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Klaus Wagenbach über neue Bücher von Günter Bruno Fuchs Solidarisch mit dem Leser

Klaus Wagenbach, 41, auch als Kafka-Biograph bekannt geworden, ist der Gründer des seinen Namen tragenden Verlagskollektivs, in dem die »Quarthefte«, die »Rotbücher« und Enzensbergers »Kursbuch« erscheinen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Das hängt einem zum Hals heraus, in jeder zweiten Besprechung eines Buches von Fuchs lesen zu müssen: Hallo, der fröhliche Säufer vom Kreuzberg hat wieder mal ein besoffenes Buch geschrieben; macht den Gürtel auf. Leute, hier gibt's was zu lachen. Vielmehr: Es hing einem zum Hals raus. Denn Rezensionen über »schöne« Literatur gibt es kaum noch, das entspricht der Marktlage, und die hat schon »Kursbuch 20« richtig erschnüffelt. Seit zwei Jahren scheint die Funktionslosigkeit von Literatur abgemacht, vor allem unter Genossen. Aber da sind die Genossen, die in der Praxis so gern zögern. in der Theorie wieder mal zu weit gegangen und haben den Tausch- mit dem Gebrauchswert verwechselt: Wenn ein Stück Überbau abtritt (um, wie alles in einer kapitalistischen Gesellschaft, dem Kapital Platz zu machen), so wird es nur aus dem Markt gezogen. In dieser Gesellschaft ist damit zugleich über den Gebrauch entschieden, subjektiv. Aber auch objektiv?

Günter Bruno Fuchs, 43, ist ein exemplarischer Fall für nicht vorhandenen Marktwert. Da kann der Hanser-Verlag tun, was er will. Er kann eines der schönsten Bücher von Fuchs listig in der Reihe Hanser mitlaufen lassen: »Handbuch für Einwohner. Prosagedichte« (124 Seiten; 5,80 Mark). Er kann, ebenso listig, eine billige Sonderausgabe veranstalten: »Das Lesebuch des Günter Bruno Fuchs« (396 Seiten; 16,80 Mark). Er kann, in der Verzweiflung, jede Reihen-List und Preisschleuderei fahrenlassen und die jüngste Veröffentlichung, einen Roman für Kinder, als ganz normales Buch erscheinen lassen: »Der Bahnwärter« Sandomir« (204 Seiten; 16,80 Mark).

Es nützt alles nichts. Die Auflagen bleiben klein, die Rezensenten fast stumm, und das, obwohl die Bücher weder dick noch langweilig noch unverständlich sind. Als Gründe könnte man nennen:

Untauglich für den Windkanal. Fuchs hat eine sichtbare Kontinuität -- allerneueste Luftsprünge der Saison sind von ihm nicht zu erwarten. Vor überlieferten literarischen Formen kriegt er keine modernistische Platzangst, sondern benutzt sie, wenn sie zum Material passen: Polizisten reden in Sprichwörtern, autowaschende Väter geben Richtlinien aus, Zustände werden da, wo sie märchenhaft unglaublich sind, als Märchen erzählt. Es sind alles kurze Formen: Geschichten, Parabeln, Gedichte, Ansprachen. Und es sind alles alte Formen. Eben die fallen aber leicht durch die Raster von Kulturredakteuren, die fortwährend der ästhetischen Revolution auf den Fersen bleiben müssen, damit die ökonomische sich nicht breitmacht und den Anzeigenteil »behelligt.

Ohne Abitur. Fuchs macht keine Schule. Er hat also nicht die Sorgen eines Patriarchen, der seinen Schriftsteller-Jüngern etwas voranschreiben muß. Fuchs ist deswegen schwer einzuordnen; das ist für Germanisten lästig. Nun läßt sich allerdings Individualismus auch als Markenartikel verkaufen. Dazu fehlt Fuchs aber jede Werbestrategie: Er veröffentlicht mal hier, mal dort, mal Umfangreicheres, mal lächerlich dünne Bändchen. Er läßt direkt rufmordende Kalauer drucken.

Der Roman als Investition. »Wer es zu was bringen will, muß einen Roman hinlegen« dieser Verlegerspruch ist nicht weise, aber gesellschafts- und marktkonform. Gesellschaftskonform: Nichts eignet sich besser zur Feierabenddroge als ein saftiger Romanschinken. Je länger, um so besser vermag er verschiedene Leute für ein paar »rage von politischer Praxis abzuhalten. Und je länger (auch wenn die Literaturhistoriker uns das seit Hofmannsthals Chandosbrief widerlegen wollen), um so definierter -- und also: unveränderbarer -- werden uns die Lebensumstände von Zahnärzten oder Vertretern dargestellt. Je ausschweifender die Details, um so eingegrenzter die Phantasie des Lesers. Solche Romane passivieren den Leser, und diese Haltung ist bei Lohnabhängigen dringend erwünscht. Marktkonform sind Romane insofern, als in sie ein größerer Werbeetat investiert werden kann. Fuchs schreibt keine Romane.

Aber: Er schreibt übers Heute, verständlich und mit einer grimmigen Laune, die zur Solidarität ermuntert. Und das ist selten -- es ist doch weithin immer noch so, daß man sich, auch in der jüngsten Literatur, fragen muß, wem der Vormund die Miete überweist, ob das Mündel Auto fahren kann, wer Malina die Telephonrechnungen bezahlt, ob der Bauer der Bäuerin auch mal in der Küche hilft.

Bei Fuchs kommen solche Dinge vor: »Jeder Hauswirt ist unentbehrlich. Wie ein Keller unentbehrlich ist. Und auf Häuser können wir nicht verzichten. Ohne Häuser, das reizt nur zum Widerspruch ... Der Hauswirt ist Dach und Keller in einer Person. Dazwischen leben wir. Wir wollen wieder in ruhigen Etagen leben. Es ist so. Gerade jetzt auch einstimmig.« Der Text ist etwas länger, es treten noch Prostituierte. Nachbarn und Eltern auf. Aber schon in den wenigen Sätzen erfahren wir einiges über die Ruhe, deren das Privateigentum bedarf, und über die Wahlen. die in dieser Hinsicht stets einstimmig sind (über die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln darf nicht abgestimmt werden). Wir erfahren es in einer einfachen Hauptsatz/Hauptsatz/Hauptsatz-Form, die die Phantasie des Lesers nicht erdrückt, sondern ihr Raum läßt. Die Form ist in sich offen, entspricht also dem antiautoritären Inhalt, und sie ist zugleich Nachäffung des zur Sache gehörenden Herrschaftsgeredes.

Ein anderes Beispiel (aus »Neue Fibelgeschichten«, soeben beim »Literarischen Colloquium Berlin« erschienen; 56 Seiten; 3 Mark): »Abends, vor seiner riesengroßen Hütte, saß der Riese. »Na schön«, so sprach der Riese jetzt muß ich also wieder einmal alle, alle Türen meiner riesigen Kutte zuschließen mit demselben alten, großen Schlüssel, den ich von meinem Großvater geschenkt bekam, als ich noch klein war ... Und weshalb muß ich das tun, weshalb? Nur wegen der Zwerge. die uns Riesen immer irgendwas wegnehmen mitten in der Nacht, winzige Sachen, wie sie sagen: Häuser, Freunde, Berge, den Abendstern!«

Ein Märchen über unsere märchenhaften Zustände. Und zu so etwas fällt manchen unserer wild progressiven Kritiker nichts als »Säuferjux« ein. Anstatt, daß ihnen die Feder schlottert vor Erkennbarkeit: Diese Riesen, die riesengroße Hütten geerbt haben und alles (mit demselben alten Schlüssel) abschließen, wohnen doch nebenan. Und daß den Kapitalisten auch der Abendstern gehört, ist doch nur zu wahr -- die besseren Gefühle, die schönere Freizeit sind doch kein so rechtes Allgemeingut, bei weniger als 880 Mark Nettoeinkommen für 80 Prozent aller Arbeiter.

In solchen kurzen Stücken entwickelt Fuchs eine dialektische Phantasie. die die Fettlebe der einen in Beziehung setzt zur Ausbeutung anderer. Die nicht weggeht vom Material, sondern es direkt übersetzt und ein durchaus realistisches Staunen mitteilt: »Zwei betagte Affen trugen ein Transparent / mit der Aufschrift: Das da. das war ja / vorauszusehn, das haben wir immer gesagt!« Zur Dialektik dieser Phantasie gehört, daß sie nicht nur, und sei es in löblichster Absicht, auf Zukunft gerichtet ist (wiewohl das oft Fuchsens schönste Geschichten sind: Häuser, die ihren Besitzern weglaufen, wie im »Sandomir"), sondern auch rückwärts, gegenwärtiges oder historisches Material bis zur Sichtbarkeit einschwärzend: »Mit Gefängnis bis zu einem Jahr / werden Diebsleute bestraft, die nichts / dazulernen wollen.«

Freilich: Wer so etwas schnell liest, betrügt sich um die Dialektik. Daß der studierte Bescheißer straffrei ausgeht, ist nur ein Teil dieses Dreizeilers. Daß Lernverweigerung auch in einer besseren Gesellschaft Folgen hat, ein anderer. Daß die Justiz ohnmächtig aus ihrem StGB-Deutsch fällt, wenn von Lernprozessen die Rede ist, ein dritter.

Die Phantasie der Texte von Günter Bruno Fuchs ist dialektisch und proletarisch-sachlich. Es werden keine Totalitäten kraft Kunst vorgeschwindelt, sondern die Bruchstücke einer großen kapitalistischen Zerstörungswut aufgezählt. Die Sprachmittel sind nicht elitär, sondern demokratisch, jedem zugänglich. Diese Texte verhalten sich dem Leser gegenüber solidarisch: Sie nehmen seine Phantasie für voll. Sie könnten Leser produzieren, die mit der Phantasie, mit Träumen arbeiten. Das wäre ein politischer Fall. »Träume solcher Art gibt es leider in unserer Bewegung allzuwenig« (Lenin).

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