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AUTOMOBILE Sprödes Mädchen

Noch ein Forschungsauto: Renault hat in Paris »Eve« vorgestellt.
aus DER SPIEGEL 40/1981

So wie es dasteht, wird das Forschungsauto nie in Produktion gehen«, erläuterte der VW-Konzern die Zukunft seines Zukunftsautos. Die Auskunft galt mehr oder minder für alle Forschungs-Prototypen, von denen es auf der Automobilschau in Frankfurt etliche zu sehen gab: Ihre Werkstoffe wären teils zu teuer, teils zu aufwendig zu bearbeiten -- ein Serienbau würde sich daher einstweilen verbieten.

Doch letzte Woche rollte ein weiteres Zukunfts-Automobil ins Blickfeld, dessen Hersteller die Vorbehalte der anderen bewußt vermied. Der französische Automobilkonzern Renault präsentierte in Paris »Eve«, ein Forschungsauto, das »Elemente für ein verbraucherfreundliches Energiesparauto« in sich vereinigte.

Das Fahrzeug, so Renault, nutze »alle Möglichkeiten heutiger Technik«, lasse sich »dennoch in Großserie herstellen": keine exotischen Materialien oder über Gebühr aufwendige Fertigungsverfahren. Gebaut wurde Eve indes vorerst als Einzelstück für Frankreichs Energieministerium, das im Jahre 1979 ersucht hatte, einen »Prototyp für einen besonders sparsamen Wagen« zu entwickeln.

Auf dem Rennkurs von Monthlery erwies sich die Pariserin als sparsames, gleichwohl sprödes Mädchen. Die versammelten Autotester der Fachpresse durften Eve nicht selber testen, sondern nur als Beifahrer erleben. Ein Renault-Manager: »Es waren zu viele.«

Doch selbst als Mitfahrer verließen manche Tester das 4,40 Meter lange Stromform-Auto mit unguten Gefühlen: Einzig auf niedrigen Verbrauch getrimmt, machte mangelnde Lärmdämmung die Eve zur lauten Rumpelkiste, schlechte Federung sowie enge und unbequeme Rücksitze taten das ihrige.

Die französischen Ingenieure hatten sich offensichtlich auf nur zwei Dinge konzentriert:

* Sie senkten den Luftwiderstand auf den beachtlich günstigen Wert von 0,239 (der Durchschnitt europäischer Serienautos liegt bei 0,42).

* Sie erzwangen einen ungewöhnlich sparsamen Wirkungsgrad des Antriebs, indem sie ein stufenloses Automatikgetriebe, gesteuert durch einen Mikroprozessor, mit einem elektronisch kontrollierten Vergaser kombinierten.

Das Getriebe entpuppte sich als eine moderne Version der Riemen-Automatik, mit der einst das stufenlose »Variomatic«-Getriebe dem putzigen holländischen Kleinwagen Daffodil zu gläubiger Kundschaft (aber nicht zum Überleben auf dem Markt) verholfen hatte. Mit diesen technischen Hilfen gelang es, den vom Renault 5 übernommenen Benzinmotor (53 PS) sogar bei höheren Geschwindigkeiten in niedrigen, kraftstoffsparenden Drehzahlen zu halten.

Zusätzlich erwies sich die beim neuen Renault 9 angewendete Technologie als hilfreich. Die Karosseriebauer verarbeiteten mehr Leichtmetall und Kunststoff als üblich, bauten dünneres Glas ein, so daß ihr Auto mit 845 Kilogramm ein Leichtgewicht der Mittelklasse wurde.

So kam es, daß der auf besonderen Energiespar-Reifen und extrem leichten Kunststoffrädern rollende, windschnittige Prototyp sogar bei Tempo 150 mit einer Antriebsleistung von nur S.276 35 (von 53 verfügbaren) PS auskommt, einer Geschwindigkeit, für die ein durchschnittliches Mittelklasseauto nach den Berechnungen der Techniker 60 Pferde mobilisieren müßte.

Neuartige Instrumente mit Leuchtdiagrammen informieren den Fahrer unablässig über den spezifischen Kraftstoffverbrauch in Gramm pro Kilowatt und Stunde sowie den Verbrauch in Litern je 100 Kilometer. Bei dauernder Höchstgeschwindigkeit (157 km/h) soll der Verbrauch des Fahrzeuges nicht über 9,7 Liter steigen. Als Durchschnittsverbrauch nannte Renault 5,4 Liter, im Stadtverkehr 6,6 Liter.

Noch günstigere Verbrauchswerte erwarten die Techniker von der Weiterentwicklung »unseres rollenden Laboratoriums«. Außer neuen Motoren sind noch sparsamere Getriebe geplant.

Die Techniker wollen dabei sogar jene Energie zurückgewinnen und nutzen, die bislang beim Bremsen entfleuchte.

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