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KINDERLÄHMUNG Später Sieg

aus DER SPIEGEL 7/1964

Die Seuche kam mit der Sauberkeit. Der britische Medizin-Historiker Rowan Wilson nannte sie eine »Krankheit des Wasserklosetts, des Cellophans und der Tiefkühlkost«. Die Ärzte bezeichneten sie als Poliomyelitis und, weil sie vorwiegend Kinder heimsuchte, auch als Kinderlähmung*. Wie Auto und Fernsehen war sie eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, und sie beschränkte ihre Raubzüge auf Länder, die im Wohlstand lebten.

Aber das Jahrhundert des Fernsehens und des Cellophans vermochte über die Krankheit zu triumphieren: Ein Menschenalter nach ihrem ersten Ansturm ist sie besiegt - ein in der Geschichte der Medizin beispielloser Erfolg.

Was seit Urzeiten als seltene Erkrankung gegolten hatte, die »wie ein Gewitterblitz nur vereinzelte Menschen traf« (so der englische Wissenschafts -Autor Ritchie Calder), beobachtete der schwedische Arzt Karl Medin 1887 in Stockholm erstmals als epidemische Ansteckungskrankheit - als Seuche.

Fast über Nacht erkrankten damals 44 Kinder: Hohes Fieber, Erbrechen, Durchfall waren die ersten Anzeichen. Heftige Kopf- und Gliederschmerzen folgten. Bei einem dreijährigen Mädchen sah Medin, wie die Lähmung Zentimeter um Zentimeter von den Beinen her den Körper hochkroch, bis sie die Brustmuskeln erreichte und das Kind erstickte.

Machtlos mußten seither die Ärzte zusehen, wie Kinder und Erwachsene von der Polio ergriffen wurden, daran starben oder als Krüppel weiterlebten. Manche blieben jahrelang an die eiserne Lunge gefesselt, die von den Ärzten als Ersatz für die gelähmte Atem-Muskulatur entwickelt worden war. Die Zahl der Opfer schwankte von Jahr zu Jahr, aber der ansteigende Trend war unverkennbar.

Von 1910 bis 1961, so errechnete Dr. Werner Anders, Epidemiologe am Bundesgesundheitsamt in Berlin, erkrankten mehr als 120 000 Deutsche an der Kinderlähmung. Allein von 1952 bis 1961 waren es (in Westdeutschland) 34 000. Nahezu jeder zehnte von ihnen starb, bei 9100 Erkrankten blieben schwere Lähmungen zurück.

Noch 1961 hatten die Ärzte in der Bundesrepublik 4653 Polio-Erkrankungen registriert; 271 der Patienten starben, 3462 trugen Lähmungen davon. Ein Jahr danach fiel die Polio-Kurve in Deutschland nahezu auf den Nullpunkt (siehe Graphik). »Es ist fast wie ein Wunder«, formulierte der Hamburger Polio-Forscher Professor Heinrich Pette in der vergangenen Woche, »wir haben die Seuche sozusagen ausradiert.«

Das Wunder hätte um Jahre früher kommen können. Mehr als 12 000 Bundesbürger erkrankten zwischen 1957 und 1962 an Polio - zu einer Zeit, da den Ärzten das schützende Serum gegen die Seuche schon zur Hand war.

Bereits im Frühjahr 1954 hatte der amerikanische Bakteriologe Jonas Salk einen Impfstoff gegen die Kinderlähmung entwickelt: ein Serum aus abgetöteten Polio -Viren. Ins Körpergewebe eingespritzt, regt es den menschlichen Organismus zur Bildung von Abwehrstoffen an und immunisiert ihn gegen die heimtückische Krankheit.

1955 wurden bereits 30 Millionen amerikanische Kinder mit dem Salk -Serum geimpft. Der Erfolg der Impfaktion war überzeugend. Schlagartig ging in den USA die Zahl der Polio -Erkrankungen zurück. 1954 waren noch rund 38 000 Amerikaner an Polio erkrankt, 1957 waren es nur rund 5000.

In jenem Jahr wurde der Salk-Impfstoff auch in Westdeutschland freigegeben. Aber die Bundesbürger waren spritzenscheu. Nur 7,8 Prozent der Kleinkinder erhielten in den folgenden Jahren das schützende Salk-Serum.

Die Zurückhaltung der Deutschen wich erst, als amerikanische Ärzte das Schutz-Serum gegen die Kinderlähmung schmackhaft machen konnten: als zukkerversüßten Schluck aus dem Plastik -Schnapsglas.

Willig pilgerten die Deutschen zu den Impfstellen, als im Frühsommer 1960 in Westberlin und dann im Frühjahr 1962 auch in Westdeutschland der schützende Viren-Schluck verabreicht wurde.

Prompt sank 1961 die Zahl der Polio -Erkrankungen in Westberlin auf nur mehr acht (1960:55). Und ein Jahr später konnte auch die Bundesrepublik mit einer ähnlichen Erfolgsbilanz aufwarten: Die Ärzte registrierten 1962 nur noch 231 Polio-Fälle - weniger als ein Zwanzigstel der Vorjahrsquote.

»Ein letztes Aufflackern der Krankheit« nannte der Hamburger Virologe Pette die Klein-Epidemie, die im vergangenen Sommer in Baden-Württemberg beobachtet wurde. Der Polio-Erregertyp III - gegen den bis dahin in Westdeutschland noch nicht geimpft worden war - hatte sie ausgelöst.

Impfstoff gegen den Erregertyp II ist es, der in diesen Wochen in fast allen Bundesländern den Schluckwilligen verabreicht wird. Der Göttinger Polio -Experte Professor Gerhard Joppich: »Nach dieser Impfaktion dürfte die Polio bei uns keine Chance mehr haben.«

* Poliomyelitis: Benannt nach dem grau verfärbten Rückenmark der Gelähmten; zusammengesetzt aus griechisch: Polios = grau und Myelos = Mark.

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