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Literatur Spuk mit Frauen

aus DER SPIEGEL 21/1996

Gespenster haben es schwer. Allenfalls in Hollywoodfilmen oder Kindermärchen dürfen sie ihren Schabernack treiben, bei Geschäftsessen, romantischen Mondscheinnächten oder Gartenpartys sind sie eher unerwünscht. Die amerikanische Schriftstellerin Alison Lurie, 69, bislang ganz dem Diesseits verbunden, beweist in ihrem neuesten Buch, daß nichts die ereignislose Alltagswelt einer Haus- oder Karrierefrau so durcheinanderwirbelt wie ein schöner kleiner Spuk. In ihren zehn spannenden Erzählungen tauchen nette Geister, aber auch solche der übelsten Sorte auf und machen vernunftbetonten Frauen das Leben schwer. Da ist die junge Dinah, die den gutaussehenden, erfolgreichen Greg heiraten will, bis die verstorbene Ilse, ihre Vorgängerin, plötzlich als Gespenst in der Küche sitzt. Zum weiteren Personal in Luries Gruselkabinett gehören ein hinterhältiger Geist, der Mordgelüste entwickelt, die Bewohner eines verhexten Swimmingpools sowie ein eifersüchtiger Untoter, der seine ehemalige Verlobte jedesmal heimsucht, wenn sie mit einem neuen Verehrer ausgeht. Lurie, die für ihren poetischen und komischen Roman »Affären. Eine transatlantische Liebesgeschichte« 1985 den begehrten Pulitzer-Preis erhielt, schildert beklemmend unvermittelt, wie die normale Wirklichkeit krachend auseinanderbricht, wie ihre Heldinnen keinem eigenen Gedanken mehr zu trauen wagen. Selbst die sympathischen, durchaus wohlmeinenden Spukgestalten, die vor tückischen Männern warnen oder Trost spenden wollen, verunsichern die Frauen zunächst, lassen sie an Selbsttäuschungen, Seelenabgründe und Wahnvorstellungen glauben. Lurie erzählt ihre Phantom-Storys, die Otto Bayer übersetzt hat, mit Ironie und Bosheit, ihr Stil besitzt Leichtigkeit und Eleganz. Und in jeder Geschichte spürt der Leser Luries ernsthafte Neugier: Sie interessiert sich für die widerstrebenden Kräfte in den Menschen, für ihre Irrungen und Wirrungen bei dem Versuch, die richtige Balance zu finden in einer absonderlichen Welt.

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