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LITERATUR Sofies Welt-All

aus DER SPIEGEL 45/2000

Manchmal, wenn er in den Spiegel schaue, erblicke er einen »traurigen Primaten«, sagt Jostein Gaarder, 48. Das ist tiefgestapelt; der strubbelige Norweger und ehemalige Gymnasiallehrer, dessen Philosophie-Abenteuerroman »Sofies Welt« in 45 Sprachen die Welt umrundete, ist mindestens ein phantasievoller Primat. Es geht ihm um die letzten Fragen und die ersten Dinge, und sein neues Buch zielt aufs große Ganze. Es heißt lockend »Maya oder Das Wunder des Lebens«, und das meint, was Charles Darwin herausfand: die Evolution. Wieder also ein Abenteuerroman und wieder, wie in »Sofies Welt«, ein literarisches Vexierspiel mit dem Buch im Buch. Imaginierter Autor ist ein Engländer namens Spooke (klingt nach »spook«, Gespenst, Spuk), und im Mittelpunkt steht der Evolutionsbiologe Frank, ein norwegischer Melancholikus wie Gaarder selbst.

Auf einer Forschungsreise gerät er auf die kleine Fidschi-Insel Taveuni und in merkwürdige Gesellschaft. Vor allem ein spanisches Liebespaar fesselt ihn, denn das Gesicht der Frau kommt ihm höchst bekannt vor. Die Evolution mit ihren Rätseln, vor allem dem des Bewusstseins, rückt bald in den Mittelpunkt der Insel-Gespräche; Frank, der zunächst den kühlen Wissenschaftler gibt, debattiert darüber auch mit einem Gecko, der seine Ginflasche blockiert. Aber bald wird der Evolutionsbiologe zum Sinnsucher: Ist doch nicht nur alles blanker Zufall? Gewitzt und fachmännisch führt Gaarder den Leser in ein Lebenslabyrinth, das zunehmend phantastisch erscheint. Oder bleibt für den Menschen doch alles nur »maya«, wie die Inder sagen, Blendwerk? Und woher kennt Frank das Gesicht der Spanierin? Als er im Prado von Madrid schließlich vor Goyas »Nackter Maja« steht, erkennt er die Dame wieder. Lag sie etwa Modell, vor 200 Jahren? Alles wird möglich bei Gaarder und der Mensch sogar zum Bewusstsein erhoben: »Das Auge, das ins Universum schaut, ist das Auge des Universums selbst.« Ein Leser mehr.

Jostein Gaarder: »Maya oder Das Wunder des Lebens«. Aus demNorwegischen von Gabriele Haefs. Hanser Verlag, München; 432Seiten; 39,80 Mark.

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