Sprechen über Corona "Schon Robert Koch beschrieb Erreger als Feinde"

Die Sprache der Bakteriologie und Virologie war immer voller Metaphern über angreifende Fremdkörper. Der Historiker Philipp Sarasin darüber, warum Corona trotzdem nicht als Bedrohung von außen wahrgenommen wird.
Ein Interview von Anne Haeming
Arbeiter in China verpacken Mundschutzmasken

Arbeiter in China verpacken Mundschutzmasken

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Zur Person
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Philipp Sarasin forscht als Wissenschaftshistoriker an der Universität Zürich. Er schrieb unter anderem über "Anthrax. Bioterror als Phantasma” und gab den Band "Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren” heraus.

 

SPIEGEL: Herr Sarasin, Sie haben jahrelang Metaphern in der Bakteriologie erforscht. Was an der Argumentation rund um die Bekämpfung von Covid-19 kommt Ihnen bekannt vor?

Sarasin: Ein Muster gibt es, das immer wiederkehrt: Seit den Anfängen der Bakteriologie in den 1870er-Jahren werden Krankheitserreger mit einem "äußeren Feind" identifiziert. Bereits in den ersten Texten von Robert Koch etwa tauchen dafür die Begriffe des "Fremden", des "heimtückischen Eindringens", der "Migration", ja der "Invasion" auf. Da gibt es auch heute wieder: In einer Gemeinde im Engadin etwa gab es acht frühe Fälle von Covid-19, sie ließen sich zurückführen auf Menschen aus Italien. Dann tauchten dort rassistische Flugblätter auf - gegen Italiener.

SPIEGEL: Also "Fremdkörper" im Wortsinne?

Sarasin: Unsere Vorstellung, was die Krankheitserreger mit uns machen, ist ganz tief geprägt von dieser Sprache, ja. Auch wenn das Coronavirus tatsächlich ein "Feind" unseres Organismus ist: Unsere Körper sind geflutet von Mikroorganismen, von denen uns nur einzelne krank machen. Diese Sprache ist politisch dann problematisch, wenn der Mikroorganismus mit Menschen identifiziert wird - die damit als "gefährlich" gelten. 

SPIEGEL: Das wurde sichtbar am Rassismus gegenüber Menschen mit asiatischem Aussehen, als sich das Coronavirus noch vor allem in China verbreitete, auch das SPIEGEL-Cover Ende Januar wurde deswegen kritisiert.

Sarasin: Ja, aber ich glaube, die Realität der Krise - das heißt: vor allem die Omnipräsenz des Virus - hat diese Art von Rassismus zumindest in Europa nun doch zurückgedrängt. Ich sehe nicht, dass hierzulande Politiker sagen, es handele sich um eine "fremde" Krankheit. Der Erreger wird nicht mehr als "Wuhan-" oder "China-Virus" geframed, wie dies etwa in den USA geschieht.

SPIEGEL: Dennoch gibt es nationale Abschottungstendenzen. Wie passt das zusammen? 

Sarasin: Grundsätzlich würde ich sagen: Reisen und damit Kontakte auch über Grenzen hinweg zu reduzieren, ist vermutlich epidemiologisch sinnvoll. Aber natürlich ist ebenfalls offensichtlich, dass der Rückzug auf die Nation einen starken ideologischen Hallraum hat. Und genau in dieser Hinsicht macht die nicht oder kaum handelnde EU eine ganz schlechte Figur. Die derartige Abschottung eines Gebiets ist natürlich ein altes Konzept, im frühen 19. Jahrhundert nannte man es den "cordon sanitaire"...

SPIEGEL: ...ein Sperrgebiet zu Isolationszwecken...

Sarasin: ...genau. Interessanterweise aber sagte man sich etwa in Danzig in den frühen 1830ern angesichts der nachweislich von Russland herkommenden Choleraepidemie: Eine bewaffnete Grenzlinie wäre gegen den liberalen Geist, weil diese "Handel und Wandel" behindere, also die Wirtschaft schädige. Die Cholera zog dann durch ganz Europa, mit Zehntausenden von Toten. Ich will nicht sagen, ein traditioneller cordon sanitaire hätte diese Katastrophe verhindert. Aber das zeigt: Was epidemiologisch angezeigt und was politisch erwünscht ist, waren schon damals zwei verschiedene Dinge.

SPIEGEL: Heute gibt es andere Ideen, die eher mit autoritärer Kontrolle assoziiert sind - etwa, über GPS-Daten Infizierte zu tracken.

Sarasin: Es kommt darauf an, wie man eine solche Technologie politisch erzählt und wie man sie rechtsstaatlich absichert. Und natürlich darauf, dass man diese Tracking-Werkzeuge danach wieder ausschaltet. Sie dürfen nicht zur neuen Normalität werden.

""Man sieht das Virus nicht, man hat lange keine sinnliche Evidenz – sondern muss glauben, was Behörden und Wissenschaft sagen. Ich würde daher eher sagen, die Bedrohung ist schwer zu fassen. Aber daraus abgeleitet auf Kriegsrhetorik zu setzen, ist hochproblematisch."

Philipp Sarasin

SPIEGEL: Das Tracking macht gewissermaßen auch sichtbar, was sonst unsichtbar ist, denn die Inkubationszeit dauert lange, viele zeigen keine Symptome. Ist das nicht der ideale Boden für Rhetorik, die sich gegen einen Feind richtet, der überall sein kann? Oder gar für die Rede vom Krieg?

Sarasin: In der Tat, man sieht das Virus nicht, man hat lange keine sinnliche Evidenz - sondern muss glauben, was Behörden und Wissenschaft sagen. Ich würde daher eher sagen, die Bedrohung ist schwer zu fassen. Aber daraus abgeleitet auf Kriegsrhetorik zu setzen, ist hochproblematisch: Sie ist tendenziell ein politisches Instrument für autoritäre Strukturen. Aber wir sind nicht im Krieg. Im Gegenteil.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Sarasin: Man kann ja jetzt gerade eine Welle solidarischer Selbstorganisation beobachten. Wir leben in Gesellschaften, die funktionieren. Ironischerweise hat daher sogar Boris Johnson vor Kurzem zugeben müssen: "There really is such a thing as society." Er bezog sich damit auf den berühmten Satz von Maggie Thatcher aus den Achtzigern, die behauptete: "So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht" - es gebe nur Individuen und Familien. Vielleicht ist das Auflösen dieses Phantasmas gegenwärtig das Hoffnungsvollste, das wir erleben.

SPIEGEL: Haben Sie auch neue Metaphern entdeckt in den vergangenen Wochen?

Sarasin: Mir fiel hier in Deutschland vor allem das starke Bewusstsein auf, dass wir alle Träger sein können, auch ohne sichtbare Symptome. Es ist eben nicht mehr "der andere", wir sind es alle. Wir sind Teil des Ganzen, keiner steht draußen. 

SPIEGEL: Robert Kochs "Fremdkörper"-Bilder sind das Gegenteil. Werden wir sie also ein für alle Mal los sein, wenn die Pandemie hinter uns liegt?

Sarasin: Das wiederum glaube ich nicht. Sobald man einen Erreger scheinbar mit einer bestimmten Gruppe identifizieren kann, tauchen diese Bilder mit Sicherheit wieder auf. Denn sie sind nicht zuletzt in der bakteriologischen und virologischen Sprache selbst angelegt: Der Erreger ist immer der "Feind von außen". Sprachlich ist das präsent und bleibt es auch. Nur: In der jetzigen Situation ist das eben eine ausgesprochen unplausible Erklärung.