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Autoren Sprachlos in der Wüste

aus DER SPIEGEL 48/1996

Eine Beduinenstadt am Rande der großen Sandwüste »Rub'' Al-Khali«, zu deutsch: »Leeres Viertel«. Ein junger Ethnologe aus Deutschland ist in den Wirren des jemenitischen Bürgerkriegs 1994 hierher verschleppt worden. Nun bringt er den Jungs und Männern des Stammes Völkerball bei.

Die Alten können es nicht fassen, daß die flinken Knaben ihnen den gewohnten Respekt versagen und es wagen, sie mit dem Ball zu treffen und somit regelgerecht vom Spielfeld zu weisen. Der deutsche Gefangene hat seiner mißlichen Lage zum Trotz Vergnügen daran.

Eine Szene aus dem neuen Buch des in Berlin lebenden Autors Michael Roes - eine der wenigen amüsanten Episoden in dem nahezu 800 Seiten umfassenden Werk, das den Namen der arabischen Wüste polyglott im Doppeltitel führt*.

Amüsant ist die Szene, aber keineswegs anschaulich erzählt. Das Vergnügen des Helden bleibt bei Roes, 36, pure Behauptung. Das Multikulti-Spiel zwischen Beduinenzelten beschreibt er abstrakt und orthographisch eigenwillig: »Die

gröszte verunsicherung aber stiftet die erfahrung, dasz das spiel gewohnte hierarchien auf den kopf stellt.« Deutsche Gegenwartsprosa pur.

Was ist das für ein Buch, das der Verlag verschämt auf dem Schutzumschlag (und nur dort) als »Roman« annonciert? Der verkaufsfördernde, nicht eben originelle Trick hat immerhin dazu geführt, daß die deutsche Literaturkritik sich angesprochen und, schlimmer, zuständig fühlt. Und was hätte dem Werk Besseres widerfahren können, als unter diese Kritiker (und Kritikerinnen) zu fallen? Die Fachwelt der Orientalisten oder Ethnologen wäre kaum so zu begeistern gewesen.

Jetzt aber wird landauf, landab das Loblied eines Buches gesungen, das angeblich aus der Langeweile der Gegenwartsliteratur in exotische Gefilde entführt und »Wissen und Poesie versöhnt« (Neue Zürcher Zeitung). Nicht genug damit, steht das Werk in diesem Monat auf Platz 1 der als literarische Qualitätsskala gedachten Südwestfunk-»Bestenliste«, und soeben wurde dem Autor für sein »Leeres Viertel« noch der hochdotierte Bremer Literaturpreis 1997 zugesprochen. Im Dezember wird sich auch das »Literarische Quartett« des Buches annehmen. Die erste Auflage ist verkauft.

Erstaunlich. Das Roes-Werk leidet vor allem an einem Mangel: Der Autor hat keine Sprache. Das Desaster beginnt gleich auf der ersten Seite, wo sich der Held und Tagebuchschreiber noch auf vertrautem Terrain zeigt: in der Abflughalle eines deutschen Flughafens.

Da wird allen Ernstes die »kühle chromglänzende kunststoffbestuhlte wartehallenatmosphäre« beschworen, vom »menschenumschlagplatz« ist die Rede. Die sitzenden und wartenden Passagiere? Bei Roes: »sitzschalenmenschen«.

Es gibt - spätestens seit »Homo faber« (1957) von Max Frisch - so manchen Roman, der mit einem Abflug beginnt: Klischees in dieser Ballung aber sind ein Novum. Wie soll sich der Leser einem Entdecker fremder Welten und Sitten anvertrauen, der als Stilist und Beschreibungskünstler schon am heimischen Airport so kläglich versagt?

Dabei hat sich Roes viel vorgenommen: Sein Buch bietet nicht nur den Bericht einer Reise in den Jemen zu Beginn der neunziger Jahre, sondern parallel dazu - einander ergänzend und unterbrechend - den über eine Exkursion in die gleiche Gegend rund zwei Jahrhunderte zuvor. Die mit einer umständlichen Land- und Schiffspassage anhebende Gegenhandlung ist voller Abenteuer und Grausamkeiten - und zum Teil eine Montage aus alten Reiseberichten: Der Autor spricht in einer Nachbemerkung vieldeutig von »Kompilation«,

* Michael Roes: »Leeres Viertel. Rub'' Al-Khali«. Gatza bei Eichborn, Frankfurt am Main; 776 Seiten; 49,80 Mark.

ohne den eigenen Anteil daran genauer zu benennen.

Gemeinsam ist beiden Erzählebenen der Tagebuchcharakter und eine aufdringliche, jeweils unterschiedliche Privatorthographie - wobei Roes es darauf angelegt zu haben scheint, einen Vorgeschmack auf das sich anbahnende Chaos der Rechtschreibreform zu geben.

Im Fall des fiktiven Goethe-Zeitgenossen Alois Ferdinand Schnittke stellt sich das altertümelnd dar (er schreibt »alleyn« und »Muthmaassungen«, aber auch: »dass« und »Schifffahrt"). Im Fall des namenlosen Ich-Erzählers aus unseren Tagen wird das in gemäßigter Kleinschreibung präsentiert, und statt »ß« steht jeweils - eigentlich Markenzeichen der Österreicherin Friederike Mayröcker - konsequent und quälend »sz« (also etwa »dasz« statt »daß").

Das allein wäre noch zu ertragen. Doch die Streifzüge des Spieleforschers durch die Stadt Sanaa, wo er zunächst in einem Forschungskolleg unterkommt, durch andere jemenitische Orte wie Ibb, Saada oder das Bergdorf Schahara leiden vor allem daran, daß sich der Autor nicht recht entscheiden kann, ob das Erzähl-Ich mehr als empirischer Tagebuchschreiber oder als Held einer Erzählung auftreten soll.

Nüchtern wie Kochrezepte werden einerseits die auf der Straße beobachteten und von den Kindern erläuterten Spiele registriert, andererseits möchte der Forscher offenbar auch von seinem Privatleben erzählen: Da ist zaghaft von kleinen sexuellen Erlebnissen die Rede (in Sanaa fällt ihm gleich nach der Ankunft die »auch für europäer auszergewöhnliche zärtlichkeit zwischen den männern« auf) - über die Vergangenheit oder gar Kindheit der Ich-Figur wird dagegen so gut wie nichts offenbart.

Es mag bescheiden wirken, wenn einer schon am Anfang zu Protokoll gibt, daß ihm seine »noch ungenügenden« Sprachkenntnisse die »gröszten sorgen bereiten«. Doch der lesende Laie, der sich einen verläßlichen Fremdenführer wünscht, wundert sich und ist gewarnt. Selbstverliebte Gespreiztheiten machen zusätzlich skeptisch: »Immer öfter bin ich selbst das ziel, das ich verfehle.«

Was läßt sich da erwarten? Bald häufen sich Banalitäten und Platitüden. »Jedes reisen bedeutet immer auch ein nachdenken über die zeit«, steht da zu lesen. Oder: »Je schneller wir reisen, um so flüchtiger streifen wir orte, um so weniger begegnen wir.« Manches könnte direkt in den Reiseführer für den exklusiven Exotiktouristen übernommen werden: »Die direkteste art, den anderen zu verstehen, ist, ihn als begehrenswert zu empfinden und ihm ein bewusztsein dieses wertes zu vermitteln.«

Der Spieleforscher versucht uns weiszumachen: »Das alltägliche leben ist kein spiel.« Aber er weiß doch auch: »... das leben kann mit uns sein spiel treiben.« Gelegentlich rafft er sich zu einer zusammenfassenden These auf: »Weil der sinn des spiels ein hergestellter und sein ablauf ein frei vereinbarter ist, können sie nicht in frage gestellt werden.« Doch dann spürt er selbst: »Eine fragwürdige these.«

Roes, Doktor der Philosophie, gibt eher unwillig zu verstehen, daß er wesentliche Impulse für seine Arbeit Ludwig Wittgensteins Konzept vom »Sprachspiel« verdankt, das in dessen »Philosophischen Untersuchungen« zu finden ist, einer Sammlung von Sprach- und Alltagsbeobachtungen, die spielerisch und in wunderbarer Gelassenheit ausgebreitet werden.

Davon fehlt hier alles. Zu offensichtlich möchte Roes sich als Dichter und Denker in einer Person erweisen. Das Ergebnis: Krampf. Als Erzähler wagt er sich zuwenig vor, als Theoretiker bleibt er zu oft auf Proseminarebene. Und was die Verläßlichkeit seiner Darstellung des Alltags von Sanaa angeht, so sind immer wieder Zweifel angebracht. Im Arabischen gebe es nur zwei Zeiten, behauptet Roes: Imperfekt und Perfekt. Das ist zumindest irreführend, denn natürlich lassen sich auch Gegenwart und Zukunft ausdrücken.

An die - von Kennern bestätigte - Beobachtung, daß auch jüngere Jemeniten oftmals ihr genaues Geburtsdatum nicht kennen, schließt Roes die verblüffende Behauptung an: »Kalender gibt es nicht.« Dabei kann selbst der im Islam nicht Bewanderte wissen, daß der Kalender für Gläubige eine wichtige Rolle spielt.

Am Ende, unter Völkerball spielenden Beduinen, kommt der Held des »Leeren Viertels« vollends ins Grübeln: »Worüber denke ich nach, hier, in der wüste. Finde ich neue antworten auf meine fragen? Stelle ich mir überhaupt noch dieselben fragen?« Das wird er mit sich selbst ausmachen müssen. Roes jedenfalls läßt seinen Stellvertreter in der Wüste zurück. Soll der die Suppe auslöffeln, die versalzen und versandet ist.

»Ich schreibe seit längerem an einem Schmöker, der etwas Beispielloses hat und einer Kritik, die ihre Maßstäbe von dem ableitet, was schon da war, reichlich Anlaß zum Zetern geben wird.« So kündigte Thomas Mann 1928 seinen am Ende vierbändigen »Joseph«-Roman an, an dem er insgesamt 16 Jahre arbeiten sollte. »Es ist ein Roman mit essayistischen Hindernissen, ein Neben- und Ineinander von Epik und Untersuchung, Szene und verspielter Wissenschaftlichkeit.« Heute sehe es beinah so aus, fügte er später hinzu, »als ob auf dem Gebiet des Romans nur das noch in Betracht käme, was kein Roman mehr ist«.

An diese Worte mag Roes - und mit ihm die willfährige Literaturkritik - gedacht haben. Doch nicht alles, was kein Roman mehr ist, ist deswegen schon Literatur. »Leeres Viertel": Ein Schmöker? Ein Schmarren.

Nun hat der Autor seinen Wüstenbericht auch noch an einer Universität als Habilitationsschrift eingereicht. So wie die Dinge liegen, ist nicht auszuschließen, daß er selbst damit Erfolg haben wird.

* Michael Roes: »Leeres Viertel. Rub'' Al-Khali«. Gatza beiEichborn, Frankfurt am Main; 776 Seiten; 49,80 Mark.

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