Sibylle Berg

Soziale Kontrolle Benehmt euch!

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Die Verteilung von Sozialpunkten wird jetzt auch in Europa getestet – damit endlich alle richtig essen, richtig reden und richtig denken.
Fußgängerzone in Leipzig: Richtig reden, richtig essen, richtig denken

Fußgängerzone in Leipzig: Richtig reden, richtig essen, richtig denken

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Jan Woitas / dpa

Es ist immer noch Krieg. Es ist in einigen Ländern immer noch Corona. In anderen nicht – alle sind jedoch vereint durch Milliarden, die sie in ihre Gesundheitssysteme, Infrastruktur- und Ausbildungsprogramme et cetera stecken. Das ist hervorragend. War die furchtbare Zeit doch für irgendetwas gut, wenn auch nicht für einen Zusammenhalt in der Krise.

Mein Lieblingsthema, wie sich aufmerksame LeserInnen erinnern mögen. Also niemand, denn mit der Aufmerksamkeit haben es viele nicht so. Das Netz, die Meldungen, die Alerts, die roten Knöpfe, die Serien – Sie wissen schon. Sehr viele Menschen halten das Erste, was sie irgendwo lesen, für die Wahrheit. Und ändern ihre Meinung dann nicht mehr. Sie berufen sich auf die Wissenschaft. Zum Beispiel. Die von ständiger Erneuerung ihrer Ergebnisse lebt. Vom Diskurs, vom Austausch. Schwamm drüber. Die Massen glaubt man, in den sozialen Medien, wo vielleicht nur einige Bots von Algorithmen gesteuert werden und keine realen User, ist man sich schnell einig. Wer nicht für mich ist, muss gegen mich sein.

Menschen, die bezweifeln, dass Aufrüstung den Frieden bringt , also mehr Aufrüstung, sind jetzt wahlweise: Trottel, Lumpen, alte Zausel oder weltfremd. Darauf konnte man sich in humanistischen Kreisen schnell einigen. Genau so, wie es in eher nationalistischen Kreisen früher die Beschimpfung des Gutmenschen gab, der an Frieden glaubte, an die Gleichheit aller und all diese vollkommen absurden Dinge. Wenn man andere beschimpft, verurteilt, ein Gespräch beendet, ehe es begonnen hat, spart man viel Zeit für vernünftige Dinge. Es wird also Zeit, dass die Massen ein wenig befriedet werden, und was wäre dazu besser geeignet als ein Benotungssystem. Das sich in unser aller Erziehungserinnerung als sehr hilfreich manifestiert hat.

Wie bei allem, was gut schmeckt, geht Italien voran und wird für uns alle herausfinden, ob Noten die Menschen vielleicht glücklich machen . Die Sozialpunkte waren lange das Raunthema von Schwurbel-Leuten, sie wissen schon, die Spinner, die mit Schildern an einer Ecke lungern und vor Aliens und Kometen warnen. Und hier hatten sie vielleicht aus Versehen mal recht. Wenn also die Bevölkerung Italiens so modern sein kann, will auch Österreich vorangehen. Anderer Auftakt, selbes Prinzip. Wer sich benimmt , hat mehr vom Leben, und mehr wollen wir ja alle.

Das Ganze wurde gut erforscht – zum Beispiel an der Uni Wien .

Und wirtschaftlich scheint sich die Übernahme chinesischer Kompetenz auch zu rentieren .

Das kleine Erziehungs-Nudging, das seine Beta-Version hoffentlich schon bald verlassen wird, könnte dafür sorgen, dass alle BürgerInnen verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen, damit die der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Es wird Sorge tragen, dass durch unsinnige Demonstrationen keine Verkehrsbehinderungen mehr entstehen, dass sich in der Netznutzung ein höfliches Verhalten durchsetzt, und der Einzelne lernt, sich maßvoll und gesund zu ernähren. Wobei mir da noch nicht klar ist, was man eigentlich essen soll, wenn man auf der einen Seite den Anbau von Tierfutter und Massentierhaltung subventioniert, also belohnt, wir aber Gemüse essen sollen. Egal, das sind so kleine Widersprüche, die den Menschen erst liebenswert machen.

Und liebenswerte Menschen, die einander wieder zuhören, braucht die Welt – damit solche Beiträge zur Befriedung – wie hier ab Minute 26.49  – der Vergangenheit angehören.