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KINO Spiel ohne Schiedsrichter

Die Regisseure der dänischen Dogma-Bruderschaft haben ihre asketische Kunst-Mission für beendet erklärt. Aber noch erweist sich ihr »Keuschheitsgebot« als fruchtbar: Der letzte Dogma-Film aus Dänemark heißt »Open Hearts«. Von Urs Jenny
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 2/2003

Wenn Lars von Trier, der ewig exzentrische Kinowunderknabe aus Dänemark, schon mal aus seiner manischen Öffentlichkeitsscheu ausbricht, geht er so halsbrecherisch aufs Ganze, als möchte er alle Welt aufs Mal vor den Kopf stoßen. So stürmte er, bei einem Symposion zur 100-Jahr-Feier des Kinos, am 20. März 1995 im Pariser Odéon-Theater auf die Bühne, verkündete ein radikal asketisches Zukunftsprogramm, warf rote Handzettel ins Publikum, auf denen sein Manifest zu lesen war, und machte sich ohne weitere Erklärungen davon.

Zur Hölle mit Hollywood! Auf diesen Slogan ließ sich verkürzen, wozu er seine Filmemacherkollegen aufforderte: Mit allem Glitzer und Glamour, mit der ganzen Verlogenheit, die das Kino erst richtig schön und süß macht, sollte im Namen einer neuen Ehrlichkeit Schluss sein.

In zehn Geboten hatte Trier mit Hilfe seines jungen Kompagnons Thomas Vinterberg auf den Punkt gebracht, wie ein

Spielfilm in ihrem Sinn gedreht werden sollte: An realen Schauplätzen, die man ohne Veränderung zu nehmen hatte, wie man sie vorfand, sollten die Schauspieler ungeschminkt und ausschließlich in ihrer Privatgarderobe agieren; die Szenen sollten, ohne spezielle Beleuchtung, in Farbe mit Handkamera und Originalton aufgenommen und ohne technisch manipulierende Bearbeitung des Materials zusammengefügt werden.

Es sollte also weder Kulissen noch Kostüme, weder Spezialeffekte aus der Trickkiste noch Kinomusik geben, und als Krone franziskanischer Selbstlosigkeit sollte der Regisseur sogar auf die Nennung seines Namens im Vor- oder Nachspann seines Films verzichten. Doch in der Filmkunst wie anderswo erobert die Avantgarde sich nicht durch Manifeste, sondern durch Werke neues Terrain, und nach den starken Worten ließen die progressiven Taten auf sich warten. So stand Lars von Trier, der sein Programm mit katholischem Pathos zum »Dogma 95« erklärt und die Gründung einer durch ein »Keuschheitsgelübde« darauf eingeschworenen »Dogma-Bruderschaft« kundgetan hatte, erst einmal als Maulheld da.

Sein »Arte povera«-Konzept fürs Kino schien, falls es überhaupt realisierbar wäre, nur dröges Laienspiel und Freudlosigkeit zu verheißen. Auf dem Pariser Kongress 1995 wurde der Umsturzplan als Provokation eines notorischen Wichtigtuers abgetan, und als Trier im folgenden Jahr für sein ekstatisches Melodram »Breaking the Waves« gefeiert und mit Preisen überschüttet wurde, sah es aus, als hätte er selbst sein dogmatisches Keuschheitsgelübde schon wieder vergessen.

Irrtum. Die vierköpfige Dogma-Bruderschaft war nur aus dem Tritt geraten, weil die dänische Kulturministerin, die eine spezielle Subvention für die ersten vier Dogma-Filme verheißen hatte, kurz danach aus der Regierung geflogen war; nun musste man mühsamer beim Fernsehen Zuschüsse lockermachen. Dann aber, in einem erstaunlichen Überraschungsschlag, trumpften beim Festival in Cannes 1998 Vinterberg mit »Das Fest« und Trier mit »Idioten« so kraftvoll auf, dass es einen Augenblick lang wirklich so aussah, als könnte die Zukunft des Kinos - nicht kom- merziell, da sei Hollywood vor, doch im ästhetischen Diskurs - dem Slogan Dogma 95 gehören.

Nicht dass ihre Thematik besonders Furore gemacht hätte. Wie Vinterberg im Katastrophenverlauf einer familiären Geburtstagsfeier oder Trier in den aggressiven Aktionen einer anarchischen Wohngemeinschaft gutbürgerliche »Lebenslügen« demontierten, hatte eigentlich nichts aufrüttelnd Neues. Vinterbergs Drehbuch war sogar so solide nach Art eines Ibsen-Schauspiels gebaut, dass es sich später auch auf Theaterbühnen als wirkungsvoll erwies.

Doch beide Filme schienen tatsächlich und zwingend gerade durch die vermeintliche Kunstlosigkeit der Inszenierung, also durch den demonstrativen Verzicht auf allen marktüblichen Ausstattungs- und Verschönerungsluxus, eine neuartige Glaubwürdigkeit, Intensität und sogar »Reinheit« zu erreichen; beide machten den Anspruch des Keuschheitsgelübdes plausibel, durch Illusionslosigkeit »Wahrheit« zu gewinnen.

Dogma 95 war als Grundsatzprogramm gemeint, nicht eigentlich als Aufruf an Not leidende Kinoanfänger, sich ihrer Mittellosigkeit nicht länger zu schämen, sondern sich demonstrativ zu ihr als ästhetischer Qualität zu bekennen. Doch nachdem sie die ersten beiden fulminanten Exempel geliefert hatten, fand der Appell insbesondere bei Debütanten rasch rund um die Welt Beifall und Gefolgschaft. Für sie lautete die Verheißung: Armut ist eine Tugend!

Während die dänischen Dogma-Produktionen Nummer drei ("Mifune« von Søren Kragh-Jacobsen) und Nummer vier ("The King is Alive« von Kristian Levring) noch in Arbeit waren, nahmen schon Jünger in Frankreich, Korea, Argentinien, Schweden und den USA Projekte nach dem Reinheitsgebot in Angriff. In Kopenhagen wurden die fertigen Filme auf ihre Linientreue geprüft und mit einem »Zertifikat« abgesegnet - anfangs vom Quartett der originalen Bruderschaft, später von einem speziellen »Dogme-secretariat« an der Film- und Medienabteilung der Universität.

Das achte der zehn Gebote heißt: »Genrefilme werden nicht akzeptiert.« Nun aber ist es so weit: Das Kopenhagener Sekretariat hat erklärt, »Dogma« sei gegen die Intentionen der Urheber zu einer »Genreformel« geworden, und seine Prüftätigkeit beendet. Im Lauf von fünf Jahren wurden 31 Filme (darunter 8 aus Dänemark, 12 aus den USA und keiner aus Deutschland) mit dem »Zertifikat« bedacht. Fortan wird das Spiel ohne Schiedsrichter gespielt: Wer künftig dem Dogma folgt, tut es auf eigene Faust und muss seine Sünden nur noch vor dem eigenen Gewissen verantworten.

Gesündigt wurde nämlich vom ersten Tag an: Schon für den Dogma-Film Nummer eins, Vinterbergs »Das Fest«, mussten sich regelwidrig ein paar Darsteller Kleidungsstücke kaufen, um beim großbürgerlichen Familientreffen präsentabel zu sein, und ähnlich banale, verzeihliche Regelverstöße hat seither fast jeder Dogma-Regisseur in einer förmlichen »Beichte« zu Protokoll gegeben. Das absurde neunte Gebot allerdings konnte überhaupt nie befolgt werden. Es verlangt die Verwendung von 35-mm-Filmmaterial, was unsinnig teuer und bei der Arbeit mit einer Handkamera unsinnig strapaziös wäre. Schon die Chefdogmatiker Trier und Vinterberg selbst entschieden sich deshalb als stilbildende »Sünder« gegen das eigene Gebot für die Verwendung von Videokameras: Erst das fertige Werk wurde auf kinoübliches 35-mm-Material umkopiert - eine Praxis, die sich bei Filmproduktionen mit moderatem Budget längst durchgesetzt hat.

Dogma-Filme sind Videofilme mit ihren typischen Empfindlichkeiten und Macken, und im Rückblick scheint nie etwas anderes denkbar gewesen zu sein: Erst aus der Flexibilität wie der Billigkeit der Videotechnik konnten sich überhaupt all die spezifischen Reize des Spontanen, Vitalen, Unmittelbaren entwickeln, die Dogma 95 zum Ereignis, zum Kult und zum Erfolg gemacht haben - oder auch, wie hartnäckige Kritiker monierten, zum grobkörnigen Heimkino mit Kunstanspruch.

Seltsam lückenhaft und fragwürdig sind die Dogma-Gebote von Beginn an gewesen und immer geblieben, weil sie über die Funktion des Drehbuchs nichts sagen. Die Regel, dass nur Blut fließen dürfe, wenn es echt ist, erscheint absurd, wenn doch Krankheit und Tod zu simulieren erlaubt bleibt. Und die Regel, dass ein Schauspieler nur in seinen Privatklamotten vor die Kamera treten dürfe, ist widersinnig, wenn er doch mit auswendig gelerntem Dialog einen ihm vielleicht ganz wesensfremden Charakter darstellen soll. Aus diesen Widersprüchen mag die irrige Vorstellung entstanden sein, Dogma-Filme seien weitgehend improvisiert.

Natürlich verlockt gerade die billige Videotechnik zur Verschwendung, die das Improvisieren mit sich bringt. Und Lars von Trier, wie immer und überall der Spitzenreiter, hat auch, was die Improvisationsexerzitien angeht, einen ungebrochenen Rekord aufgestellt, indem er für »Idioten« 160 Videostunden drehte. Er brauchte dann mehr als drei Wochen, um sich das ganze Material auch nur noch einmal anzusehen, und übernahm am Ende wenig Improvisiertes in den fertigen Film.

Die vier Gründer der Dogma-Bruderschaft sind noch einmal zusammengekommen, um ihrem Land ein singuläres Millenniums-TV-Ereignis zu bescheren: Sie haben in Kopenhagen in der Silvesternacht 1999/2000 über einen inszenierten Bankraub - jeder für sich mit einem eigenen Kamerateam aus der Sicht eines Beteiligten - simultan vier ununterbrochene 70-Minuten-Filme gedreht. Am Neujahrstag dann wurden die vier Versionen simultan auf verschiedenen Kanälen gesendet, so dass jeder Zuschauer sich hin und her zappend einen eigenen »Film« daraus machen konnte.

Es war der letzte gemeinsame Auftritt. Nur der unermüdliche Aktionist Lars von Trier hat einen Neustart versucht: Auf seine Initiative ist im Mai 2000 mit markanten Absichtserklärungen ein Quartett von Dogma-Dokumentarfilmern hervorgetreten, die sich »Defokussisten« nennen**. Noch sind den Worten keine Taten gefolgt, und erst wenn das dänische Fernsehen, wie angekündigt, sechs Filme nach diesen Doku-Dogma-Regeln produziert, zeigt sich, was sie wert sind.

Das »Dogma«-Dogma hat, seinem Namen zum Trotz, nie Ausschließlichkeitsansprüche erhoben, und keiner von den vier Gründerbrüdern hat sich diesem Exerzitium ein zweites Mal unterwerfen wollen. Es hat auch keiner von ihnen seither fürs Kino in dänischer Sprache gedreht. Trier war der Schnellste auch im »Verrat« am Keuschheitsgelübde, indem er 1999 mit der singenden, tanzenden Björk »Dancer in the Dark« produzierte.

Im Jahr 2003 nun werden alle vier Ex-Dogma-Brüder sich mit englischsprachigen Filmen auf den Weltkinomarkt hinausbegeben: Trier hat in Schweden »Dogville« mit Nicole Kidman gedreht, Kragh-Jacobsen in Glasgow die Leihmutter-Tragikomödie »Skagerrak«, Levring im malaysischen Dschungel ein Pionierdrama mit dem Titel »The Intended« und Vinterberg (noch immer der Jüngste, doch nun auch schon 33) in schwedischen Ateliers das surreale Melodram »It''s All About Love«, das von einem polnischen Paar in einem synthetischen New York des Jahres 2021 erzählt. Sein neues ästhetisches Konzept bringt Vinterberg auf die Formel, er wolle einfach in allem »das Gegenteil von Dogma": jede Menge Kulissen, Computersimulationen und Künstlichkeit.

Nun sind die beiden jüngsten und letzten dänischen Dogma-Filme, nach der offi-

ziellen Zählung Nummer 21 und Nummer 28, deren im Nachspann ungenannte Regisseure keineswegs Anfänger sind, in Deutschland angekommen (wo das Dogma-Zertifikat natürlich nur für die untertitelte Originalfassung gilt): Ole Christian Madsens »Kira«, das Porträt einer labilen, gerade aus der psychiatrischen Klinik entlassenen jungen Frau, läuft zurzeit in deutschen Programmkinos; Susanne Biers kräftiges, leidenschaftliches Ehebruchsdrama »Open Hearts«, im Herbst auf dem Festival in Hof präsentiert, kommt diese Woche heraus.

Es sind in der Tat »Genrefilme«, und nicht in schlechtem Sinn: intelligente, konzentrierte, schnörkellose Innenansichten aus dem Krisenherd der bürgerlichen Familie, die es nicht nötig haben, sich durch hektisches Herumfuhrwerken mit der Videokamera interessant zu machen. Und welchen Gewinn an kreativer Freiheit der dogmatische Verzicht auf einschüchternde, lähmende Aufnahmeapparaturen bringt, zeigen sie von der besten Seite: Dogma-Filme sind Schauspielerfilme; die Intensität, Unmittelbarkeit, Lebendigkeit der Darsteller ist ihr Ein und Alles.

Es gibt keinen plausiblen Grund, warum eine ganze Hand voll Dogma-Filme aus Dänemark zu überzeugenden internationalen Kinoerfolgen wurden (wie zuletzt Lone Scherfigs »Italienisch für Anfänger"), aber kein einziger aus einem anderen Land. So wird Dogma 95 als spezifisch dänisches Mirakel in die Kinogeschichte eingehen. Doch seine befreiende Wirkung reicht weit und nachhaltig über das Land hinaus: Unübersehbar ist die Zahl der Filme in aller Welt, die ohne das Dogma-Modell nicht aussähen, wie sie nun sind - vom »Weißen Rauschen« und der »Halben Treppe« in Deutschland bis zu Soderberghs

»Full Frontal« in Hollywood. Und mag das Sekretariat auch den Laden dichtgemacht haben: Im Geist von Dogma 95 wird weiter gefilmt und weiter gesündigt werden.

* Thomas Vinterberg, Lars von Trier, Kristian Levring, SørenKragh-Jacobsen.* Mit Anders W. Berthelsen.** Deutsch in »Dogma 95«. Herausgegeben von Jana Hallberg undAlexander Wewerka. Alexander Verlag Berlin; 464 Seiten; 15,50 Euro.

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