Margarete Stokowski

Sozialere Stadtplanung Erst die Wohnung renovieren, dann die ganze Stadt

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Deutsche Innenstädte sind auf Shoppen statt auf Begegnungen ausgerichtet – wer Komfort will, muss meist konsumieren. Gerade in der Coronakrise wird das zum Problem.
Entenwerder Park in Hamburg: Outdoortreffpunkt

Entenwerder Park in Hamburg: Outdoortreffpunkt

Foto: Henning Angerer / Hoch Zwei / imago images

Wissen Sie noch, wie im ersten Shutdown viele Menschen, die plötzlich mehr Zeit hatten, anfingen, ihre Wohnungen und Häuser schöner zu machen? Aufräumen, ausmisten, streichen, lackieren, einrichten. Cool. Alles richtig gemacht. Der nächste Schritt ist, das auch mit den Städten zu machen. Think outside the block, wir müssen umbauen.

Das Problem: Man kann sich draußen in den Städten nicht gut genug treffen, ohne irgendwo was kaufen zu müssen. Es gibt Parks, ja. Zu wenige. Und zu schlecht ausgestattete. Es gibt zu wenige Orte, an denen man einerseits nicht gezwungen ist, Geld auszugeben, um bleiben zu dürfen, und andererseits gut versorgt ist. Zum Beispiel mit Bänken und Toiletten.

Stadtplanung kann sich nach ästhetischen Maßstäben richten, nach den Wünschen von Leuten mit Auto oder ohne Auto, und sie kann armen- und frauenfeindlich sein oder eben nicht. Stadtplanung kann obdachlosenfeindlich sein, wenn etwa Bänke in Parks so gestaltet sind, dass man auf ihnen nicht schlafen kann oder wettergeschützte Bereiche mit Zäunen oder Metallzacken von Obdachlosen freigehalten werden. Sie kann aber auch für Menschen, die eine Wohnung haben und sich einfach nur normal draußen aufhalten wollen, gut oder schlecht sein.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat vor Kurzem der »Bild«-Zeitung ein Interview  gegeben und darin erklärt, der Erhalt des stationären Einzelhandels sei eine »nationale, ja auch eine patriotische Aufgabe«. Weihnachtsshopping für Deutschland, direkt keinen Bock mehr, klar. Interessant für unsere Zwecke war aber seine Formulierung: »Unsere Innenstädte sind das Ergebnis eines historischen Prozesses. Bäckereien, kleine Lebensmittelgeschäfte, Buchläden, Antiquitätengeschäfte haben sich über einen langen Zeitraum entwickelt und machen unsere Innenstädte zu Orten der Begegnung und attraktiv für viele Menschen.«

Ja, wir alle lieben kleine Buchläden und Bäckereien, aber: Sind es die Geschäfte, die die Innenstädte zu »Orten der Begegnung« machen sollten? Natürlich nicht. Cui bono? Orte der Begegnung, wenn man diesen Begriff mit extremer Kirchentagsenergie benutzen möchte, sollten Orte sein, die weder von Öffnungszeiten oder Lockdownmaßnahmen noch von der Kaufkraft der Menschen abhängig sind, sondern einfach zugängliche Orte, an denen Leute gut versorgt ihre Freizeit verbringen können. Natürlich ist Altmaier Wirtschafts- und nicht Wellnessminister, aber er hat ja mich.

Wer keinen eigenen Garten hat, ist auf öffentliche Orte angewiesen

Stellen Sie sich vor, wir hätten Parks mit überdachten, windgeschützten Sitz- und Liegegelegenheiten und kostenlosen, sauberen Klos in Laufnähe. Abends wären die Wege so gut beleuchtet, dass man sicherer nach Hause gehen kann. Ist das zu viel verlangt? Dieses sogenannte Spazierengehen, das ziemlich viele Menschen seit der Corona-Pandemie mehr oder weniger exzessiv betreiben, hat auch seine Voraussetzungen – und seine Grenzen.

Alte Menschen etwa können nicht unbedingt eine Stunde am Stück gehen, bräuchten also Bänke zum Ausruhen. In den Einkaufszentren sind diese Bänke seit der Pandemie häufig abgesperrt oder abmontiert. Wohin also? Die ganze Stadt muss voll sein mit Bänken, einfache Lösung.

Wer soll das bezahlen, werden einige fragen. Ich würde mich direkt als Erstes melden, gut ausgestattete Outdoor-Treffpunkte mit meinen Steuern zu finanzieren statt die nächsten Autobahnkilometer oder die nächste Aufstockung des Bundeswehrbudgets.

Das gilt alles auch ohne Pandemie, aber mit eben noch mehr. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie hat gerade ein Positionspapier veröffentlicht , in dem es um psychische Gesundheit in der Coronakrise geht. Darin sind unter anderem Faktoren aufgezählt, die für bestimmte Gruppen zusätzlichen Stress bedeuten: räumliche Enge in konflikthaften Beziehungen, blockierte Zugänge zu »Schutzfaktoren« wie Sport und andere Freizeitbeschäftigung. Einiges davon könnte man verbessern, wenn man draußen ein bisschen umbauen würde: Bänke, Pavillons, Pergolen – öffentliche Räume, an denen man sich in Ruhe mit anderen treffen kann, ohne Voraussetzungen. Wenn man gerade dabei ist: paar Sportgeräte dazu, fertig.

Für viele Menschen das Leben schöner machen

Während der warmen Monate der Pandemie waren diejenigen Leute noch privilegierter als sonst, die einen Balkon, eine Terrasse oder einen Garten haben. (Kein Neid, gehöre dazu.) Wer so etwas nicht hat, war und ist auf öffentliche Orte angewiesen, um Leute im Freien treffen zu können. Damit ist die Frage danach, wer während der Pandemie leichter die Hygieneregeln einhalten kann, auch eine Klassenfrage, wie so vieles.

Jetzt, während der kalten Monate, gehen viele Leute immer noch wacker spazieren, um ihre Freundinnen und Freunde zu sehen. Wenn man so durch die Stadt läuft, Beispiel Berlin, stellt man fest, dass sich in den letzten Monaten einiges getan hat. Neue Fahrradstraßen, Fahrradwege, Trinkbrunnen (die aber gerade nicht in Betrieb sind).

Das ist alles sehr nett, und man sieht daran, wie schnell Städte sich verändern können, wenn die Politik das möchte, aber man sieht daran auch die nur halb zu Ende gedachten Entwicklungen: Berlin baut 100 neue Trinkbrunnen , aber nicht 100 neue Klos. Warum? Wer trinkt, muss auch pinkeln. Männer können, wenn sie unterwegs sind, in den meisten Fällen hinter einen Baum, Frauen können das theoretisch auch, aber es ist weniger sozial akzeptiert. Also ins Café, Kostenpunkt 50 Cent. Oder zwei Kilometer zur nächsten »Citytoilette«. Das müsste nicht so sein.

Es wäre nicht teuer, daran etwas zu verändern, und es würde vielen Leuten das Leben schöner machen. Solange die Städte so gebaut sind, dass sie auf Konsum ausgerichtet sind, solange sind sie schlecht gebaut.