Hamburger: »Es ist so viel Grazie in der sanft geschwungenen Silhouette eines Hamburger-Brötchens«, schrieb er lyrisch. Um dies zu erkennen, so gab er zu, bedürfe es freilich »einer besonderen Art von Geisteszustand«.

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