Negativ-Auszeichnung Sprachkritiker wählen »Eigenverantwortung« zur »Floskel des Jahres« 2021

Die Betreiber des Netzprojektes »Floskelwolke« plädieren für einen sorgsamen Umgang mit Sprache. In diesem Jahr haben sie mehrere Begriffe ausgewählt, die in der Coronakrise fehlgedeutet werden.
Unter Eigenverantwortung versteht man die Verpflichtung des Einzelnen, für die Folgen seines Handelns selbst einzustehen

Unter Eigenverantwortung versteht man die Verpflichtung des Einzelnen, für die Folgen seines Handelns selbst einzustehen

Foto: Westend61 / Getty Images

Sprachkritiker haben den Negativpreis »Floskel des Jahres« an das Wort »Eigenverantwortung« verliehen. Die Begründung: »Ein legitimer Begriff von hoher gesellschaftlicher Bedeutung wird ausgehöhlt und endet als Schlagwort von politisch Verantwortlichen, die der Pandemie inkonsequent entgegenwirken. Fehlgedeutet als Synonym für soziale Verantwortung und gekapert von Impfgegnerinnen und Impfgegnern als Rechtfertigung für Egoismus«, erläuterten die Betreiber des Netzprojekts »Floskelwolke «, Udo Stiehl und Sebastian Pertsch, ihre Entscheidung.

Auf den Plätzen zwei bis fünf rangieren der Begriff »klimaneutral« (»Ein wohlklingendes Etikett, das bei näherer Betrachtung nicht immer hält, was es verspricht«), die Formulierung »links-gelb« (»Die Kombination ist ein gezielter Misskredit gegen politische Konkurrenz in neuer Dimension«), das Attribut »unvorhersehbar« (Im zweiten Jahr der Pandemie hätten gefühlte Wahrheiten oft die Oberhand gegenüber rationalen Fakten, »wenn es vorhersehbar um die Wählergunst geht«) und schließlich »Instrumentenkasten« (»Die Komposition suggeriert ein bundesweit gemeinschaftliches und einheitliches Vorgehen, das praktisch jedoch in länderspezifische Eigenwilligkeiten zerfällt«).

»Nicht anprangern, sondern sensibilisieren«

Sebastian Pertsch

Seit 2014 macht das sprach- und medienkritische Projekt »Floskelwolke« auf »Floskeln, Phrasen und weitere fragwürdige Formulierungen in deutschsprachigen Nachrichtentexten« aufmerksam. Man wolle »nicht anprangern, sondern sensibilisieren«, so Mitbetreiber Pertsch.

Die Zahl der Vorschläge für das Jahr 2021 sei im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Während für die erste Auszeichnung der »Floskel des Jahres« vor genau einem Jahr 178 Vorschläge eingetroffen seien, seien es Anfang 2022 nur noch 72 Begriffe und Formulierungen gewesen. Die Gründe seien offensichtlich, so Pertsch: »Die Pandemie sorgte im ersten Jahr für zahlreiche Neologismen und Floskeln, die auch den Journalismus beschäftigten.« Die Vorschläge mit Bezug zur Pandemie seien diesmal weniger geworden. »10 der 72 Einreichungen bezogen sich immerhin aufs Impfen.«

2020 wurde nach den rechtsextremen Anschlägen in Hanau das Wort »Einzelfälle« als »Floskel des Jahres« gewählt. Die Sprachkritiker störten sich am inneren Widerspruch des Wortes und sahen in ihm eine Verharmlosung von Rechtsextremismus.

nga/dpa
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.