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MEMOIREN Solche erhöhten Wahrheiten

aus DER SPIEGEL 51/1952

Freitag, der 19. Dezember, kann für die Verleger in der Bundesrepublik ein Tag von besonderer Bedeutung werden. An diesem Tage soll der Landgerichtsdirektor Dr. Gürthofer von der 13. Zivilkammer des Landgerichts München I einen Präzedenz-Streitfall entscheiden, der für die gesamte Memoiren-Literatur richtungsweisenden Einfluß haben kann.

In diesem Fall geht es um die Memoiren des großen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Der Sohn von Sauerbruchs Lehrer, Professor von Mikulicz, möchte vom Gericht im einzelnen klären lassen:

* Sind die Sauerbruch-Memoiren ("Das war mein Leben") ausschließlich von Sauerbruch selbst geschrieben worden oder haben andere Mitarbeiter des Verlages Kindler und Schiermeyer, Bad Wörishofen, nachgeholfen? Wenn ja,

* kann man dann das Sauerbruch-Buch noch als Sauerbruchs Memoiren bezeichnen?

Aus diesen Fragen ergibt sich die grundsätzliche Streitfrage:

* Kann ein Verleger oder ein Buchhändler die Niederschrift von Lebenserinnerungen, an der fremde Federn mitgearbeitet haben, überhaupt noch als Memoiren anbieten?

Am 10. September hatte der Kindler-und-Schiermeyer-Verlag gegen den Sohn des alten Sauerbruch-Lehrers von Mikulicz in Flensburg durch den Justitiar Karl Staubitzer Klage auf Schadensersatz von 50 000 D-Mark beim Landgericht München I eingereicht.

Begründung: In der Nummer 17 vom 25. April 1952 der »Münchner Medizinischen Wochenschrift« war von dem Mikulicz-Sohn eine Rezension über das im gleichen Verlag herausgegebene Buch »Das war mein Leben« von Ferdinand Sauerbruch erschienen. Und eben diese Rezension habe »in Form geschickt getarnter Anzweiflungen den Anschein zu erwecken gesucht, als rührten die Memoiren nicht von Sauerbruch selbst her«.

Worauf Verlagsdirektor Helmut Kindler anspielte, das war in einem Absatz der Mikulicz-Rezension gekennzeichnet: »... er wird - bei der hier gewählten Darstellungsform - vielleicht in Zweifel geraten, ob es sich bei diesen Memoiren um ein ureigenstes Werk, um die eigene Rückschau auf sein Leben handelt, die er (Sauerbruch) selbst geschrieben hat im Vollbesitz seines Erinnerungsvermögens.«

Und weiter: »Der Verlag betont in seinem Werbeschreiben, daß Sauerbruch seinen Lebensabend dazu verwandt hat, aus tausend Notizen, Aufzeichnungen, Tagebuchblättern, Vorträgen und persönlichen Erinnerungen ein Lebensmemoirenwerk zu schaffen, das nichts Erdichtetes und nichts Erfundenes enthalte. Eigenartig schon diese Formulierung, die zu der wissenschaftlichen Größe Sauerbruchs nicht recht paßt.

»Um so befremdender ist für den Kenner die Feststellung, daß in den Sauerbruch-Memoiren Szenen und Vorgänge ausführlich, ja sogar wörtlich wiedergegeben werden, die überhaupt nicht stattgefunden haben. Ich persönlich kann nur Stellung nehmen zu Schilderungen über meinen Vater, Johann von Mikulicz, denen ein großer Raum gewidmet wird. Hier finden sich nicht nur irrtümliche Darstellungen, sondern auch völlig frei erfundene Begebenheiten.«

Mikulicz weiter: »... Bei der Operation (meines Vaters) ist Sauerbruch in Wirklichkeit gar nicht anwesend gewesen, geschweige

denn, daß er die Narkose gemacht hätte ....«

Tatsächlich liest sich denn diese Szene in dem 640-Seiten-Buch auch so:

»Bevor zur Operation geschritten wurde, bestimmte der Chef, daß ich die Narkose machen sollte. So stand ich also am Kopfende des Operationstisches und konnte alles übersehen. Als der Leib geöffnet worden war, erschrak ich zutiefst. Schwarz - Grau - Schwarz. Carcinom, inoperabel. Von Eiselsberg sah, daß nichts zu machen war. Und schloß die Wunde ...«

Dazu schrieb der Sohn des Sauerbruch-Lehrers in der »Münchner Medizinischen Wochenschrift« weiter: »Es liegt nahe, daß der Phantasie und Ausschmückung durch den Chefreporter (des Kindler-und-Schiermeyer-Verlages) ein weiter Raum gegeben ist, nur so ist zu erklären, daß in den Memoiren nicht nur Tatsachen - wie von dem Verlag behauptet - mitgeteilt werden, sondern in Wirklichkeit Wahrheit und Dichtung in recht großzügiger Weise.«

Es war unausbleiblich, daß die kritische Betrachtung des Mikulicz-Sohnes von der Tagespresse aufgegriffen wurde.

Aber auch die »Ärztliche Praxis« ("Die Wochenzeitung des praktischen Arztes") urteilte: »... eine - noch dazu schlechte - Zusammenstellung von Anekdoten, die der um diese Zeit bereits schwerkranke Sauerbruch Zeitschriften-Reportern erzählte, kann unmöglich als 'Das war mein Leben' bezeichnet werden.«

Helmut Kindler, Direktor des Kindler-und-Schiermeyer-Verlages: »Da sehen Sie es ja. Jede Zeitung, an die wir das Buch zur Besprechung schickten, gab es dem medizinischen Rezensenten weiter. Und der holte sich aus der Schublade die 'Münchner Medizinische Wochenschrift' vom 25. April vor, um dann erst ans Lesen zu gehen. Da war von vornherein schon eine Animosität da.«

Im Frühjahr 1950 hatte dem Verleger Helmut Kindler ein alter Freund, Albert Schwerdtfeger aus Berlin-Lichterfelde Ost, Wilhelmstraße 29, geschrieben und angefragt, ob er, Kindler, nicht die Sauerbruch-Memoiren verlegen wolle. Genau einen Monat später, am 7. April 1950, schrieb auch Professor Sauerbruch selbst. Und am 27. Juni des gleichen Jahres unterzeichnete der Professor schon den

Vertrag. 200 Seiten hatte der Chirurg zu diesem Zeitpunkt geschrieben. Vertragsgemäß hätte er die restlichen 400 Seiten schon am 15. August 1950 dem »Revue«-Verleger Kindler auf den Tisch legen müssen.

Verleger Kindler gibt zu: »Einen Teil seiner Erinnerungen hatte der Herr Geheimrat seiner Frau, Dr. Margot Sauerbruch, diktiert. Seine weiteren Erzählungen nahm unser Chefreporter Hans Rudolf Berndorff auf.«

Ende September 1950 lag die erste Fassung des jetzigen Sauerbruch-Bestsellers (in den ersten dreiviertel Jahren wurden 130 000 Exemplare verkauft) schon vor. Zeile um Zeile lasen Helmut Kindler, dessen Frau und Justitiar Staubitzer (Kindler: »Weil er sich so gern vorlesen hörte") dem alten Sauerbruch in Kindlers Wohnung in der Münchener Harthauserstraße 50 vor. Kindler: »Es wurden noch einige Korrekturen gemacht.« Am 2. Juli 1951 machte der große Chirurg die Augen für immer zu.

Kindler: »Nach seinem Tode sind in dem in Buchform veröffentlichten Manuskript keine Veränderungen vorgenommen worden. Lediglich in der 'Revue'-Veröffentlichung wurden einige Ergänzungen aus dem Nachlaß eingefügt, den uns seine Witwe zur Verfügung stellte.«

Und weiter: »Würden die Memoiren nicht von Sauerbruch stammen, so hätten die Erben bis zum 30. September dieses Jahres nicht über 200 000 DM Tantiemen erhalten.«

Bis zum 26. November 1951 sollte alles gut gehen. Da bekommt Verleger Helmut Kindler einen Brief des Professors Mikulicz aus Flensburg: In den Memoiren seien Unrichtigkeiten enthalten. Dies und

jenes stimme nicht. Er protestiere schärfstens.

Unter dem 7. Dezember 1951 antwortete Helmut Kindler: »An einem konnte selbstverständlich, sehr geehrter Herr Professor, auch ich nichts ändern: nämlich daran, daß Herr Geheimrat Sauerbruch möglicherweise schon immer manche Erlebnisse pointierter - ich möchte sagen: verdichteter,

dramatischer - erzählt hat. Das gehörte wohl zu seiner Persönlichkeit und seiner Eigenart. Einem Mann dieses Formats darf man wohl solche erhöhten Wahrheiten zugestehen.«

Kindler gab zu, das Buch enthalte:

* die Wiedergabe eigener Niederschriften des Herrn Geheimrats Sauerbruch,

* die Wiedergabe wissenschaftlicher Veröffentlichungen des Herrn Geheimrats Sauerbruch, die der wissenschaftliche Verlagsmitarbeiter Dr. Lutz in Zusammenarbeit mit Sauerbruch ausgewählt hat,

* von Frau Dr. Margot Sauerbruch aufgenommene Diktate des Herrn Geheimrats Sauerbruch,

* auf Tonband aufgenommene Erinnerungen des Herrn Geheimrats Sauerbruch,

* detaillierte Schilderungen und Diktate des Herrn Geheimrats, die der Chefreporter Hans Rudolf Berndorff wörtlich mitgeschrieben oder wiedergegeben hat,

* Informationen der Frau Ada Sauerbruch, der geschiedenen Frau des Herrn Geheimrats.

Und weiter Kindler: »Abgesehen davon, sind die Memoiren von Herrn Geheimrat Sauerbruch vor Drucklegung noch einmal Wort für Wort korrigiert worden.«

Ferner: »Ich möchte es unserem Justitiar überlassen, Ihren allerschärfsten Einspruch, Ihre Behauptungen und die angekündigte, um nicht zu sagen angedrohte, Stellungnahme Ihres Schwagers, des Herrn Geheimrats Anschütz, in medizinischen Fachzeitschriften juristisch qualifizieren zu lassen. Ich kann mich eines Lächelns bei

dem Gedanken nicht erwehren, daß, um etwaige Gedächtnistäuschungen des alten Geheimrats Sauerbruch in Fachzeitschriften zu korrigieren, nun das Gedächtnis des alten Geheimrats Anschütz bemüht wird, der in einem Brief vom 7. März 1951 an Herrn Geheimrat Sauerbruch geschrieben hatte: 'Schade, daß ich so vieles vergessen habe.'

»Eine Stellungnahme von Ihnen und Herrn Professor Anschütz wird auch von der Fachwelt so bewertet werden wie sie es verdient, als Engherzigkeit und Empfindlichkeit von Menschen, die an Sauerbruch nicht heranreichen.«

Kindler: »Das hätte ich vielleicht nicht schreiben sollen. Da wurde der Professor Mikulicz beese.«

Nun wäre die ganze Angelegenheit gar nicht so tragisch zu nehmen, wenn nicht der alte Herr in Flensburg den Fall als eine Ehrabschneidung ansähe. Denn vor der 13. Zivilkammer des Münchner Landgerichts ließ er schon am 17. November bei der ersten Verhandlung durch seinen Rechtsanwalt verkünden: »Ich werde möglicherweise gezwungen sein, die Handlungs- und Geschäftsfähigkeit Sauerbruchs in der letzten Zeit vor seinem Tode anzuzweifeln.« Im Augenblick seien ihm in dieser Richtung jedoch von seinem Mandanten noch die Hände gebunden, deutete der Anwalt geheimnisvoll an.

Natürlich schlug Landgerichtsdirektor Dr. Gürthofer vor: Die Parteien sollten sich in einem Vergleich einigen. Professor Mikulicz solle anerkennen, daß die Memoiren von Geheimrat Sauerbruch selbst stammen, dafür solle der Kindler- und - Schlermeyer - Verlag auf etwaige Schadensersatzansprüche verzichten.

Noch ist nicht bekannt, wie die beiden Parteien zu dem Vorschlag des Landgerichtsdirektors stehen. In jedem Falle will der Kindler-und-Schiermeyer-Verlag zur Vorsicht die Witwe des Geheimrats, Frau Dr. Margot Sauerbruch, selbst als Zeugin auftreten lassen. Denn für den Verleger Kindler und auch für die anderen deutschen Verleger, die sich mit dem Gedanken tragen, etwa die Memoiren des Dr. Schacht oder des Sauerbruch-Gegenstückes, des Münchner Internisten Professor Bergmann zu veröffentlichen, ist der Fall Sauerbruch ein Paradestück:

Werden die Memoiren des Geheimrats nicht als Memoiren anerkannt, dann werden die jetzt noch an ihren Memoiren Schreibenden sich zumindest einen Verleger suchen müssen, der ihre Erinnerungen so bringt, wie sie von ihnen geschrieben wurden.

Und das ist kein Verlagsgeschäft.

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