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TV-QUIZ Soviel Liebe

Seit 20 Jahren gibt Hans Rosenthal Rätsel auf, zehn Millionen Hörer und Fernseher dankten es ihm schriftlich -- ein Phänomen.
aus DER SPIEGEL 20/1975

Die Siegesprämie wird »wohltätigen Zwecken zugeführt«. Aber das ist auch die einzige Wohltat dieses » Fragespiels für Schnelldenker«.

»Dalli-Dalli« nennt sich das Volksvergnügen, mit dem das ZDF -- seit 1971 -- zehnmal jährlich sein Abendprogramm bereichert. Zu jeder Live-Show lädt Quizmeister Hans Rosenthal. 50, acht Prominente aus Kultur. Sport und Showbusiness ins Studio ein. Die Gäste -- was tut man nicht alles für Publicity -- sind gehalten. alles mitzumachen, was in deutscher TV-Familienunterhaltung als lustig gilt. Der Nachweis von Intelligenz ist nicht erwünscht. Spielleiter Rosenthal hat sich zum Ziel gesetzt. »die Leute vom Alltag abzulenken«. In 39 »Dalli-Dalli«-Sendungen -- die 40. steht Donnerstag. 19.30 Uhr, bevor -- hat es Rosenthal auf diese Weise probiert:

»Womit kann man sich zu Weihnachten den Magen verderben?« -- so rasant geht es in die erste Runde. Wem zu dieser Preisfrage eine passende Antwort einfällt ("Gänsebraten"). hat bei Rosenthal schon einen Pluspunkt gut. 15 Grübel-Sekunden stehen auch den Kandidaten zur Verfügung, die sich über den Begriff »Kavalier« Gedanken machen oder entscheiden sollen, wie denn ein Wasserhahn zu schließen sei -- links oder rechts herum.

Mit einer neuen Spielphase kommt Action ins Bild. Unter anfeuernden Zurufen des »Dalli-Dalli«-Masrers obliegt es den Schnelldenkern, ein Pfefferkuchenhaus und einen Kunststoff-Schneemann zu bauen, Luftballons aufzublasen und Pfannkuchen mit Marmelade zu füllen. Zwischendurch. wie zufällig, macht sich ein Herr von der Jury mit kleinen Scherzen bemerkbar: .Politik"' sagt er etwa. »ist die Kunst, immer neue Steuern zu erfinden. Ins dröhnende Gelächter droht der Moderator schelmisch: »Keine Politik in »Dalli-Dalli'!«

90 Minuten, noch länger als Lembke und »Alles oder nichts«, währt solcher Spaß. Und weil das Quiz im ZDF unterm Rubrum »gehobene Unterhaltung« läuft, wird auch »Kleinkunst' angeboten: Besinnliches von Heino und dem Medium-Terzett. »Auch die Vorweihnachtszeit«, spricht der Quizzer dazu, »ist eine schöne Zeit.« Sein Denker-Spiel dirigiert er mit dem Charme eines gutprogrammierten Computers: nur selten verliert er ein wenig die Contenance -- etwa, als der aus Edgar-Wallace-Verfilmungen bekannten Schauspielerin Karin Dor zur Frage, was denn zu einer »zünftigen Silvester-Party« gehöre, die unbedachte Replik »Ein Exzeß« entschlüpft. Da blickt Rosenthal betreten beiseite.

Schließlich hat er sich, mit Biederwitz und Bonhomie und der Devise »Niemals anecken. niemals auffallen«, über 20 Jahre lang im hart umkämpften Showgeschäft gehalten -- ein Phänomen. Als beständigster und produktivster Unterhalter hat er längst alle Kollegen aus den Gründerjahren des deutschen Fernsehens an Erfolg und Popularität übertroffen. Wie isses nun bloß möglich?

Hans Günter Rosenthal, Sohn einer jüdischen Bankbeamten-Familie in Berlin, war nach Kriegsende beim damaligen »Berliner Rundfunk« untergekommen. Dort diente er sich. mit Talent, Ehrgeiz und Gefälligkeiten. zum Regie-Assistenten hinauf. 1947 wurde der Rias auf den fixen Jungen aufmerksam. Rosenthal bewährte sich als Aufnahmeleiter und durfte 1954 seine erste eigene Rätselecke einrichten: »20 Fragen -- ein Begriff«.

Seither hat er für nahezu alle deutschen Funk- und Fernsehsender »ein paar tausend« Quizsendungen moderiert: unter anderem »Wer fragt gewinnt«, das Städte-Spiel »Allein gegen alle«, ein »Klingendes Sonntagsrätsel"' das Verkehrsquiz »Eins plus eins gegen zwei« und, fürs ZDF, »Gut gefragt ist halb gewonnen«. Für Kinder produzierte er das Funkrätsel »Bei uns funkt's«. für die Alten brachte er »Opas Schlagerfestival« heraus. Auf insgesamt 30 000 Rätselfragen hat ihm seine treue Gemeinde mit zehn Millionen Zuschriften geantwortet. Seine bislang größte Leistung aber ist das Fernseh-Spiel »Dalli-Dalli«.

Bis zu 70 Prozent der deutschen TV-Abonnenten schalten sich ein, wenn Rosenthal seine Stars durch die einfältigen Spielrunden hetzt. »Dalli-Dalli« hat den harm- und anspruchslosen Rätselonkel der Nation so bekannt gemacht, daß ihm zu seinem letzten Geburtstag 2000 Verehrer schriftlich gratulierten. Sogar Jugend verehrt ihn, wie der Hildesheimer Medienkundler Heribert Heinrichs bei Schüler-Umfragen ermittelte, als ein TV-Leitbild -- »weil er so klug ist«. Für Rosenthal schließlich hat auch die Presse immer ein freundliches Wort gefunden. Die »Süddeutsche Zeitung« bescheinigt ihm »sympathischen Charme« und die Gabe, »manchmal echt komische Mini-Talkshows zu veranstalten«.

Soviel Zuspruch, soviel Liebe -- dabei ist nichts an ihm faszinierend, keine Aura umgibt ihn. Er ist das Faktotum der kleinen Welt geworden. unauffällig bis zur Farblosigkeit und damit auch gegen jeden Verschleiß gefeit.

Starallüren beansprucht er ebensowenig wie Stargagen; obwohl er die Senderechte für »Dalli-Dalli« besitzt. begnügt er sich mit dem geringsten Honorar (gut 15 000 Mark pro Sendung) unter vergleichbaren deutschen Fernseh-Entertainern. Geldgier ist ihm fremd, wichtig allein, so sagt er, daß »die Leute sich bei mir wohl fühlen«.

Rosenthal: »Ich bin bescheiden, vielleicht währt das am längsten.« Das ist. in seinem Falle, traurig, aber wahr.

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