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Medizin Spuren im Nebel

Acht Jahre früher als mit gängigen Methoden könnte eine Schreckenskrankheit entdeckt -- und so wahrscheinlich geheilt -- werden: Lungenkrebs. Die neuen Verfahren wurden in den USA entwickelt.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Im Frühstadium verläuft die Krankheit meist symptomfrei. Und wenn die Ärzte sie endlich -- meist zufällig -- entdecken, ist es oft zu spät: Kaum einer von zehn Patienten lebt, wenn die Krankheit erkannt wurde, noch länger als fünf Jahre.

Jedes Jahr sterben annähernd 20 000 Bundesbürger an Lungenkrebs. Hoher Zigarettenkonsum und Luftverschmutzung begünstigen seine Entstehung.

Nun aber errangen amerikanische Mediziner einen bedeutsamen Erfolg bei der Früherkennung von Lungenkrebs. Unter der Leitung des Pathologen John K. Frost hat ein Mediziner-Team an der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Staat Maryland) eine Untersuchungsmethode entwickelt, mit der das Leiden frühzeitig diagnostiziert werden kann -- lange bevor etwa bei einer Röntgenuntersuchung die Krankheit zu entdecken ist.

Hergeleitet wurde die neuartige Diagnose-Technik von dem sogenannten Pap-Test, der sich seit Jahrzehnten als Standardhilfsmittel bei der Früherkennung von Gebärmutterkrebs bewährt hat. Dabei entnimmt der Gynäkologe dem Gebärmuttermund der Patientin einen Zellabstrich, der sodann unter dem Mikroskop auf krankhafte Zellveränderungen untersucht wird.

US-Mediziner Frost und sein Team wandten nun die Pap-Test-Technik bei der mikroskopischen Untersuchung des Sputums (Auswurf) ihrer Patienten an. Im Gegensatz freilich zum Vaginalabstrich, der schon im Frühstadium einer Krebserkrankung eine Vielzahl abnormer Zellen enthält, finden sich selbst im Sputum nachweislich Lungenkrebskranker nur sehr wenig Krebszellen.

Um die Ausbeute zu erhöhen, verfielen die US-Mediziner auf einen Trick. Vor der Sputum-Entnahme mußte der Patient eine halbe Stunde lang einen speziell aufbereiteten Sprühnebel tief einatmen, der etwa vorhandene Krebszellen auch in entlegenen Teilen der Lunge noch gleichsam löst und in den Rachenraum transportiert.

Werden auf diese Weise Krebszellen zutage gefördert, so beginnt, wie die Forscher es umschrieben, »eine Art Entdeckungsreise in die Lunge.

Mit Hilfe eines sogenannten flexiblen Bronchoskops suchen die Mediziner in die verschiedenen Verästelungen der Bronchien vorzudringen und den Tumor zu lokalisieren. Bei einer weitergehenden röntgenologischen Kontrolle *Mit Bronchoskop.

-- mit Hilfe eines einzuatmenden Kontraststaubs aus Tantal -- wird der Befund sodann abgesichert. Das Kontrastmittel machte es möglich, selbst Lungentumore von nur wenigen Millimeter Durchmesser zu beobachten.

An 600 Männern, die über 45 Jahre alt und fast ausschließlich Raucher waren, hat das Frost-Team die neue Diagnose-Technik mittlerweile mit Erfolg erprobt. Auch das Nationale Krebsforschungsinstitut der USA, das die Arbeit der Baltimore-Mediziner finanziell unterstützt, zeigte sich von den vorläufigen Resultaten angetan: An der Mayo-Klinik soll das Verfahren demnächst an etwa 6000 Patienten nochmals eingehend getestet werden.

Für den allgemeinen Gebrauch freilich scheint der neue Test vorerst noch zu teuer -- eine Untersuchung kostet rund 300 Mark. Frühestens in fünf Jahren, so schätzt Mediziner Frost, könnten diese Kosten auf etwa sechs Mark pro Patient gesenkt werden.

Zuvor aber, wahrscheinlich schon in den nächsten zwei Jahren, will Frost das Verfahren so weit verbessern, daß Gruppenuntersuchungen möglich sind -- mit einer mobilen Testeinheit, ähnlich den Untersuchungs-Omnibussen zur Früherkennung der Tuberkulose.

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