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LIVING THEATRE Spiel im Exil

aus DER SPIEGEL 31/1965

Auf der Bühne stehen 25 Personen. Sie beginnen, eine nach der anderen, zu husten; sie sinken zu Boden und winden sich und kriechen von der Bühne. Zwischen den Füßen der Zuschauer bleiben sie liegen.

Fünf weitere Personen schleppen die anderen zur Bühne zurück. Sie zerren ihnen die Schuhe von den Füßen und schichten zwei Stapel auf: einen aus 25 Menschen, einen aus 25 Paar Schuhen.

Die Schreckszene aus deutscher KZ -Vergangenheit ist Teil des Spiels »The Mysteries« und gehört zum Repertoire einer amerikanischen Künstlertruppe, die Mitte dieses Monats in West-Berlin eine ungewöhnliche Entscheidung verkündete: Das »Living Theatre« geht ins Exil - von New York nach Berlin.

Die letzte Inszenierung in New York war selbst den Theaterleuten allzu dramatisch verlaufen: Die Darstellung von Schreckszenen aus der amerikanischen Gegenwart - Insassen eines Marine-Straflagers werden bis zur Selbstaufgabe gedrillt und geprügelt - mußte abgebrochen werden. Das Theater wurde von der Polizei geschlossen, die Produzenten wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.

In Europa hofft das amerikanische Ensemble auf Unterstützung. Während das »Living Theatre« in Amerika unumstritten »als das berüchtigtste Avantgarde-Theater« galt (so das US-Blatt »Commentary"),

gilt es in Europa bisher nur als Experimentierbühne.

Das exilierte Theater - seine 30 Mitglieder reisen mit Frauen und Kindern - wird von einem Ehepaar geleitet: Die zierliche Regisseuse Judith Malina, 38 - als Tochter eines Rabbiners in Kiel geboren, seit 1929 in Amerika -, und der Maler und Schriftsteller Julian Beck, 40, heimsten während der letzten sechs Jahre ein Dutzend internationale Theaterpreise ein.

Judith Malina und Julian Beck sind Pazifisten und Vegetarier. Sie tragen die Runenplakette der Atomgegner - sie als Amulett neben dem Davidstern, er als Abzeichen am Rockaufschlag. Sie demonstrierten für Weltfrieden und gegen die Übungsalarme der Zivilverteidigung. Sie hörten Schimpfworte wie »Dichter«, »Drückeberger«, »Kommunisten«, »Homosexuelle«, »Negerfreunde«.

Gastspiele im Gefängnis - jeweils 20 bis 60 Tage lang - vermehrten nur die Schwierigkeiten, in denen sie sich seit 1948 befinden.

Judith Malina und Julian Beck hatten einander 1943 kennengelernt und gemeinsam Erwin Piscators »Dramatic Workshop« in New York besucht. 1948 heirateten sie, und im selben Jahr spielten sie in ihrem Wohnzimmer Theater: vor jeweils 20 Gästen agierten sie als Produzenten, Regisseure, Bühnenbildner und Darsteller.

Erst 1959 wurden sie von der New Yorker Kritik wahrgenommen. In einem ehemaligen Lagerhaus an der Ecke der Avenue of the Americas und der 14. Straße richteten sie das »Living Theatre« (mit 162 Plätzen) ein. Nach der Uraufführung von Jack Gelbers Rauschgiftstück »The Connection« konnten sie im »New Yorker« ein Lob lesen: »Die erste wirklich interessante Inszenierung seit langem.«

Judith Malina und Julian Beck haben einen Theaterstil entwickelt, der den an Kommerz-Bühnen gewöhnten Amerikanern als Herausforderung erscheinen mußte. Stil und Absicht sind, im Urteil des US-Fachblatts »Theatre Arts«, »viele Lichtjahre vom Broadway entfernt«.

Malina und Beck, die den Broadway -Betrieb als »dekadent, langweilig und überflüssig« abtun, wollen den Zuschauer durch Brutalität und Schocks zu heftiger Anteilnahme anregen.

Sie praktizieren die Theorien des französischen Literaten Antonin Artaud (1896 bis 1948): In seinem »Theater der Grausamkeit« wollte Artaud das Publikum durch Exzesse und Ekstasen aus der Zivilisations-Lethargie aufschrecken und verwandeln. Ziel: »Alles, was noch nicht geboren ist, kann (durch das Theater) geboren werden.«

Im Oktober 1963 kam schließlich der Zusammenstoß mit der Justiz: Das »Living Theatre« hatte »The Brig« von Kenneth Brown aufgeführt. »The Brig« ist die Strafbaracke einer US-Marine -Einheit. Die Barackenbewohner werden gedrillt und gezüchtigt.

Am 19. Oktober 1963 wurde das Theater geschlossen. Im Auftrag der Finanzbehorde wurden die Türen versiegelt: Das »Living Theatre« hatte 23 000 Dollar Steuerschulden.

Um eine letzte Benefiz-Aufführung für das Ensemble zu geben, brachen Beck und die Malina die Siegel auf. Dann verbarrikadierten sie sich und leisteten der Polizei drei Tage und drei Nächte lang Widerstand.

Schließlich trugen Polizisten sie aus dem Haus. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt wurden Judith Malina und Julian Beck zu 30 und 60 Tagen Gefängnis verurteilt.

Während die beiden im vorigen Winter im Staatsgefängnis von New Jersey ihre Strafe absaßen, überwinterte das Ensemble im Sommerhaus eines belgischen Mäzens. Im Februar kam die Truppe nach West-Berlin, wo sie vom »Forum-Theater« am Kurfürstendamm (178 Plätze) aufgenommen wurde. Sie bereitete eine Aufführung von Genets »Zofen« vor.

Judith Malina hatte Regieanweisungen aus dem Gefängnis schmuggeln lassen,

Beck die Entwürfe für das Bühnenbild. Dann spielte das »Living Theatre« das Genet-Stück nach den Wünschen des Autors: Die Frauen werden von Männern dargestellt. »Auf widerwärtige Weise genial«, lobte Friedrich Luft in der »Welt«.

Inzwischen waren die Malina und Beck wieder frei. Sie wählten West -Berlin als Exil. »Wir brauchen ein festes Haus«, sagt die Malina, »weil wir unsere Babys nicht irgendwo unterwegs auf den Straßen zur Welt bringen wollen.«

Der West-Berliner Senat, die »Akademie der Künste« und das »Forum -Theater« halfen. Zunächst kam das Ensemble im Spandauer Jugendheim Haveleck« unter. Demnächst wird es in einer senatseigenen Villa wohnen.

Der Spielplan für die nächste Zeit ist bereits gemacht:

- Seit voriger Woche gastiert das Theater mit »The Brig«, den »Zofen« und »The Mysteries« in München.

- Danach wird ein neues Stück ("Frankenstein") fertiggeprobt, mit dem das Theater im September in Venedig gastieren will.

- Im November will das Ensemble wieder in Berlin auftreten.

Bis das Theater im Exil genügend Geld einspielt, führt das »Living Theatre« ein einfaches Leben. Gegessen wird gemeinsam, und die Malina zahlt jedem Mitglied zwei Mark Taschengeld pro Tag.

Einstweilen helfen Freunde. So kam Elsa Morante, die Frau des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia ("La Noia"), nach Berlin und ließ die Truppe Essen fassen. Die Zeche in einem chinesischen Restaurant betrug 500 Mark.

Und die Brecht-Witwe Helene Weigel lud das »Living Theatre« nach Ost -Berlin ein »Sie sah unsere kaputten Schuhe«, erinnert sich die Malina, »jeder kriegte ein Paar Schuhe ...«

Helene Weigel gab ihnen einen handgeschriebenen Zettel mit: »An die Genossen der Grenzpolizei. Das sind amerikanische Schauspieler. Die Schuhe sind ein Geschenk. Laßt sie bitte rüber. Helene Weigel.«

Kommentar der Malina: » Das erste

Ost-West-Carepaket.«

»The Brig« im Living Theatre

Mit Schuhen aus Pankow ...

»Die Zofen« im Living Theatre

... in eine Villa des Berliner Senats

Theatre-Leiter Beck, Malina: »Drückeberger«, »Dichter«, »Negerfreunde« Living-Theatre-Truppe in Berlin: »Auf widerwärtige Weise genial«

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