Sophie Hunger

Musikerinnen auf Festivals Redet nicht nur, bucht Frauen!

Sophie Hunger
Ein Gastbeitrag von Sophie Hunger
Ein Gastbeitrag von Sophie Hunger
Die Kultur startet neu, aber nicht für alle: Auf den meisten Musikfestivals treten beschämend wenige Musikerinnen auf. Liebe Livemusik in Deutschland, wir haben ein Problem!
Rapper Casper bei »Rock am Ring« 2018: »Festivalshows sind oft nicht das Resultat einer Karriere, sondern Teil ihres Beginns«

Rapper Casper bei »Rock am Ring« 2018: »Festivalshows sind oft nicht das Resultat einer Karriere, sondern Teil ihres Beginns«

Foto: Thomas Frey / picture alliance / Thomas Frey/dpa

Nach anderthalb Jahren Konzertverbot präsentierte Rock am Ring  Anfang Mai voller Stolz die ersten Acts für das Festivalprogramm 2022. Ganze zwei Prozent Frauen  waren da zu sehen. Nach einigen zusätzlichen Buchungen sind auf den Bandfotos auf der Line-up-Übersicht des Festivals  am 9. Juni zehn Frauen unter den 223 Auftretenden zu zählen.

Andere Sommerfestivals ziehen nach und werben mit Line-ups, bei denen gar keine Künstlerinnen vertreten sind. Diese Festivals werden übrigens von öffentlichen Geldern mitfinanziert, unter anderem von der »Initiative Musik« der Bundesregierung , die mit dem Slogan »Neustart Kultur« wirbt.

»Neustart No-Woman's-Land« wäre die treffendere Bezeichnung.

Denn mit fast vollständig männlichen Line-ups schaffen die Festivals es, in Sachen Diskriminierung gleich zwei Vögel auf einmal abzuschießen: Sie schließen Frauen aus – und kommunizieren das auch noch öffentlich. Das Werben mit Programmen, in denen Frauen nicht oder nur marginal vorhanden sind, trägt so dazu bei, dass der falsche Status quo an Gültigkeit gewinnt. Unter dem Eindruck der Pandemie, den Abstrichen und Opfern, die uns allen abverlangt wurden, muss man diese Ankündigungen als offenen Angriff deuten. Eine satte Ohrfeige pünktlich zu den Sommerlockerungen.

Die Mittel der Diplomatie – öffentliche Panels, akademischer Diskurs – erweisen sich also nicht nur in Dax-Vorständen, sondern auch in der Musikbranche als fundamental ineffektiv. Nach Jahren des Dialoges und sympathischen, aber offenbar auch oberflächlichen Feuersalven der Solidarität, liest man als Frau und Musikerin in diesen Line-ups nichts anderes als die Botschaft: »Die Welt findet ohne Frauen statt. Ihr könnt jetzt nach Hause gehen oder kommen, um uns anzuhimmeln.«

Wenn man Vergleiche mit den Musikhotspots UK und USA oder kontinental-europäisch mit Spanien, Frankreich oder Skandinavien zieht, zeigt sich übrigens: Solche Line-ups sind im Jahr 2021 weder normal noch wettbewerbsfähig. Alle Festivals, die weltweit tonangebend sind, streben nach Ausgeglichenheit: vom Primavera Sound am Mittelmeerstrand in Barcelona bis zum Airwaves Iceland, wo bereits 2019 fünfzig Prozent Frauen spielten. Das Argument der hiesigen Programmdirektoren, es gäbe keine Frauenbands – es ist falsch.

Dass Frauen bei deutschen Festivals so unterrepräsentiert sind, verhindert zudem aber auch, dass sie überhaupt groß werden: Festivalshows sind oft nicht das Resultat einer Karriere, sondern Teil ihres Beginns.

»Ich kann mich nicht erinnern, dass der Kindertraum vom Popstar auch Sequenzen von gesellschaftspolitischen Diskursen enthielt.«

Auch ich durfte dieses Glück erfahren. Frühe Einladungen vom Glastonbury Festival, den Vieilles Charrues, dem Montreux Jazz Festival, aber auch dem legendären Haldern Pop waren entscheidend für meine Entwicklung. Ich war noch wenig bekannt, aber bekam Slots auf den Hauptbühnen zu sehr guten Spielzeiten. Das hat so vieles ausgelöst, das waren Game Changer. Ich wurde sichtbar, nicht nur fürs Publikum, sondern auch für mich selbst. So läuft der Hase. So entsteht eine Kulturszene und die nächste Generation von Musikerinnen und Musikern, so entstehen die Korallenriffe, in die wir später stagediven.

Mit Bedauern muss man zugeben, dass deutsche Bands nur selten bei internationalen Festivals anzutreffen sind, obwohl Deutschland der drittgrößte Musikmarkt der Welt ist. Ich bin überzeugt, dass eine weiblichere Festivalkultur auch zu einer interessanteren, eigenständigeren Musikszene führen würde, aus der die Avantgarde-Bands dann nur so rauspurzeln.

Schlussendlich ist es aber nicht an uns Musikerinnen, diese Fragen zu beantworten. Überhaupt wäre es nicht an uns, diese Mechanismen zu erklären, geschweige denn auf sie hinzuweisen. Wie gerne würden wir, unseren männlichen Kollegen gleich, gelassen pfeifend in den Sternenhimmel blicken und unsere Groupies genießen. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Kindertraum vom Popstar auch Sequenzen von gesellschaftspolitischen Diskursen enthielt.

Ganz im Gegenteil: Wenn man als Musikerin das System kritisiert, sägt man sehr eifrig am Ast, auf dem man sitzt. Warum also weisen nicht andere darauf hin und kämpfen dafür? Warum fletschen die männlichen Headliner nicht auch mal ihre Zähne oder weigern sich schlicht, Festivals zu spielen, die kein starkes Frauen-Line-up haben? Und warum knüpft die Initiative Musik ihren Geldfluss nicht an Bedingungen? Will Olaf Scholz nur stolz auf seine 2,5 Milliarden »Neustart Kultur« sein oder auch darauf, worin man sie investiert? Warum haben Fans nicht mehr Einfluss auf die Auswahl der Acts?

Dass wir von der Musikbranche so hinterher stolpern und eine Extraeinladung brauchen zur Gleichberechtigung, ist peinlich. Sogar die AfD Thüringen, die gegen das dortige Paritätsgesetz geklagt hatte, hat in ihrer Landtagsfraktion mehr Frauen im Line-up als manches Musikfestival. Wir, die wir uns gerne empört zeigen gegen Diskriminierungen, die weit weg geschehen: Es gibt auch einen Kampf, der vor der eigenen Haustüre liegt und der uns braucht.

»Männer und Frauen sind gleichberechtigt« – so ist das Geschlechterverhältnis im Grundgesetz der Republik Deutschland formuliert. Liebe Livemusik in Deutschland, wir haben ein Problem. Hört auf, Panels zu organisieren, hört auf, Argumente zu wälzen . Bucht Frauen!