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SCHRIFTSTELLER Sprachschlachten

Von Herbert Achternbusch, Bayerns Ärgernis und Nationalheiligtum, laufen in München zwei Stücke: »Gust« im Residenztheater und »Mein Herbert« an den Kammerspielen. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Das haben die Bayern nun davon. Weil ihr Zimmermann dem »Gespenst«-Filmer Achternbusch die Zahlung der letzten Rate seiner zugesagten Filmförderung verweigert, wogegen Achternbusch zur Zeit klagt, müssen Münchens staatliche und städtische Theater den pleite gegangenen Dichter durch Aufführung seiner Stücke freihalten. Liberalitas Bavariae, mit einem Hintertürl allerdings, weil nämlich die Inszenierung von »Gust« am staatlichen Residenztheater eine Koproduktion mit dem städtischen Theaterfestival ist.

Was geht und was nicht geht mit den Texten dieses querschädligen, konzentrischen Dichters, demonstrieren beide Aufführungen jeweils auf schwindelerregendem Niveau. In seinen acht Theaterstücken, »meine Altersversorgung«, wie er sie kokett nennt, fast alle monologistische Kotz-Brocken einer würgenden Familienanamnese, betreibt Achternbusch, anders als in seinen Filmen (Die »Olympiasiegerin« ausgenommen), Stammbaumbeschau, Ahnenforschung, auch Liebesmüh für die Verlorenen.

Achternbusch, unehelicher Sohn einer schönen, offensichtlich von der chaotischen Lebensgier der Kriegsüberlebenden getriebenen Frau, wuchs bis zum Abitur bei seiner Großmutter in Breitenbach im Bayerischen Wald im Speicher eines Bauernhofes auf, in dem »für das Leben nicht mehr brauchbare Dinge abgestellt waren. So komme ich mir auch vor, und daß ich es erwähne, ändert nichts«.

Die unverstandene, sehnsuchtsvolle Ferne zur Mutter, die sich in München als Tennislehrerin durchschlug und das wechselvolle Glück wechselnder Liebhaber

jagte, dieses im bergenden Großmutterschoß erlittene Gefühl des Verlassenseins hat ihn geprägt.

»Mein Herbert« (abgedruckt in dem 1982 erschienenen Buch »Revolten") unternimmt den Versuch, vornehmlich durch Zitatenmaterial aus dem umfangreichen Briefwechsel zwischen Breitenbach und München versöhnliche, verständnisvolle Nähe zwischen Mutter und Sohn herzustellen.

Von den ersten, grammatikalisch linkischen Versuchen des guten Schülers Achternbusch bis zu der rührenden Absicht der Mutter, ihren begabten Sohn nach dem Abitur auf die »Akademie der Dichtkunst« zu schicken (Herbert: »Auf einer Akademie der Dichtkunst weht nie mein Wind!"), balanciert dieses Stück quasi auf einer hochgespannten Nabelschnur.

In Achternbuschs jüngst erschienenem Buch »Weg«, einer wunderbaren Hommage an seine Großmutter, findet sich eine kurze »Fabel«, die als Motto über »Mein Herbert« stehen könnte:

»Eine Mutter gab ihrem Sohn alles, was sie hatte. Der Sohn brauchte Geld und verkaufte das Herz seiner Mutter. Er erschlug sie und riß ihr das Herz heraus. Als er es unter dem Rock trug und den Berg hinabging, fiel er arg hin. Da sagte das Mutterherz noch: Bub, hast du dir wehgetan?«

In der von George Tabori inszenierten Aufführung an den Münchner Kammerspielen spielt Gisela Stein - erstmals seit ihrem schweren Unfall wieder in einer großen Rolle - diese Mutter. Mit dem _(Mit Gisela Stein und Cornelia Froboess. )

Pathos einer antiken Tragödin brüllt, rast und faucht sie durch diesen Text, als hieße dessen Verfasser Äschylos. Es ist eine beeindruckende Parforcetour, die das Stück in eine Höhe treibt, wo ihm die Luft auszugehen droht.

Dadurch, daß er Cornelia Froboess, die den Herbert spielt, auch noch dessen Tante Ella darstellen läßt, entwickelt sich, Achternbuschs Text eher benutzend als ihm dienend, ein spannendes, höchst artifizielles Duell zweier Schauspielerinnen, die ihre sehr gegensätzlichen dramatischen Möglichkeiten genußvoll und zur Bewunderung einladend ausschöpfen.

Ein faunischer, widerborstiger, erratischer Achternbusch, wie man ihn aus seinen Filmen kennt, ist das natürlich nicht, den die Froboess da abliefert. Zunächst in kurzer Lederhose, Wadenstrümpfen und Trachtenhütchen auftretend, als wär''s Peter Roseggers Waldbauernbub, erscheint dieser Achternbusch später als Jungdichter mit Schlapphut, Schal und Kippe im Mundwinkel. Ein Mann wie Herbert. Aber die Froboess ist keine Mattes, weshalb ihr Herbert bisweilen wie eine rotzfreche, schnippische Göre wirkt.

Darf man diese Texte derart beholfen, im antiken Faltenwurf drapiert sprechen? So überraschend bühnenwirksam sie sich hier erweisen (gnade ihnen Gott, wenn sie in die Hände weniger brillanter Schauspielerinnen fallen!), das Fehlen jeglicher dialekthafter Einfärbung verleiht ihnen sterile Wirksamkeit, wie kampflos erzielt.

Was das für eine Sprachschlacht in Wahrheit sein müßte, zu der Achternbusch auf die Bühne zieht, das führt der großartige Sepp Bierbichler in »Gust« vor, das der Autor selbst am Residenztheater inszeniert hat. Da erzählt ein

83jähriger Greis, während seine Frau jammernd, röchelnd, kreischend und wimmernd vor sich hinstirbt (ein atemberaubender Lautartist: Robert Spitz), sein Leben als Knecht, Korndrescher und Imker. Er wendet sich dabei direkt ans Publikum, versucht sich, immer tiefer in die Wirren der Grammatik geratend, in jenem Hochdeutsch, das weiland den Komödienstadel auch noch den Ostfriesen verständlich machte. Gust, im übertragenen wie im tatsächlichen Sinne ein Vetter der Ella, Achternbuschs Onkel haust in einem Verschlag, vollgestopft mit Bienenkästen. Im einzigen Bett liegt sterbend seine Lies, die er keines Wortes oder Blickes würdigt, die er nur ab und zu, wenn sie aus dem Bett fällt, wie eine Schweinehälfte dorthin zurückwirft.

Über eineinhalb pausenlose Stunden stampft Bierbichler, ein Heinrich George aus Bayern, durch diesen Verhau und durch das verhaute Leben von Gust, dessen einschneidende und ausführlich breitgewalzte Lebenserfahrungen die Entwicklung von Dreschmaschinen und die medizinischen Geheimnisse des Wundstarrkrampfs waren.

Wirrgraue Haare, vom abgenommenen Käppi ein bleicher Strich auf der lederbraunen Stirn, sieht Bierbichler aus wie ein alter Indianer. Wie er die Wucht der ausgeleierten Gesten, die vom Bier zerfressene, nur noch von hinterfotzigem Genuß und ungebremst aufbrausender Wut getragene Stimmung dieses grindigen Greises spielt, wie er die Sprache prügelt und sich von ihr prügeln läßt, das ist so beeindruckend, daß man den Mangel an mitteilbarer und mitleidfähiger Bedeutung vergißt.

Beide Stücke erhellen die Grenzen von Achternbuschs Theaterarbeit: Aufs allgemeingültige Parkett der hohen Künstlichkeit gezerrt, dort, wo man die Ödibussis verteilt, wirkt Achternbusch so deplaziert wie ein antiker Bauernschrank im ultraschicken Penthouse. Groß und erschütternd bleibt er nur in der Enge des Milieus und des Dialektes. Aber wer kann ihn schon so kongenial umsetzen wie Sepp Bierbichler?

Wolfgang Limmer

Mit Gisela Stein und Cornelia Froboess.

Wolfgang Limmer

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