Samira El Ouassil

Sprache in der Krise Das sind die Corona-Unwörter

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Auch die Coronakrise wird geprägt von bestimmten Wörtern - statt zu versachlichen, dienen sie der Mythenbildung. Warum Begriffe wie "Verschwörungstheorien" oder "Social Distancing" am Kern der Sache vorbeigehen.
Sprache in der Coronakrise: Beschreibung einer Gegenwart, die nicht stattgefunden hat

Sprache in der Coronakrise: Beschreibung einer Gegenwart, die nicht stattgefunden hat

Foto: Carol Yepes/ Getty Images

Ausgangssperre.
Kontaktverbot.
Lockdown.
Social Distancing.
Corona-Kritiker.
Verschwörungstheorien.

Nein, das ist kein neues Gedicht von Till Lindemann. Das sind die Vokabeln, die wir mittlerweile mit der Kennerpose eines Homebundestrainers wie selbstverständlich in Gespräche einfließen lassen. Begriffe, die Diskussionen, Berichterstattung, politische Kommunikation und schlussendlich unser Denken in Bezug auf die Covid-19-Pandemie formen und bestimmen. Und sie sind allesamt falsch. 

Jede Krise hat emblematische Wörter, die die Erzählung über sie prägen und auch rückwirkend vermitteln, wie diese diskursiv eingerahmt wurde. Bei der sogenannten Flüchtlingskrise war es die "Grenzöffnung". Ein Wort, das weder die damaligen Vorgänge korrekt abbildet, es wurden keine Grenzen geöffnet, noch metaphorisch einen komplexen Vorgang zutreffend synthetisiert, denn es wurden auch metaphorisch keine Grenzen geöffnet. Dennoch werfen Kommentatoren und Teile der Bevölkerung Angela Merkel bis heute dieses falsche Wort als retroaktiven Vorwurf um die Ohren.

In Diskussionen über die Klimakrise war es dann der Begriff "Klimahysterie", der die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Evidenzen als kollektive Psychose diskreditieren sollte, weshalb er auch zum Unwort des Jahres 2019 gekürt wurde. Ebenso wie die Grenzöffnung gab es diese nicht. 

Derartige Begriffe, welche die Wirklichkeit schief rahmen, sorgen im schlimmsten Fall für eine Demobilisierung bei gesellschaftlichen Herausforderungen, retrospektiv dienen sie der Mythenbildung. Und auch unser Corona-Wortschatz bedient nicht nur die Gewohnheit für autoritäre Atmosphären und für denglishe Schlagwörter, sondern ermöglicht auch die Beschreibung von Dingen, die gar nicht stattfinden.

Der französische Romancier Gustave Flaubert, dessen "Wörterbuch der Gemeinplätze" 1913 posthum veröffentlicht wurde, hätte helle Freude an Begriffen wie  "Kontaktverbot" und "Lockdown" gehabt. Sein Diktionär war ein Protest gegen inflationär benutzte Ausdrücke, da diese, so Flaubert, das Denken und Differenzieren ersetzen und schlimmstenfalls Ausdruck von Denkfehlern sind. Im Geiste seines "Dictionnaire des idées reçues" erlaube ich mir den Entwurf eines so unvollständigen wie kurzen Covid-19-Glossars der ungenauesten Wörter:

"Lockdown"

Es gab in Deutschland keinen Lockdown. Aus dem Englischen eben nur fast zutreffend übernommen, bezeichnet das Wort eigentlich eine Abriegelung von Gebäuden und Gebieten im Rahmen eines Terroranschlages oder Amoklaufs. So wie wir es benutzen, müssten wir jeden Sonntag als deutschlandweiten, wöchentlichen Lockdown bezeichnen.

"Ausgangssperre"

Es gab in Deutschland auch keine Ausgangssperre. Diese erfolgten in Italien, Spanien, Frankreich, wo man mit Zertifikaten belegen musste, dass man einen gültigen Grund hat, das Haus zu verlassen. Wir hatten eine sogenannte Ausgangsbeschränkung. Und auch wenn diese Differenzierung furchtbar kleinkariert erscheinen mag, ist sie hinsichtlich der Fragen nach unserer Freiheit, Mobilität und der ethischen Einordnung der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus elementar. Weder Staat noch Land haben uns verboten, das Haus zu verlassen, wir durften nur nicht mehr an bestimmte Orte, Restaurants, Schulen, Theater, Spielplätze - das ist rechtsethisch und politisch ein Unterschied.

"Social Distancing"

Gemeint ist die physische Distanzierung, nicht die gesellschaftliche, also im Grunde das Kontaktverbot, wenn man das Kontaktverbot eben nicht als Verbot sozialer Kontakte denkt. Für die geistige Gesundheit empfehle ich mehr Social Media Distancing.

"Corona-Skeptiker", "Corona-Gegner", "Corona-Kritiker"

Natürlich weiß ich, dass es sich hier um eine Verkürzung handelt. Gemeint sind "Menschen, die die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kritisieren oder komplett ablehnen", und weil "Menschen, die die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kritisieren oder komplett ablehnen" für Schlagzeilen, Twitter und Statements zu lang ist, adelt man sie nun als Corona-Widersacher. Ja, ein Hundekuchen wird nicht aus Hunden gemacht und Zitronenfalter falten keine Zitronen, dennoch evoziert die Idee eines Corona-Kritikers oder Corona-Gegners das Bild eines unbeugsamen Widerständlers, der gegen das Virus höchstselbst in Konfrontation geht. Dieser Held braucht keine Maske, nur sein treues Pappschild, denn er bekämpft Covid-19 mit der schieren Kraft seiner Antihaltung.

Die Corona-Gegner sollte man aus semantischer Genauigkeit nicht mit Corona-Leugnern verwechseln, auch wenn es da gewiss Schnittmengen geben mag. Sie stellen, analog zum ebenso irreführenden Wort "Klima-Leugner", die Existenz des Virus an sich infrage, es klingt also nicht nur durch die Verkürzung so, die protestieren wirklich gegen Corona.

Und ein Sonderfall stellt tatsächlich das Wort "Corona-Skeptiker" dar, da dieses sowohl Menschen bezeichnen könnte, die gegenüber den Maßnahmen skeptisch sind (okay), als auch Menschen, die die Existenz des Virus an sich infrage stellen (nicht okay).

"Hygienedemo"

Erlauben Sie mir einen Exkurs über eine schöne wie bemerkenswerte Besonderheit der deutschen Sprache: die Komposition. Sie erschafft so poetische Wörter wie das "Kreisverwaltungsreferat" und gestattet Niedlichkeiten wie "Edelweiß" oder "Morgenstern". Diese Wortzusammensetzung erlaubt sowohl eine Präzisierung der Sprache, wie auch ab und an die pragmatische Ingenieurs-Verdumpfung.

Zum Beispiel heißt das Ding, mit dem wir die essenziellste Kulturtechnik unserer gesamten Menschheitsgeschichte an jedem Ort und zu jeder Zeit replizieren können, recht antiklimatisch: Feuerzeug. Das Ding, das uns täglich dabei hilft, die Schwerkraft zu überwinden und den Menschen auf eine nächste Stufe globaler Mobilität hievte: Flugzeug. Und auch die Körper-Sprache zeichnet sich mehr durch eine leidenschaftslose Lakonie preußischer Pragmatik aus als durch raffinierte Anmut, denkt man da an zusammengesetzte Worte, die eigentlich Schönes beschreiben: "Brustwarze" oder "Hodensack". Eine ähnliche Aura pragmatischen Ingenieur-Stakkatos umgibt nun auch das Wort "Hygienedemo", das mehr diffuse Seifenschaumbezeichnung denn konziser Begriff ist. Seitdem Frank Castorf öffentlich übers Händewaschen wetterte , gilt er übrigens als Ein-Mann-Hygiene-Demo.

"Verschwörungstheorie"

Die Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty  nennen in ihrem Ende des Monats erscheinenden Buch "Fake Facts" Verschwörungstheorien konsequent nicht "Theorien", da die konspirativen Erzählungen alles Mögliche beinhalten, nur eben keine konzisen Theorien über die Gegenwart. Alternativ kann man Verschwörungserzählung oder Verschwörungsmythos sagen, was Geschichten über entführte Chemtrailreptiloiden, die dank 5G eine flache Erde unterjochen, wesentlich gerechter wird.

"Gotthafter Wortzauber"

Wörter wie "Grenzöffnung", "Klimahysterie" und "Lockdown" ermöglichen auf geradezu magische Weise die Beschreibungen einer Gegenwart, die nicht stattgefunden hat, von der wir jedoch glauben, dass wir sie so wahrgenommen und erlebt haben.

In seiner Sprechakttheorie setzte sich der Philosoph John Searles mit sprachlichen Arten auseinander, die er als "gotthafte Form des Wortzaubers" bezeichnet. Kurz gesagt handelt es sich dabei um konstituierende Sprechakte, die im Moment des Aussprechens eine Situation verändern können beziehungsweise dabei eine spezifische Wahrnehmung der Wirklichkeit hervorbringen.

"We can't fry eggs this way, but we can adjourn meetings, resign, pronounce people man and wife, and declare war" ("Wir können zwar so keine Eier braten, aber immerhin Sitzungen vertagen, zurücktreten, Brautleute zu Mann und Frau machen und Krieg erklären"), meint Searles über das Sprechen. Wenn wir aber also mit Worten einen Krieg erklären können, schaffen wir mit präziseren Ausdrücken vielleicht auch etwas mehr gesellschaftlichen Frieden.

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