Samira El Ouassil

Soziale Kontrolle Freiheit den Brüsten!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In Großbritannien wurde eine Adidas-Werbung mit nackten Brüsten verboten – dabei zeigte die nur, wie normal und individuell weibliche Körper abseits von sexualisierter Inszenierung aussehen.
Büstenhalter an Wäschetrockner: Entspanntheit für den Frauenkörper?

Büstenhalter an Wäschetrockner: Entspanntheit für den Frauenkörper?

Foto: Jens Kalaene/ picture alliance / dpa

In Großbritannien wurde gestern ein Werbeplakat der Firma Adidas verboten. Wenn man dieses betrachtet, dann könnten einige vielleicht sofort denken »Zu Recht!«, denn auf ihm sind ausschließlich nackte weibliche Oberkörper, also entblößte Brüste verschiedener Formen, Größen und Hautfarben zu sehen.  Dazu die Zeilen: »Die Gründe, warum wir nicht nur einen neuen Sport-BH gemacht haben.« Und in sozialen Medien wie Twitter wurde die Kampagne von folgenden Worten begleitet: »Wir glauben, dass Frauenbrüste in allen Formen und Größen Unterstützung und Komfort verdienen. Deshalb umfasst unser neues Sport-BH-Sortiment 43 Modelle, damit jede Frau die richtige Passform für sich finden kann.«

Diese barbusige Botschaft sorgte prompt für Beschwerden bei der Advertising Standards Authority (ASA), der britischen Werbeaufsicht , der Vorwurf: Diese Anordnung von Brustpaaren würde die kopflosen Frauen sexualisieren. Zwar kam die Aufsicht selbst zum Ergebnis, dass die Bilder nicht als pornografisch einzustufen seien oder die Frauen objektifizieren, also herabstufen würden, aber dennoch handele es sich eben um »explizite Nacktheit«. Es müsse vermieden werden, »dass bei den Menschen, die sie sehen, ein Ärgernis hervorgerufen wird«, und ebenso sollen Kinder keine nackten Brüste zu Gesicht bekommen.

Ich möchte diese feministischen Bestrebungen eines gewinnorientierten, börsennotierten Unternehmens nicht überbewerten und ihnen hier keinesfalls zu viel naive Begeisterung entgegenbringen; schließlich ist davon auszugehen, dass Adidas mit solch einer großflächigen Geste der Inklusion und einem strategischen Pinkwashing erstmal auch einfach das Produkt an die Frauen bringen möchte. Aber dennoch finde ich diese Werbung ehrlich gesagt doch irgendwie… toll; und in ihrer Inszenierung tatsächlich auch weniger objektifizierend als andere Unterwäschewerbung mit bekleideteren Models – aber darüber lässt sich natürlich herzhaft streiten.

Es gibt keine richtigen Brüste, sondern einfach nur Brüste.

Der Kamerablick auf die Vielfalt der Busenformen ist offensichtlich weder ein lüsterner, noch wird hier eine Normschönheit frivol als Objekt der Begierde inszeniert. Wir haben es vielmehr mit einer recht pragmatischen Dokumentation der Heterogenität von Körperformen zu tun. Diese im öffentlichen Raum neben den hyperschönen Palmers- oder Intimissimi-Models auch an einer Bushaltestelle sehen zu können, halte ich rein visuell für bestärkend. Dass man das als zu provokant und gewagt empfinden kann und befürchtet, eine nackte, unsexualisierte Brust könne »ein Ärgernis hervorrufen«, sagt vielleicht auch einiges über die alltägliche, standardmäßige Objektifizierung von Frauen aus.

Eben gerade nicht mit Konfektionsstandards zu werben, ist auch deshalb gewagt, weil die Textil- und Kosmetikindustrie sehr gut davon profitiert, uns durch von ihnen als ideal festgelegte Schönheitsnormen unsere eigenen angeblichen Abweichungen vor Augen zu führen. Dadurch kann man Menschen prima in einen für sie lukrativen Frustkonsum hineinmanipulieren. In ihrem Buch »The Beauty Myth: How Images of Beauty Are Used Against Women« (Der Mythos Schönheit) untersuchte die Schriftstellerin Naomi Wolf, wie nach der Emanzipation und finanziellen Unabhängigkeit von Frauen Schönheitsstandards benutzt wurden, um eine neue Form sozialer Kontrolle auf diese auszuüben. Wer zu sehr mit der eigenen Selbstoptimierung beschäftigt ist, um immer neuen, schwer zu erreichenden Maßstäben gerecht zu werden, startet keine Revolution; und wer sich im Vergleich zum Glanz der Werbebilder als defizitär wahrnimmt, ebenfalls nicht.

Mit dieser Reklame veranschaulicht Adidas zumindest: es gibt keine richtigen Brüste, sondern einfach nur Brüste. Und die brauchen Halt beim Sport. Und dafür bieten sie eben verschiedenartige BHs an.

Erlauben Sie mir hier kurz persönlich zu werden, auch um zu vermitteln, warum genau diese simple Botschaft bei mir für Resonanz sorgte. Bis heute habe ich persönlich noch keinen passenden BH gefunden. Ich habe ganze Schubladen voll, aber kein einziger sitzt. Mit optimistischer Resignation gehe ich regelmäßig in Unterwäschegeschäfte, sage wahllos irgendwelche Fantasiezahlen und -buchstaben und nehme den mir professionell ausgehändigten BH mit, in der leisen Hoffnung, irgendwann versehentlich eine wirklich passende Größe zu erwischen. Diese erfolgversprechende Strategie fahre ich seit 25 Jahren – ohne Erfolg. Ausnahmslos alle meine BHs sind zu klein, zu weit, zu gepolstert, mein Busen quillt darunter hervor (Balconette) oder fällt oben raus, sobald ich einatme (Push-up), der Metall- oder Plastik-Bügel drückt sich liebevoll in die Rippen, Brustwarzen retten sich über den Schalenrand, meine Schulterblätter sind rot gestriemt – und das größte Problem ist, dass ich das alles für ganz normal halte. Ich habe mich damit abgefunden und mir bis zu einem Grad autodestruktiver Selbstverleugnung gequält lächelnd eingeredet, dass Unterwäsche für Frauen aus irgendeinem Grund schlicht unbequem sein muss. In meiner Verzweiflung – internalisiertes Patriarchat ahoi! – empfinde ich es stets auch als eine Art stolze Widerstandsfähigkeit, den mangelnden Komfort zu ertragen. Man verdient sich seine Sinnlichkeit eben doch nur durch tapfer schmerzverdrängende Anmut, weshalb es mir selbstverständlich erscheint, dass mein Busen sich demütig dem BH anpassen muss und nicht etwa umgekehrt. Denn wo kämen wir da sonst hin? Entspanntheit für den Frauenkörper? Da kann die innere Korsettfestzurrerin aus dem 17. Jahrhundert ja nur schallend lachen.

Aber aufgrund dieser kleinen Leidensgeschichte bin ich der Meinung, dass wir viel mehr BH-lose Zonen in unserer Gesellschaft benötigen – nicht nur in Göttinger Schwimmbädern – und Brüste im öffentlichen Raum nicht sofort als vulgär oder gefährlich klassifiziert werden sollten. Und von dem vorsintflutlich prüden Druck, der auf stillende Mütter ausgeübt wird, wenn sie nicht gefälligst schleunigst verschämt in die nächste Toilette, Umkleidekabine oder gleich in einen blickdichten Leuchtturm auf eine isolierte Insel flüchten, um ihrem Kind die Brust zu geben, will ich gar nicht erst anfangen.

Adidas betonte in einer Stellungnahme, die Gesichter der Models seien entfernt worden, um die Identität der Frauen zu schützen, um dem Vorwurf der Objektifizierung der Frauen zu widersprechen. Man stünde weiterhin zur Botschaft der Kampagne. Ich finde auch: Brüste raus!