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Komponisten Spuren verwischt

Die Beethoven-Forschung hat dem Komponisten schon wieder eine neue »Unsterbliche Geliebte« untergeschoben.
aus DER SPIEGEL 29/1972

Sie grübeln und recherchieren nun schon 150 Jahre lang. Die Musikwissenschaft fahndet nach Beethovens »Unsterblicher Geliebten«.

Denn die drei Liebesbriefe, die Beethoven an »meinen Engel, mein alles, mein Ich« geschrieben hat und die in seinem Nachlaß gefunden worden sind. geben den Namen der Empfängerin nicht preis -- lediglich ihren mit »K.« bezeichneten Aufenthaltsort. Welchem »theuersten Wesen« und »eintzigen Schatz« also mochte die »Sehnsucht mit Thränen« gegolten haben?

Eine Dame von Schönheit und Stand muß es wohl gewesen sein. Der dunkelhäutige, blatternarbige Komponist hatte einen erlesenen Geschmack; das niedere Frauenvolk war ihm ein Greuel. Deshalb suchten die Namensforscher die »Unsterbliche Geliebte« allein in den feinen Kreisen.

Mal geriet die Gräfin Giulietta Guicciardi, mal die schwärmerische Dichter-Schwester Bettina Brentano in den Verdacht, die Auserwählte gewesen zu sein. Dann wieder behauptete die Musikwissenschaft, die ungarische Adelstochter Therese Brunswick habe Beethoven zum »Glücklichsten und Unglücklichsten zugleich« gemacht. Von ihrem »Louis« soll sie sogar 1809 einen Sohn empfangen haben -- das jedenfalls meint die Budapester Musikologin Györgi Safran nachweisen zu können.

Die Biographen exhumierten außer dem die Berliner Sängerin Amalie Sebald und die aristokratische Pianistin Anna Maria Erdödy. Vor zwei Jahren schließlich gab der amerikanische Musikgelehrte H. C. Robbins bekannt, di »Unsterbliche Geliebte« könne niemand anders als die Wiener Baronin Dorothea Ertmann gewesen sein.

Allein, auch diese Entdeckung vermochte den Forscherdrang nicht zu lähmen. Und nun -- tatsächlich -überrascht wieder ein Beethoven-Experte die mittlerweile amüsierte Fachwelt mit einem neuen Namen des »eintzigen Schatzes«. In der Version des New Yorker Historikers Maynard Solomon heißt die Geliebte Antonia Josepha Brentano aus der Wiener Adelsfamilie von Birkenstock, Gattin des Frankfurter Kaufherrn und Beethoven-Vertrauten Franz Brentano.

Wie seine Vorgänger stützt sich auch Solomon auf ein paar sichere Fakten und viel Spekulation. Er geht von der Tatsache aus, daß Beethovens Briefe am 6. und 7. Juli im böhmischen Teplitz geschrieben worden sind, die »Unsterbliche Geliebte« eine Wienerin war. Sie muß Beethoven zwischen dem 2. und 4. Juli 1812 in Prag getroffen und in eben der Woche, als der Komponist die Liebesgrüße schrieb, in Karlsbad gelebt haben. Einer älteren Biographie entnahm Solomon den Hinweis, der Name der Gesuchten beginne mit dem Buchstaben A.

Beweise fand Solomon in zeitgenössischen Dokumenten, beispielsweise in einer Notiz der »kaiserlich-königlich Prager privilegierten Oberpostamts-Zeitung«, nach der Franz Brentano am 3. Juli in Prag angekommen sein soll. Die Kurliste von Karlsbad zeigte an, daß der Kaufmann, samt Familie, dort zwei Tage später anreiste.

Da die andere Beethoven-Freundin mit einem A-Initial« Amalie Sebald, zu diesem Zeitpunkt in Berlin wohnte, folgert der Wissenschaftler, nur Antonia könne die wahre Beethoven-Geliebte gewesen sein.

Solomons Argumente klingen plausibel. Denn die anmutige Kaufmannsfrau -- sie starb 1869 -- galt als eine der begehrtesten Salon-Schönheiten Europas. Sie war zehn Jahre jünger als der Komponist, eine begabte Pianistin und sensible Kunstkennerin. Beethoven widmete ihr seine »33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli«. Goethe schmeichelte ihr mit Briefen. Warum nur hatten alle anderen Forscher diese Grande Dame übersehen?

Solomon hat dafür eine simple, vielleicht zu simple Erklärung. Er meint, daß der amerikanische Beethoven-Ikonograph Alexander Wheelock Thayer (1817 bis 1897), Verfasser einer unvollendeten dreibändigen Biographie, von der Zuneigung Beethovens wußte und alle Antonia-Spuren absichtlich verwischte, um die Familie vor einem Skandal zu bewahren. Andere Gelehrte, so Solomon, hätten Thayer blind vertraut oder einfach nicht wahrhaben wollen, daß der angeblich so sittenstrenge Künstler der verheirateten Frau nachgestellt haben könnte.

Wie dem auch sei -- während die Beethoven-Gemeinde sich anschickt, Solomons Fundsache zu überprüfen, wird, so ist zu befürchten, bereits ein weiterer Späher nach einer neuen Geliebten Ausschau halten.

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