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GESANG Songs in Bethlehem

aus DER SPIEGEL 52/1952

An diesem Heiligen Abend wird in der Geburtskirche zu Bethlehem die Geburt des Kindes auf eine nicht alltägliche Weise besungen werden: von der Negersängerin Mahalia Jackson, die die Jazzfans und andere Freunde der schwarzen Musik auf ihrer Europa-Tournee eben erst zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Wer den gleichmäßig durchgehenden, swing-artigen Rhythmus der Lieder Mahalias mit der traditionellen europäischen Kirchenmusik vergleicht, kann nicht genug über diese Nachricht erstaunt sein.

Von »Spirituals« haben die europäischen Zeitungen gesprochen, als Mahalia vor wenigen Wochen durch Europa reiste. Das ist die übliche Bezeichnung für die religiöse Musik der amerikanischen Neger. Mahalia aber wehrt sich dagegen:

»Wie sich unsere weltliche Musik, der Jazz, ständig weiter entwickelt, so hat sich auch unsere religiöse Musik verändert. Heute werden kaum noch in irgendeiner Negerkirche Spirituals gesungen. Man singt sie, sentimental und europäisiert, allenfalls für ein weißes Publikum in Konzerten. In den Negerkirchen singt man Gospelsongs. Was ich singe, sind Gospelsongs.«

Gospel ist der englische Ausdruck für »Evangelium«. Der Gospelsong ist rhythmisch bewegter als der Spiritual. Er hat den vitalen, stark akzentuierten Rhythmus der Jazzmusik.

Man hat deshalb zur Begleitung von Gospelsongs gelegentlich Schlagzeuge verwendet. In den Negerkirchen selbst ist das nicht nötig. Dort ersetzt das gleichmäßige In-die-Hände-Klatschen der Gemeinde den Rhythmus des »drummers«.

Die Atmosphäre in den Negerkirchen gleicht der lauten, »heißen« Atmosphäre eines Jazzkonzerts. Die Neger sind über die »Grabesstille« und Ruhe in den abendländischen Kirchen ebenso erstaunt wie

weiße Besucher über den Lärm in den Negerkirchen. Als man einen schwarzen Offizier der US-Army, der im Zivilberuf Journalist war, zum erstenmal in eine europäische Kirche in München führte, sagte er: »Beim Besuch eurer Gottesdienste denkt man, daß für euch das Christentum eine traurige Angelegenheit ist. Bei uns ist es das, was das Wort Evangelium ursprünglich bedeutet: frohe Botschaft.«

Die Neger haben es nie verstanden, die Welt nach dem Vorbild der europäischen Philosophie in zwei Hälften zu teilen: in Leib und Seele, Materie und Geist, oder wie man es nennen mag. Geistige Freude wird bei ihnen immer auch körperlich ausgedrückt.

Deshalb wundern sie sich nicht nur über die Kirchen, sondern auch über die Konzertsäle Europas. »Man denkt, die Leute hören gar nicht zu: so unbeteiligt sitzen sie da«, schrieb ein Neger.

Auf ihrer Europa-Tournee wollte Mahalia, von Skandinavien kommend, auch in Berlin singen. Die Konzert-Direktion Blache-Mey hatte die Festhalle am Funkturm für das große Ereignis vorgesehen. Im letzten Moment kam die Absage.

Mahalia Jackson war schwer erkrankt, sie mußte auf schnellstem Wege zurück in die Staaten. Denn unbedingt wollte sie bis Weihnachten für ihr Bethlehem-Gastspiel wieder fit sein. Die Berliner Konzert-Direktion Blache-Mey rechnet inzwischen damit, Mahalia nach ihrer Morgenland-Tournee im Januar in Berlin zu haben.

Mahalia Jackson stammt aus der Geburtsstadt der Jazzmusik, aus New Orleans. Ihre tiefe mächtige Stimme wird von Fachleuten als die »jazzmäßigste« Stimme bezeichnet, die es in der schwarzen Musik seit der großen Zeit des Jazzgesanges in den zwanziger Jahren gegeben hat.

Trotzdem hat Mahalia es immer abgelehnt, Jazzmusik zu singen. »Ich singe nichts als religiöse Lieder«, sagt sie.

Die Gospelsongs, die Mahalia Jackson singt, entstehen in freier Improvisation. Das geht in den Negerkirchen Amerikas folgendermaßen vor sich:

Irgend jemand ruft, in mehr oder minder tranceartigem Zustand, einen Bibelvers oder einen anderen christlichen Spruch in die Gemeinde. Wenn der Spruch gut und die Gemeinde »in Stimmung« ist, greifen ihn andere auf, wiederholen ihn drei-, viermal, rhythmisieren ihn ein wenig und finden sofort auch eine Melodie dazu, die dem Fluß der Sprache angemessen ist.

Schon fällt das Klavier, die Orgel oder die Hammond-Orgel ein, markiert den Rhythmus, und bald singt die ganze Gemeinde mit. Sie verändert den Spruch, erweitert ihn, verändert auch die ursprüngliche Melodie, aber trotzdem trifft sich alles in den Harmonien, die der Pianist oder Organist zu Anfang gefunden hat und die bei jedem »Chorus« immer wieder die gleichen sind.

Viele der Lieder, die Mahalia singt, sind nachträglich auf Grund einer solchen Massenimprovisation aufgeschrieben. »Das sind die Lieder, die am schönsten sind«, sagt Mahalia. »Kein einzelner Komponist kann ersetzen, was die vielen in einer Kirche versammelten Gläubigen gemeinsam schaffen. In diesen Liedern ist Gott mit uns.«

Nur wenige Lieder, die Mahalia singt, sind keine Gospelsongs. Vor einem Jahr sendete der Südwestfunk eine Schallplattenaufnahme Mahalias mit einer dieser Ausnahmen ihres Repertoires. Daraufhin gingen so viele begeisterte Hörerzuschriften ein, wie der SWF noch nie auf eine Aufnahme »schwarzer Musik« hin erhalten hatte. Es war das deutsche Weihnachtslied »Stille Nacht, heilige Nacht«.

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