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Spiel im Schloß

»I Want to go Home«. Spielfilm von Alain Resnais. Frankreich, 1989; Farbe; 104 Minuten.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 37/1989

Jules Feiffer, der New Yorker Cartoonist der Intellektuellen, der in der Village Voice seit 30 Jahren seinesgleichen durch die Mangel dreht, ist einer sehr europäischen Verlockung erlegen, einer sehr französischen: Er hat ein Drehbuch für den Regisseur Alain Resnais geschrieben. Bestimmte französische Intellektuelle sind ja, das hat sich längst bis in die USA herumgesprochen, närrische Comic-strip-Fans: Von der Höhe der Elitekultur herab pflegen sie ihren Kult der Trivialzeichner, und natürlich suchen sie in diesen Bildergeschichten nicht die Wonnen der Gewöhnlichkeit, sondern den Kunstgenuß.

Ein guter Comic strip sei genauso wertvoll wie ein Werk von Flaubert, sagt Alain Resnais, der - ganz gegen sein Image als formstrenger Kino-Ästhet - zum verschworenen Kreis der Kenner, Sammler und Liebhaber des bunten Augenfutters gehört. Resnais hat schon immer mal eine Komödie machen wollen, etwas Burleskes, Musicalhaftes, und nun, mit 67 Jahren, ist ihm der Sprung ins Entertainment gelungen, durch die Begegnung mit Jules Feiffer.

Allerdings ist es auch ein Sprung in die feinsinnige Harmlosigkeit. »I Want to go Home« ist das Werk zweier hochgebildeter älterer Herren, die durch ihre jungenhafte Begeisterung für Comics zusammengeführt wurden; von dieser amerikanisch-französischen Begegnung handelt der Film, und er feiert - das ist doch nett von ihm - die völkerverbindende, liebestiftende Kraft des Cartoons.

Joey Wellman, ein alter, zu Hause in Cleveland nur noch mäßig erfolgreicher Comic-Artist, kommt zum erstenmal in seinem Leben nach Paris: Dort soll er Ehrengast bei einer Ausstellungseröffnung sein. Die mühsame Komik, die der Hilflosigkeit des Amerikaners von französischen Münzen, Menüs und Telefonkarten entspringt, bliebe wohl Krampf - wäre dieser Joey nicht Adolph Green, 73, ein entzückend übellauniger Greis mit schrägem Vogelkopf und blendendem Gebiß.

Green, Entertainer, Songschreiber, Drehbuchautor, der an ein paar der beschwingtesten Gene-Kelly-Musicals beteiligt war, bringt in den Film, manchmal ein wenig singend und tanzend, eine Aura vergangenen Glamours und eine anrührende Traurigkeit. »Sind Sie wirklich berühmt, oder werden Sie nur so gehandelt?« fragt ihn im Vernissagengewühl eine blonde Prominentensammlerin (Caroline Sihol), die sich an keinem Unwerten vergreifen will. Da kann Joey nur traurig mit den Achseln zucken.

Eigentlich wollte er in Paris seine Tochter wiederfinden, die vor zwei Jahren Cleveland verlassen hat, voller Ekel über Amerikas Comic-Unkultur, um an der Sorbonne Flaubert zu studieren. Er verfehlt sie, weil sie hinter dem berühmten Professor Gauthier herjagt, der höchsten Autorität in Sachen Flaubert, und statt ihrer trifft Joey den größten Joey-Wellman-Fan der Welt: Es ist, weil es doch gar nicht anders sein kann, der gesuchte Gauthier alias Gerard Depardieu. Der stürzt sich so begeistert in eine Fachsimpelei, daß er, zeitweise wenigstens, all die Frauen vergißt, die ihn sonst auf Trab halten. Er könnte nicht begeisterter sein, wenn er Flaubert persönlich begegnete.

Wieder einmal versammelt Resnais all seine Filmfiguren in einem bizarr überladenen, schloßartigen Landsitz (wie schon in »Providence« und in »Das Leben ist ein Roman«, um nicht zurückzudenken bis an das »Letzte Jahr in Marienbad"), und wieder wird das pompöse Gemäuer zu einem Ort der erotischen Wechselspiele, überraschenden Geständnisse, Lebensabrechnungen und heilsamen Offenbarungen, zu einem Ort der Ironie. Gauthier, Sohn des Hauses, veranstaltet zu Joeys Ehren ein Kostümfest, zu dem sich alle als Comic-Figuren verkleiden, und auch die verlorene Tochter findet sich wieder, zum Zauber der Comics bekehrt. Als der Morgen dämmert, träumt sich Joey an der Schulter der schönen Schloßherrin einem späten Glück entgegen: Es ist Micheline Presle, die vor 50 Jahren ihren ersten Film gedreht hat - so vermählt der Nostalgiker Resnais französische und amerikanische Kino-Legende.

Das Leben ist ein Cartoon, doch weil dieser hier von Alain Resnais stammt, ist ihm alle rohe Vitalität wegpoliert; er wirkt wie auf feinstes Bütten gedruckt.

Urs Jenny

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