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FRAUEN Spießer Lenin

Mit einer luftig-ironischen Frauengeschichte hat die Frankfurter Autorin Eva Heller einen heimlichen Bestseller gelandet. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Was eigentlich ist an Constanze Wechselburger so spannend? Sie ist 28, hat nach dem Abitur drei Jahre »gejobbt« und überlegt, »ob ich Photographin werden oder eine Kneipe aufmachen oder Philosophie studieren sollte«. Schließlich macht sie alles ganz anders und studiert an der Filmakademie, »weil sich da alles verbindet«.

Mit der ebenso verwickelten wie alltäglichen Geschichte der Filmstudentin hat die Autorin Eva Heller, 39, offenkundig den Zeitgeschmack zielsicher getroffen.

Von dem Buch »Beim nächsten Mann wird alles anders« _(Fischer Taschenbuch Verlag, ) _(Frankfurt; 336 Seiten; 12,80 Mark. )

sind inzwischen 140000 Exemplare verkauft. Es steht seit Monaten auf den Verkaufslisten der Taschenbücher ganz oben, obwohl der Verlag keine Werbung dafür treibt und nur eine Handvoll Regionalblätter kleine Rezensionen gedruckt haben.

Ungewöhnlich für das Frauenbuch-Genre, wo sturzbetroffene Wehleidigkeit oder soziologische Männerherrschafts-Analyse den Ton angeben, dringt Eva Heller mit Scherz und Ironie in die tiefere Bedeutung.

Ihre Romanheldin Constanze will sich verändern. Albert, ihr Freund, ein »geiziger und emotional total blockierter« Assistenzarzt und Ordnungsfetischist, genügt den Ansprüchen nicht mehr. »Beim nächsten Mann« soll alles ganz anders werden. »Eine partnerschaftliche Zweierbeziehung ohne Besitzansprüche in der ich mich selbst verwirklichen kann«, muß her. Solange sie ihren Idealmann noch nicht gefunden hat, will sie jedoch mit ihrem Jungarzt eine »vorschriftsmäßig harmonische Trennung« durchziehen, mit der »Garantie, gute Freunde zu bleiben«.

Naiv und altklug zugleich, aber mit Selbstironie und Selbstvertrauen ficht Constanze den täglichen Kampf zwischen Kopf und Bauch: »Ob meine Spontaneität vielleicht unreflektiert war?«

Zum Abschluß ihres Studiums will sie einen Film machen, in dem sie die Trennung von Albert »aufarbeitet": »Ich müßte natürlich die psychologischen Momente unserer Beziehung ganz subtil herausarbeiten. Und vor allem müßte mein politischer Anspruch deutlich werden. Und die Umweltproblematik muß auch rein.« Ihr Dozent, Gottfried Schachtschnabel, findet das gut. In ihn, einen »echten Intellektuellen«, wie sie glaubt, »der mindestens genauso revolutionär ist wie Lenin«, verknallt sie sich. Doch der Traummann, der gern von »Verhältnissen einer emanzipierten Sinnlichkeit« rhabarbert, erweist sich als verheirateter Spießer.

Constanzes Freundinnen und Rivalinnen sind eine Galerie von Frauentypen auf unterschiedlichen »Emanzipationsstufen": Julia, die frisch geschiedene Schulpsychologin, mit ihrer Devise: »Liebe ist machbar«; Anna, die Diätassistentin und »Möchte-gern-Schwangere«; Birgit, die Bibliothekarin, die über eine Zeitungsannonce nach dem Glück sucht; Sieglinde, die Zahnarzthelferin, »mit stabiler Zweierbeziehung«, die sich nur über ihren Chef und ihren Freund, einen Steuerberater - den sie folgerichtig heiratet - »definiert«. Die Trennung der Filmstudentin scheitert schließlich: Constanze heiratet den blockierten Albert.

Sujet und Verkaufserfolg vom »Nächsten Mann« erinnern an den »Tod des Märchenprinzen«, jenes zum schwülstigen »Frauenroman« verdickte Tagebuch von und mit der »Radikal-Feministin« Svende Merian, zu Beginn der achtziger Jahre Kultbuch der Alternativszene. Auch daß viele Leserinnen der Autorin schreiben, »sie fänden sich echt wieder« in dem Buch, verweist auf diese Art Identifikationsliteratur.

Zwischen dem »Märchenprinzen« und dem Nächsten Mann« liegen nicht nur ein paar Jahre. Eva Heller hat ein leichtes Buch geschrieben, vom Stil und Empfinden her ein literarisches Pendant zu dem »Männer«-Film von Doris Dörrie: mit witzigen Dialogen, gelungenen Slapsticks und detailversessenen Beobachtungen aus der Alltagskomik. Der Zeit-Geist wird dem Lachen ausgesetzt.

Es ist der erste Roman der Graphikerin und Sozialwissenschaftlerin. Davor hat sie ihren unangestrengten Humor in zwei Cartoon-Büchern ("Küß mich ich bin eine verzauberte Geschirrspülmaschine« und »Vielleicht sind wir eben zu verschieden!") zu Papier gebracht.

Zur Zeit schreibt Eva Heller, die in Frankfurt lebt, ein Sachbuch über die Wirkung von Farben. Die Zukunft ihrer Romanheldin sieht sie mit Skepsis: »Constanze hat eine typisch weibliche Tugend, die mir fehlt, sie ist faul.«

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 336 Seiten; 12,80 Mark.

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